Lust der Täuschung

15.08.2018

17.08.2018 bis 13.01.2019  Kunsthalle München

Seit jeher spielt die Kunst mit unserer Wahrnehmung und führt uns vor Augen, wie leicht wir zu täuschen sind. Seien es antike Fresken, die räumliche Tiefe simulieren, barocke Kirchenausstattungen, die das Irdische um göttliche Sphären zu erweitern scheinen oder heutige computergenerierte virtuelle Welten, in die man interaktiv eintauchen kann, anstatt sie nur zu betrachten: Auf der Grundlage der optischen und technischen Erkenntnisse ihrer Zeit entwickelten Künstler stets neue Gestaltungsmittel, um ihr Publikum auszutricksen und es mit ihrer Kunstfertigkeit zu verblüffen.


Mit Exponaten aus Malerei, Skulptur, Video, Architektur, Design, Mode und mit Virtual-Reality-Arbeiten bietet die Ausstellung einen höchst abwechslungsreichen und unterhaltsamen Parcours durch die (Kunst-)Geschichte und ihre visuellen Spielformen von Schein und Illusion. Durch die thematische Gegenüberstellung von Objekten aus
verschiedenen Jahrhunderten deckt die Schau überraschende Traditionslinien auf und lädt dazu ein, der Umwelt mit wachem Blick zu begegnen.

Kunst, die versucht, ihre Betrachter zu täuschen, setzt an den unterschiedlichsten Stellen der unbewusst ablaufenden Prozesse von Sehen und Erkennen an. Sie macht sich zunutze, dass unsere Wahrnehmung äußerst fehleranfällig ist. Denn das Auge nimmt schneller und mehr wahr, als das Gehirn verarbeiten kann. Die Menge an Reizen, die das Auge aufnimmt, muss gefi ltert, organisiert und im Abgleich mit bereits gemachten Erfahrungen bewertet werden. Die faszinierende Wirkung täuschender Kunst entsteht, indem der Betrachter ihrer Täuschung visuell erliegt, zugleich aber realisiert, dass er es mit einem Trick zu tun haben muss.

Und selbst wenn die Konstruktionsweise von Werken wie Hans Peter Reuters Kachelraum (1976) oder James Turrells Ellipse (2017) durchschaut ist, kann man sich ihrer Sogwirkung nicht entziehen. Diese unterhaltsame Wechselwirkung aus Täuschung und Ent-Täuschung berührt auch existentielle philosophische Fragestellungen: Wie verlässlich ist unsere Wahrnehmung? Wie steht es um unser Bild von der vermeintlichen Realität? In Zeiten von Photoshop und digitaler Filmanimation führen uns z.B. Evan Pennys abfotografi erte hyper-realistische Porträtbüsten (2011) vor Augen, wie leicht wir etwas auf einem Foto Dargestelltes für «wahr» halten und getäuscht werden können.

Viele visuelle Täuschungen sind heute fester Bestandteil unseres Alltags. Dabei ist die Geschichte von Optik und künstlerischer Täuschung aufs Engste mit der technischen Weiterentwicklung der Medien verbunden: Der illusionistischen Wirkung einer Filmvorführung der Gebrüder Lumière konnten sich 1896 die damaligen Zuschauer – so die berühmte Anekdote – nicht entziehen: Sie meinten, ein Zug würde aus der Leinwand auf sie zurasen. Beim heutigen kinoerfahrenen Betrachter löst dieser Film keinen vergleichbaren Effekt mehr aus. Einen ähnlich überraschenden Moment kann jedoch in der Ausstellung erleben, wer eine Virtual-Reality-Brille aufsetzt und in Chris Milks Arbeit «Evolution of Verse» (2015) eintaucht – noch ist das Medium so neu und die Umsetzung so überraschend, dass die Wahrnehmung eindrucksvoll getäuscht wird.

Künstlerische Augentäuschungen wurden schon immer genutzt, um unterschiedlichste Funktionen zu erfüllen. So zeigt die Ausstellung, wie sich unter anderem die Kirche die unmittelbare Überzeugungskraft von Bildern früh zunutze machte: Sie setzte illusionistische Bildwerke ein, um Glaubensinhalte zu vergegenwärtigen. Der überaus realistisch dargestellte Kopf von Johannes dem Täufer des spanischen Bildhauers José de Mora (1642–1724) löst zum Beispiel bis heute zugleich Grauen und Mitgefühl aus und führt das Schicksal des Heiligen in unmittelbarer physischer Präsenz vor Augen. Solche Verbildlichungen dienten als wichtiges Mittel der Contemplatio, der Einfühlung und Andacht. Eine direkte Verbindung zum göttlichen Himmelreich wurde vor allem in der Ausstattung barocker Kirchen mit beeindruckenden Deckengemälden geschaffen, wie in der Ausstellung unter anderem anhand des Entwurfs von Johann Jakob Zeiller für das Kuppelfresko in der Stiftskirche von Ottobeuren (um 1760) zu sehen ist.

