Jesus von Nazareth

21.07.2018 Bernhard Sandbichler

... wurde hingerichtet und in weiterer Folge verehrt: süß schlummernd als Jesulein, inbrünstig beandachtet in der Christus-Johannes-Minne, flammend beschworen zu Herz Jesu. Dass er uns als Unbequemer eine «fremde Gestalt» ist, diskutiert jetzt Bischof Hermann Glettler mit dem Psychiater Michael Lehofer.


  • Achse 1: Diagnose
    Jesus, so schreiben Glettler und Lehofer, «ist und bleibt die faszinierendste Persönlichkeit der Menschheit.»

  • Achse 2: Prognose
    Wer nur den «domestizierten» lieben Jesus anerkennt, sich aber nicht mit dem sperrigen, fremden, unbequemen konfrontiert, dem entgehen spirituelle Kraft und Lebendigkeit in der Beziehung zu ihm: alles kitschig, reaktionär, seicht - bloß eine «wohltemperierte Religiosität». Das Scharfe und Bittere machen die «Würze der geistigen Speise der Heiligen Schrift».

  • Achse 3: Entwicklung
    «Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?» (Joh 6,60) Jesus entwickelte sich nicht so, wie es die Pharisäer aus den Schriften herauslasen oder selbst seine Jünger es sich wünschten. Er war anders. An uns liegt es, «unsere Vorstellung von Jesus von falschen Wünschen und Projektionen zu reinigen».

  • Achse 4: Intelligenz
    Etwas von der spirituellen Überheblichkeit und vom spirituellen Absolutheitsanspruch Jesu findet sich auch bei Glettler/Lehofer. Hin und wieder gewinnt man den Eindruck, dass sich die beiden Herren in ihrer Exegese geradezu überpredigen. Alles menschlich.

  • Achse 5: Körper
    «Wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus!» Will heißen: Löse Probleme! Allerdings nicht auf Kosten anderer: «Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.» Kein Wunder, dass die Mächtigen der Welt diesen Lästerer nicht gerne hören.

  • Achse 6: Psyche
    «Als sie ihn über den See gehen sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst und schrien auf.» Glaube zeigt sich am Unglaublichen.

  • Achse 7: Alltag
    «Ich bin gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!» Jesus ist kein Meister der oberflächlichen Harmonisierung, sondern Dränger auf Entscheidung: um Frieden zu stiften, müssen wir konfliktfähig sein. Solche Erkenntnisse sind viel wichtiger, als demütig «sein Kreuz auf sich zu nehmen» und zu leiden. «Auch Schweine gehen mit gesenktem Kopf», wird der Heilige Vater Franziskus zitiert, und Pierre Goursat, Gründer der Emanuel-Gemeinschaft: «Wirkliche Demut heißt, sich keine Sorgen zu machen.»

Hermann Glettler, Michael Lehofer: Die fremde Gestalt. Gespräche über den unbequemen Jesus. Wien u.a.: Styria Verlag 2018, 160 Seiten, EUR 22,00

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