Thelma

24.07.2018 Walter Gasperi

Nach seinem Ausflug in die USA mit «Louder than Bombs» kehrt der Norweger Joachim Trier mit diesem Mix aus Coming-of-Age-Geschichte, Familiendrama und übersinnlichem Thriller in seine Heimat zurück: Visuell brillant und stark gespielt, aber inhaltlich auch ziemlich verstörend.


Schon zu Schwarzfilm kündigt dunkle und schwere Musik einen düsteren Psychothriller an. Verstörend ist dann auch die erste Szene, in der ein Mann mit einem Mädchen über einen zugefrorenen See wandert und im nahen Wald sein Gewehr lädt. Zunächst legt er auf das Reh an, doch dann richtet er den Gewehrlauf auf das Mädchen. – Statt dass ein Schuss fällt, folgt aber das Insert des Titels.

Erst spät wird sich der Sinn dieser Szene aufklären, während der Blick auf die unter der Eisdecke schwimmenden Fische, schon bald als Metapher für die Beklemmung der inzwischen gut 18-jährigen Thelma (Eili Harboe) gelesen werden kann. Wenn die Kamera in God´s eye view auf dem Platz vor der Osloer Uni zwischen den anderen Passanten, die zu zweit oder zu dritt unterwegs sind, langsam auf diese allein dahin gehende junge Frau fokussiert und sich im Zoom ihr nähert, erweckt das schon den Eindruck einer Ausgeliefertheit des Menschen an eine höhere Macht. – Mehrfach wiederholen sich im Film diese Top-Shots, die wie Bilder einer Überwachungskamera wirken und verunsichern.

Thelma ist neu an der Uni und hat aufgrund ihrer Schüchternheit kaum Kontakt. Täglich wird sie aber von ihren Eltern angerufen, die genauestens über ihr Leben informiert sein wollen, per Internet verfolgen, welche Vorlesungen sie besucht, wissen möchten, ob sie kocht oder in die Mensa geht und was sie isst.

Die junge Frau studiert zwar Biologie, doch bald wird klar, dass sie damit aufgrund ihrer streng christlichen Erziehung ein Problem hat. Nicht mit der Evolutionslehre ist sie nämlich aufgewachsen, sondern glaubt an die biblische Schöpfungsgeschichte.

Ähnlich wie Sandra Hüller in Hans-Christian Schmids «Requiem» stürzt sie bald in eine Krise aufgrund der Zerrissenheit zwischen dieser religiösen Sozialisation und dem profanen Uni-Leben. Ein Anfall führt sie mit der Studentin Anja (Kaya Wilkins) zusammen, die das Studentenleben genießt, einen Freund hat, Alkohol trinkt.

Hin- und hergerissen zwischen den elterlichen religiösen Regeln und der Sehnsucht nach Anschluss und Lebensgenuss ist Thelma, geht bald mit auf Partys, schottet sich aber dann wieder ab. Wenn sie von einer Schlange träumt, wird deutlich, dass sie sich als Sünderin fühlt. Dennoch empfindet sie bald tiefere, sie selbst schockierende Gefühle für Anja.

Ein starkes, aber auch etwas aufdringliches Bild für diese Beklemmung und den Versuch diesen Deckel zu sprengen, setzt Trier, wenn Thelma im Schwimmbad glaubt zu ertrinken, sie lange nicht die scheinbar von Fliesen verschlossene Oberfläche durchstoßen kann, bis ihr das doch gelingt und sie erschöpft, aber befreit an den Beckenrand schwimmt.

Bis hierhin ist «Thelma» eine ruhig, aber konzentriert erzählte, bestechend fotografierte und von Eili Harboe in der Hauptrolle ebenso intensiv wie feinfühlig gespielte Coming-of-Age-Geschichte. Doch zunehmend mischen sich in diese realistische Ebene einerseits übernatürliche Elemente, andererseits öffnen Rückblenden in die Familiengeschichte und schließlich Thelmas Rückkehr auf das elterliche Landhaus Einblicke in eine Familientragödie.

Da wird dann auch klar, dass dieser fundamentalistische Glaube keine Tradition in der Familie hat, sondern, dass erst ein traumatisches Ereignis die Eltern zum Glauben führte.

Nicht ganz leicht macht es Trier dem Zuschauer freilich mit diesem Mix, denn einerseits ist das eben nicht klassisches Genrekino, andererseits mit der übernatürlichen Ebene, die ebenso wie die kühle und kontrollierte Inszenierung an Brian De Palmas «Carrie» und David Cronenbergs «Dead Zone» erinnert, auch kein typischer Arthouse-Film.

Andererseits muss man «Thelma» natürlich gerade wieder dafür schätzen, dass er sich nicht in ausgetretenen Bahnen bewegt, sondern etwas riskiert und dabei durchaus auch spannende und im Kino selten formulierte Fragen aufwirft. Denn es geht eben nur am Anfang um das Spannungsfeld, in das Jugendliche durch die Differenz zwischen konservativer Erziehung und neuem Umfeld geworfen werden. Zunehmend rückt bald die Frage nach dem Bösen im Menschen, aber auch nach möglichen übersinnlichen Kräften oder auch der Kraft des menschlichen Willens ins Spiel.

Keinen großen Hokuspokus benötigt Trier dazu freilich, sondern entwickelt seinen eigenwilligen, aber durchgängig spannenden und bestechend aufgebauten Thriller ganz aus dem Alltäglichen heraus. Zu packen versteht der Norweger den Zuschauer auch dadurch, dass er konsequent aus der Perspektive der Protagonistin erzählt, den Zuschauer somit in ihre Position versetzt, ihr Unwohlsein und ihre Zerrissenheit hautnah nachempfinden lässt.

Das Gefühl der Verunsicherung nimmt der Zuschauer dabei aufgrund der Schlusseinstellung, in der sich die Kamera mittels Zoom wieder vom Platz in die Vogelperspektive oder God´s eye view entfernt mit. Hier wirft der Film nämlich nochmals die Frage auf, wessen Perspektive das eigentlich ist. – Eine menschliche kann es jedenfalls nicht sein.

Wird vom Filmforum Bregenz am Mittwoch, den 25.7. um 20 Uhr und am Freitag, den 27.7. um 22 Uhr gezeigt (norwegische O.m.U.)

Trailer zu «Thelma»

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