In der Renaissance erwuchs ein neues Interesse an der sichtbaren Welt und ihren optischen Phänomenen. Forschungen führten zum Beispiel zur Entdeckung der Regeln der Zentralperspektive, die es möglich machten, zweidimensionalen Bildwerken eine überzeugende Tiefe zu verleihen. Auch erste Anamorphosen entstanden im Rahmen
perspektivischer Studien: Ihre Motive lassen sich nur von einem einzigen Standpunkt aus oder mit einem speziell gebogenen Spiegel als Hilfsmittel erschließen. Diese optische Raffinesse begeisterte nicht nur die Wissenschaft, sondern inspirierte auch zur Schaffung beeindruckender Kunstwerke, wie dem für die Ausstellung reproduzierte 1642 entstandene, rund 20 Meter lange Fresko aus dem römischen Kloster Trinità dei Monti. Auch die Erscheinungsformen der Natur mit ihren oft imposanten Formen der Täuschung wurden gesammelt und untersucht: Seien es Tiere, die mimetisch Farben und Formen ihrer Umgebung nachahmen, natürliche Steinformationen, die wie gemalte Landschaften aussehen (Pietra Paesina), oder getrocknete Rochen, die Monstern gleichen: Solche wunderlich täuschenden Dinge stellte man in spektakulären Kunstkammern, Kuriositätenkabinetten und optischen Sammlungen aus, die ebenso der Bildung wie auch dem Staunen und der Unterhaltung dienten.

Im 17. Jahrhundert spezialisierten sich zunächst in den Niederlanden, später vor allemin Frankreich, einige Maler auf illusionistische Gemälde, die heute als Trompe-l’œils, «Augentäuschungen», bekannt sind. Anstatt durch Tiefenwirkung, bestechen diese Werke vor allem dadurch, dass das Dargestellte aus der Bildebene heraus in Richtung der Betrachter zu ragen scheint. Werke von Cornelis Gijsbrechts (1630–1683), Wallerant Vaillant (1623–1677) oder Edwaert Collier (1640–1708) verfehlen auch heute nicht ihre Wirkung: Die Perfektion, mit der diese Meister Objekten wie angepinnten Papieren, gebrochenen Glasscheiben oder drapierten Stoffen Räumlichkeit und Haptik verliehen, ist immer noch höchst beeindruckend. Künstler wie Gerhard Richter oder Thomas Demand greifen diese Form der Illusion in Werken wie «Blattecke» (1967) oder «Glas» (2002) wieder auf.

Ein weiteres Kapitel widmet sich speziellen Formen der Täuschung wie der künstlerischen Aneignung, der Kopie und der Fälschung. Den Stil großer Meister nachzuahmen, trug über viele Jahrhunderte zum Ruhm eines Künstlers bei. Auch war es üblich, originalgetreue Kopien von Kunstwerken herzustellen. Als in der Romantik die Idee vom geistigen und künstlerischen Eigentum aufkam und die Fotografie wenige Zeit später die Reproduktion von Kunstwerken maßgeblich vereinfachte, entstand eine neue Wertschätzung des Originals. Der Akt des Kopierens erschien nun als moralisch verwerfl ich – und bei trügerischer Absicht sogar als krimineller Akt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzen sich Künstler immer wieder gezielt mit der Frage um Original und Kopie auseinander. Die Ausstellung bietet mit Werken wie der «Beschneidung Christi» (1594) von Hendrick Goltzius, «Christus und die Ehebrecherin» (1942) von Han van Meegeren, «Johns Flagge» (1966) von Elaine Sturtevant oder den Brillo-Boxen (1964) von Andy Warhol einen Überblick über diesen spannenden Bereich der Kunstgeschichte. Die Perfektion, mit der es neuerdings möglich ist, im 3D-Druckverfahren Meisterwerke wie die Gemälde van Goghs so zu reproduzieren, dass jeder Pinselstrich reliefartig kopiert wird, entfacht die Diskussion um das Original heute von Neuem.

