303

31.07.2018 Walter Gasperi

Die Studenten Jule und Jan sind im Grunde ziemlich verschieden, doch auf der Reise im Wohnmobil von Berlin quer durch Europa nach Portugal kommen sie sich langsam näher. Der Vorarlberger Hans Weingartner verbindet in seinem entspannten Roadmovie gesellschaftspolitische mit sehr privaten Diskussionen und Liebesfilm mit einer Liebeserklärung an die Vielfalt des grenzenlosen ländlichen Europa. Vertrauen kann er dabei auf seine wunderbar natürlich spielenden Hauptdarsteller Mala Emde und Anton Spieker.


Das Rilke-Zitat «Dieses ist das erste Vorgefühl des Ewigen: Zeit haben zu lieben» steht am Beginn des fünften Spielfilms des 1970 in Feldkirch geborenen Hans Weingartner. «Zeit haben» kann man in vielfältiger Weise auf «303», dessen Titel sich auf das Mercedes-Hymer Wohnmobil bezieht, mit dem die Protagonisten unterwegs sind, beziehen. Denn einerseits hat sich Weingartner für «303» seit seinem letzten Film «Die Summe meiner einzelnen Teile» sieben Jahre Zeit gelassen – oder aufgrund einer schwierigen Finanzierung Zeit lassen müssen –, andererseits lässt sich dieses Roadmovie – zumindest in der in Deutschland und Österreich gezeigten Fassung - auch 145 Minuten Zeit für eine im Grunde sehr einfache Liebesgeschichte.

Vorhersehbar ist, dass sich die Wege der Biologiestudentin Jule (Mala Emde) und des Politik-Studenten Jan (Anton Spieker) kreuzen werden, wenn sie am Beginn in Parallelmontage vorgestellt werden. Sie ist soeben bei einer wichtigen Prüfung durchgefallen, er erhält ein angestrebtes Stipendium wegen seiner liberalen Haltung nicht.

Weil Jule zudem noch schwanger ist, will sie mit ihrem alten Wohnmobil zu ihrem Freund, der im portugiesischen Friedensforschungszentrum Tamera an seiner Dissertation arbeitet. Jan wiederum möchte seinen ihm unbekannten leiblichen Vater, von dessen Existenz er erst vor wenigen Jahren erfahren hat, in Bilbao endlich treffen.

Als Jan an einer Tankstelle bei Berlin nach einer Mitfahrgelegenheit sucht, nimmt Jule ihn mit, doch bald kommt es zu einer heftigen Diskussion über Selbstmord, nach der sie den Tramper wieder aussteigen lässt. Nochmals werden sie sich wenig später in der einzigen dramatischen Szene des Films auf einer Raststätte treffen, wieder wird sie ihn mitnehmen und wieder werden sie ausgiebig diskutieren, doch trotz der gegensätzlichen Meinungen sich zunehmend näher kommen.

Ganz auf die beiden Protagonisten konzentriert sich der Film ab dieser zweiten Begegnung, wechselt in souveränem Timing zwischen Diskussionen über gesellschaftliche Fragen zur Spezies Mensch, zu Kooperation versus Konkurrenzdenken und zu Liebe und Sex, langsamer persönlicher Annäherung und Blicken auf die Protagonisten im Wohnmobil und die sich verändernde europäische Landschaft.

Leicht hätten solche Diskussionen prätentiös und schwer zu ertragen werden können, doch «303» bewahrt eine beglückende Leichtigkeit, weil Emde und Spieker diese Dialoge offenbar völlig verinnerlicht haben, sie mit größter Natürlichkeit bringen und auch die Chemie zwischen ihnen stimmt, sodass man ihre Annäherung in Blicken, Gesten und Berührungen hautnah miterlebt.

Wie Richard Linklaters «Before»-Trilogie lebt so auch «303» von dieser Ungezwungenheit und Frische, die auch durch den weitgehenden Dreh mit der Handkamera erzeugt wird, doch anders als beim Amerikaner, der bei seine Beziehungsgeschichten fast in Echtzeit erzählte und sich auf einen Ort konzentrierte, spielen hier eben auch die Zeit und der Raum eine große Rolle.

Näher ist Weingartners Film in dieser Beziehung wohl den frühen Roadmovies von Wim Wenders, denn wie dieser speziell in «Paris, Texas» so erzählt letztlich auch Weingartner vom Abstand zwischen Räumen und Menschen und der Zeit, die es braucht, diese zu überwinden.

Auf Plotpoints und große Wendungen kann der 48-jährige Filmemacher dabei getrost verzichten. Er vertraut ganz auf seine wie improvisiert spielenden Hauptdarsteller, denen er viel Raum lässt, die gelöste Inszenierung, der die Planung, die zweifellos dahintersteckt, nie anzumerken ist, den perfekt kontrollierten Erzählrhythmus und die großartige Musik von Michael Regner, die punktgenau eingesetzt wird und die Stimmung immer wieder hervorragend intensiviert.

Ganz selbstverständlich kann Weingartner so in die sich entwickelnde Liebesgeschichte seine politischen Botschaften verpacken, zeigt immer noch sein gesellschaftspolitisches Engagement, beschränkt sich dabei aber im Gegensatz zu seinem Erfolgsfilm «Die fetten Jahre sind vorbei» auf Diskussionen statt Aktionen.

Gleichzeitig feiert dieses Roadmovie, das mit seiner langen Fahrt statt einem kurzen Flug ebenso wie mit seinem entschleunigten Erzähltempo auch einen Kontrapunkt zum heutigen schnellen Leben und der aktuellen Filmszene setzt, auch die Vielfalt des ländlichen Europa.

Abseits der Hauptrouten bewegt sich der Film, dessen Reiseroute auf der Website nachverfolgt werden kann. Nur in Deutschland geht es auf der Autobahn dahin, ehe es auf Landstraßen durch Belgien, Frankreich und Spanien geht. Der Wert der Grenzenlosigkeit wird hier anschaulich vor Augen geführt, wenn keine Grenzkontrollen passiert werden müssen und jedes neue Land von den Protagonisten begrüßt wird.

Fern sind hier Probleme von der Landwirtschaft über die Umweltverschmutzung bis zum grassierenden Nationalismus und der Ausländerfeindlichkeit, die sonst oft thematisiert werden. Vielmehr präsentiert Weingartner ein geradezu idyllisches Europa mit lieblichen Dörfern, Flusslandschaften, einer Burg und einem Kloster bis hin zu den großartigen Picos de Europa. Auch in diesen Bildern, die wesentlich zum magischen Reiz von «303» beitragen, wird die Utopie nach einer anderen und besseren Welt, die diesen federleichten und sommerlich hellen Liebesfilm durchzieht, geradezu physisch spürbar.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und im Kino Rio in Feldkirch

Trailer zu «303»

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