Zweimal am Tag

16.07.2018 Kurt Bracharz

In den letzten Tagen, während Trumps Auftritten in Brüssel und London, und schon kurz zuvor las man in mehreren Zeitungen und Zeitschriften Leitartikel mit Überschriften im Sinne von «Wo Trump Recht hat». So hieß es beispielsweise in der österreichischen Tageszeitung «Die Presse» vom 11. Juli: «Wo Donald Trump tatsächlich im Recht ist.»


Der einer vermuteten Leserskepsis geschuldete vorsichtige Unterton («tatsächlich») war unnötig, es dürfte jedem klar sein, dass selbst Trump Recht haben kann, so wie eine stehen gebliebene Uhr zweimal am Tag einen Moment lang die richtige Zeit anzeigt.

In all dem krausen Zeug, das der amerikanische Präsident ununterbrochen von sich gibt, sind klarerweise auch vernünftige Aussagen und Forderungen enthalten, es ist einfach soviel ambivalentes Gequassel, dass nicht alles ein solcher Stumpfsinn sein kann wie zum Beispiel seine Kommentare zu Theresa May, Boris Johnson und zum Brexit. Und eine Zeitlang kann Trump sich ja vielleicht auch merken, was ihm Berater gesagt haben – wobei man unter ihnen auch keine Leuchten wahrnimmt, eigentlich von Anfang an nicht, aber es ist mit Trumps Hire & Fire-Wahn noch schlimmer geworden, siehe Mike Pompeo oder John Bolton.

Die Journalisten meinten in den oben angesprochenen Artikeln, dass Trump Recht habe, wenn er die Europäer auffordere, mehr für ihre Rüstung auszugeben – die bekannten zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das ist unabhängig von Trumps Forderungen notwendig, insbesondere bei einem isolationistischen US-Präsidenten und einem undurchsichtigen russischen Staatschef. Es ist höchste Zeit, nicht mehr auf den US-amerikanischen Militärschild für Europa zu setzen, gleichgültig, wer nach Trump kommt. Wenn die Deutschen eigene Atomwaffen erzeugten, würde sich Trump bei Merkel so wohl fühlen wie bei Kim, allerdings müsste sie ihn dann nicht mehr willkommen heißen.

Ja, das war ein Scherz. Aber da der Name des Nordkoreaners nun schon gefallen ist, muss doch das eigentliche Problem mit Donald Trump angesprochen werden: Er ist mittlerweile wohl der einzige, der nicht glaubt, dass er bei den koreanischen «Verhandlungen» mühelos über den Tisch gezogen worden ist. Was hat Trump in der Koreafrage außer seiner freiwilligen Schwächung der amerikanischen Flottenpräsenz im Pazifik erreicht? Dass Kim sein Atomarsenal heimlich – soweit das die Satellitenaufklärung zulässt – nach wie vor verbessert, ist so gut wie sicher.

Was wird Trump am Montag mit Putin schwatzen, einem Politiker, der – ob man ihn nun mag oder nicht – jedenfalls dem Amerikaner, der in Europa mit Theodore Roosevelts Big Stick, aber ohne das vorgeschaltene «Speak softly» auftritt, in jeder Beziehung weit überlegen ist. Ein Ex-KGB-Mann, der Jelzins Ausverkauf Russlands an den Westen gestoppt hat, gegen einen Immobilienhai und Pleitier, dessen erklärte Geschäftspolitik es war, Rechnungen nicht zu bezahlen, das wäre ein intellektuell allzu einseitiges Duell, aber dazu kommt es ja nicht, es wird zumindest einseitig auf eine Männerfreundschaft gehofft.


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