Je beiläufiger täuschende Objekte in unseren Alltag eingebunden werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf sie hereinfallen. So genoss man schon in der Tafelkultur des 18. Jahrhunderts das Erstaunen der Gäste, wenn sich der auf dem Tisch platzierte Kohlkopf als Suppenschüssel aus Porzellan erwies. Bis heute werden Objekte in Manufakturen hergestellt, die sich in diese Tradition der «Schaugerichte» stellen. Im Möbeldesign finden sich besonders viele Beispiele der Materialtäuschung: So sieht Marcel Wanders aus Seil geknoteter «Knotted Chair» (1996) aus, als sei er äußerst flexibel, tatsächlich ist er jedoch mit Epoxydharz
überzogen und damit absolut stabil. Der scheinbare Plastik-Stapelstuhl (2008) von Sam Durant dagegen wurde tatsächlich aus ebenso kostbarem wie fragilem Porzellan gefertigt. Auch die Mode wird seit Jahrhunderten von verschiedenen Täuschungsstrategien bestimmt: Unter dem Gewand getragene Korsagen täuschen Wespentaillen vor, gepolsterte Unterhemden simulieren Muskeln und Perücken lassen Haare über Nacht wachsen. Couturiers wie Jean Paul Gaultier oder Viktor&Rolf gehen hingegen in ihren Kreationen äußerst spielerisch mit unserer Vorstellung vom perfekten Körper um.

Die Ausstellung schließt mit verblüffenden Raumillusionen, die von altägyptischer und pompejanischer Scheinarchitektur über barocke Deckengemälde und historistische Prunktapeten bis hin zu zeitgenössischen Rauminstallationen reichen. Dabei wird unter anderem deutlich, in welcher Tradition die neue Technik der Virtual Reality steht, die Räume in bisher unbekannter illusionistischer Wirkung (wieder-)entstehen lassen kann: In der seit 2016 entstehenden virtuell begehbaren Rekonstruktion des Kaisersaals der Bamberger Residenz findet sich der Besucher in der Welt der Fürsten des 18. Jahrhunderts wieder. Laurie Andersons und Hsin-Chien Huangs spektakuläre VR-Installation Chalkroom, die 2017 auf den Filmfestspielen von Venedig als bestes VR-Erlebnis ausgezeichnet wurde, lädt den Besucher hingegen ein, den realen Raum zu verlassen und durch ein faszinierendes imaginäres Universum zu fliegen.


Lust der Täuschung
Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality
17. August 2018 bis 13. Januar 2019

Kunsthalle München
Theatinerstraße 8
D-80333 München
T: 0049 (0)89 22 44 12
E: kontakt@kunsthalle-muc.de
W: http://www.kunsthalle-muc.de


Öffnungszeiten

täglich 10 - 20 Uhr

 


  • Toast VR (Richard Eastes, Toni Eastes, Daniel Todorov): Richie’s Plank Experience, 2017; Virtual Reality/ Unity3D/ Holzplanke. © Toast VR
  • Pierre Gilou: Trompe l’œil mit hängenden Trauben, 1992. 41 x 33 cm, Öl/Leinwand; Besitz des Künstlers. © Pierre Gilou
  • Hans Peter Reuter: Kachelraum ohne Ding Nr. 110, 1976. 272 x 322 x 15 cm, Öl/ Leinwand/ Sperrholz; Besitz des Künstlers. © Hans Peter Reuter / VG Bild-Kunst 2018, Bonn
  • Gerhard Richter: Blattecke, 1967. 23,9 x 18 cm, Offsetdruck/ weißer, granulierter Halbkarton; © Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung, Kleve / Leihgabe aus einer Privatsammlung. Foto: Annegret Gossens, Kleve
  • Edwaert Collier: Trompe L’œil mit Briefen, einem Stich von Erasmus von Rotterdam, Federkiel, Taschenuhr, Siegelwachs und anderen Objekten, um 1706. 54 x 67 cm, Öl/Leinwand; © Courtesy of Rafael Valls Ltd, London. Foto: David Brown
  • Frans van Cuyck de Myerhop: Stillleben mit Vögeln, um 1670. 120 x 93 cm, Öl/Leinwand; Musea Brugge © www.lukasweb.be – Art in Flanders vzw. Foto: Hugo Maertens
  • Cornelis Gijsbrechts: Trompe L’œil mit Atelierwand und Vanitas-Stillleben, 1668. 152 x 118 cm, Öl/Leinwand; © Statens Museum for Kunst, Kopenhagen
  • Georges Méliès: Bildnis eines Mannes, um 1883. 63,5 x 52 cm, Öl/Leinwand; Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln. © Rheinisches Bildarchiv Köln
Kunsthalle München
Theatinerstraße 8
D-80333 München
T: 0049 (0)89 22 44 12
E: kontakt@kunsthalle-muc.de
W: http://www.kunsthalle-muc.de


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täglich 10 - 20 Uhr

 


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