Junckers Torkeln

23.07.2018 Kurt Bracharz

Nachdem der EU-Abgeordnete und FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky dem Präsidenten der EU-Kommission Jean-Claude Juncker wegen dessen angeblichen Akoholproblems den Rücktritt nahegelegt hatte und damit bis jetzt zwar keine Reaktion bei Kanzler Kurz und anderen Türkisen, wohl aber sofort heftige Reaktionen in Internet-Foren ausgelöst hatte, übernahm die Mehrzahl der Poster die Formulierung, man müsse sich ja nur den Video-Clip ansehen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können, und zwar genau die Meinung, Juncker sei beim Nato-Gipfel so betrunken gewesen, dass er torkelte und gestützt werden musste. Seriöse Medien wiesen hingegen auf Junckers schweren Unfall vor 30 Jahren hin, seit dem er ein Rückenleiden mit Ischiasanfällen und Krämpfen in den Beinen haben soll.


Ich hatte Junckers Verhalten bei der Aufstellung zum Gruppenfoto vor dem Galadiner eher zufällig am selben Tag in den deutschen Fernsehnachrichten gesehen (Trolle behaupten, im TV sei die Szene nicht gezeigt bzw. geschnitten worden), als man noch nichts von Vilimskys Attacke ahnte, und war dabei in einer privilegierten Situation: Ich hatte in der Nacht davor selbst einen Ischias-Anfall gehabt und danach Tage lang anhaltende Probleme beim Gehen.

Juncker will auf einen kleinen Absatz steigen, setzt den rechten Fuß darauf, kann den linken Fuß nicht nachziehen und setzt deshalb den rechten wieder zurück, worauf ihm seine Nachbarn unter die Arme greifen. Diese Bewegung kannte ich, sie spielte sich sehr ähnlich ab, wenn ich mit dem falschen Fuß zuerst in den Bus stieg (dessen Stufe wesentlich höher ist als jener Absatz, auf den Juncker treten wollte). Ein Betrunkener wäre entweder über den Absatz gestolpert oder jedenfalls nach vorne getaumelt und hätte sicher nicht einen gezielten Schritt rückwärts gemacht, um beide Füße wieder auf gleiches Niveau zu bringen.

Soviel zum Geschwätz, man müsse ja nur das Video ansehen, um zu erkennen, dass Juncker hackedicht ist. Dass er gerne trinkt, ist bekannt, dass er vielleicht zuviel trinkt, ist auch möglich, aber dieser Vorfall ist jedenfalls kein Beleg dafür.

Mittlerweile gibt es doch einiges Hin und Her, vor allem seit sich der Bundespräsident zur Sache geäußert hat, was Vilimsky zu der für einen österreichischen Politiker doch bemerkenswerten Aussage veranlasste, Van der Bellen sei nicht sein Präsident. Strache hat sich wie zu erwarten zu Vilimsky bekannt, und auch ganz Unnötige haben sich zu Wort gemeldet, so etwa der Vorarlberger FPÖ-Chef Christof Bitschi in einem ORF-Interview. Er versicherte, «voll und ganz» hinter Vilimsky zu stehen, denn er habe bereits erkannt, dass Juncker «nicht der Mann ist, der die Probleme der Europäischen Union löst», sondern kaum ein Fettnäpfchen auslässt und oft zu Kritik Anlass bietet. Vilimsky sei der einzige, der sich traue, das auszusprechen. Was antwortete Bitschi auf die Frage, ob Juncker seiner Meinung nach betrunken gewesen sei? «Ich glaube, jeder Vorarlberger, der diese Videoaufnahmen gesehen hat, kann sich selbst ein Bild von den Vorgängen machen.»

Ja, und von Christof Bitschi kann man sich auch allmählich ein Bild machen. Wallners Empfehlung, das Hirn einzuschalten, scheint er jedenfalls noch nicht nachgekommen zu sein.


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