71. Locarno Festival: Starker Start des Wettbewerbs

04.08.2018 Walter Gasperi

01.08.2018 bis 11.08.2018  Filmfestival Locarno

Der Chinese Liang Ying und der Amerikaner Kent Jones setzen erste Akzente im Wettbewerb des Tessiner Filmfestivals. Während Ying in «A Family Tour» leise, aber eindringlich und bewegend davon erzählt, wie sich die politischen Verhältnisse auf das private Leben auswirken, zeichnet Jones mit einer großartigen Mary Kay Place in der Hauptrolle in «Diane» das dichte Porträt einer Frau, die sich ganz für andere aufopfert.


Autobiographisches packt Liang Ying in «A Family Affair», wenn er von einer chinesischen Regisseurin erzählt, die seit ihrem letzten Film im Exil in Hongkong leben muss. Wie diese Regisseurin erzählte nämlich auch Ying in seinem 2012 in Locarno preisgekrönten «When Night Falls» aus der Perspektive einer Mutter über den Prozess und die Hinrichtung ihres Sohnes, der bei einem Prozess sechs Polizisten ermordet haben soll.

Seit fünf Jahren hat die Regisseurin deshalb ihre Mutter, die zudem bald operiert werden muss, nicht sehen können, nur aus Internet-Chats kennt diese ihren inzwischen vierjährigen Enkel. Eine gleichzeitige Busreise der Mutter durch Taiwan und ein Besuch der Regisseurin mit Mann und Sohn in diesem Land soll nun ein heimliches Treffen ermöglichen.

Genau achtet zwar die Reiseleiterin, die auch als Stellvertreterin des repressiven chinesischen Staates gelesen werden kann, darauf, dass die alte Frau am Besichtigungsprogramm teilnimmt, doch immer wieder ergeben sich dazwischen Möglichkeiten zu Treffen mit Tochter, Schwiegersohn und Enkel.

Direkt wird hier immer wieder die chinesische Politik angegriffen, wenn die Mutter erwähnt, dass das Grab des Vaters wegen des Baus einer Straße verlegt werden muss, auch ihr Haus Bauprojekten weichen muss, und die Haft des Vaters ebenso angesprochen wird wie die Niederschlagung der Bewegung von 1989.

Auch das harte Vorgehen gegen Filmschaffende wird kritisiert, wenn die Regisseurin annehmen muss, dass zwei Produzenten ihres nächsten Films von der Polizei verschleppt wurden, oder ihr Mann, der Filmfestivals kuratiert, erklärt, dass man die Kontrollmaßnahmen und Einschränkungen durch Organisation kleinerer Veranstaltungen, die weniger Aufmerksamkeit erregen, umgehen kann.

So klar und scharf der Film auf dieser verbalen Ebene aber auch in der Regimekritik ist, so leise, ruhig und zurückhaltend ist er in der Inszenierung. In langen distanzierten und statischen Einstellungen und in gedeckten Farben sind die Gespräche gefilmt, aber es ist gerade diese Diskrepanz zwischen scharfer Kritik und sanft-unaufgeregter Form, durch die «A Family Tour» bewegende Kraft entwickelt.

Eindrücklich macht Ying bewusst, wie das Politische das private Leben beeinflusst und die Familien zerreisst, sodass sich die Regisseurin nur als Fremde fühlen kann, gleichzeitig erinnert er aber auch mit Taiwan als Schauplatz an die Zerrissenheit Chinas in zwei Staaten.

Ganz auf die von der 71-jährigen Mary Kay Place großartig gespielte Titelfigur fokussiert dagegen der Amerikaner Kent Jones, der bisher mehrere Dokumentarfilme drehte und das New York Film Festival leitet, in seinem Spielfilmdebüt «Diane». Ständig ist diese Frau auf den winterlich verschneiten Landstraßen von Massachusetts unterwegs, kümmert sich bald um Kranke und Alte, sitzt dann wieder am Krankenbett ihrer Cousine, die an Krebs im Endstadium leidet, oder hilft bei der Ausgabe von kostenlosem Essen an sozial Bedürftige. Immer denkt die selbstlose Frau zunächst an die anderen, nie an sich.

Große Sorgen bereitet ihr aber ihr drogensüchtiger Sohn, der offenbar einen Entzug abgebrochen hat. Auf ihre Ratschläge und Ermahnungen reagiert er nur ablehnend, wird schließlich aber durch eine Sekte von seiner Sucht loskommen, allerdings nur um in einen religiösen Wahn zu fallen.

Gegenpol zu Diane ist dieser Sohn, der immer nur an sich denkt, doch auch bei ihr wird schließlich klar, dass Schuldgefühle das Motiv für ihr selbstloses Handeln sind.

Ein klassischer US-Independent-Film ist das nicht nur im starken Porträt der Protagonistin, sondern auch in der realistischen Erzählweise und in der atmosphärisch dichten Verankerung der Handlung in der amerikanischen Provinz. Ungeschminkt und ohne jede Verklärung wird dieses frostige Setting von Wyatt Garfields Kamera eingefangen und ungeschönt und aus dem Leben gegriffen wirkt nicht nur die Protagonistin, sondern auch die Nebenfiguren. - Zumindest die Ökumenische Jury hat hier schon einen Film, den sie am Ende bei der Preisvergabe in ihre Überlegungen einbeziehen könnte, und mit Mary Kay Place gibt es auf jeden Fall auch schon eine Anwärterin für den Preis als beste Darstellerin.

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  • A Family Tour; Taiwan, Hong Kong, Singapore, Malaysia 2018. DCP · Color · 107' · o.v. Mandarin/ Cantonese/ Taiwanese
  • A Family Tour; Taiwan, Hong Kong, Singapore, Malaysia 2018. DCP · Color · 107' · o.v. Mandarin/ Cantonese/ Taiwanese
  • A Family Tour; Taiwan, Hong Kong, Singapore, Malaysia 2018. DCP · Color · 107' · o.v. Mandarin/ Cantonese/ Taiwanese
  • Diane; USA 2018. DCP · Color · 94' · o.v. English
  • Diane; USA 2018. DCP · Color · 94' · o.v. English

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