Die Frau, die vorausgeht

10.07.2018 Walter Gasperi

Bildstark erzählt Susanna White vom Engagement der Malerin Catherine Weldon für die unterdrückten Sioux in Nord-Dakota. Jessica Chastain brilliert in der Hauptrolle, doch allzu glatt ist dieses in getragenem Rhythmus erzählte Drama inszeniert, lässt Ambivalenzen vermissen.


Mit einem im Voice-over referierten Brief, den die New Yorker Witwe Catherine Weldon (Jessica Chastain) 1889 an den Sioux-Häuptling Sitting Bull schrieb, mit der Bitte ihn malen zu dürfen, rafft Susanna White knapp den Hintergrund und kann die Porträtmalerin schon im ersten Bild das Gemälde ihres vor einem Jahr verstorbenen Mannes in einen Fluss werfen und die Trauer damit ablegen lassen.

Ganz den historischen Fakten entspricht das freilich nicht, denn in Wirklichkeit hieß Weldon mit Vornamen Caroline und nicht Catherine und ihr Mann starb nicht, sondern sie wurde schon 1883 von ihm geschieden. Unterschlagen wird vom Film auch, dass sie einen Sohn hatte, den sie in den Westen mitnahm.

Schon in der nächsten Einstellung sitzt Weldon jedenfalls im Zug in Richtung Indianerreservat in Noth-Dakota und staunt über die endlose gelbe Prärie, die am Fenster vorbeizieht. Schon auf dieser Fahrt trifft sie auf Colonel Groves (Sam Rockwell), der im Auftrag des Kriegsministeriums einen hinterhältigen Vertrag mit den Indianern abschließen soll und sich wenig begeistert von ihrem Vorhaben zeigt. Wenig Hilfsbereitschaft erfährt sie auch am Zielbahnhof und so muss sie sich alleine zur Kleinstadt durchschlagen.

White geht es ganz offensichtlich nicht nur um eine Aufarbeitung der Unterdrückung und Diskriminierung der Ureinwohner, sondern auch um das Porträt einer selbstbewussten und starken Frau, die sich in dieser Männergesellschaft nicht einschüchtern lässt. Ihre Stärke wird später auch Sitting Bull (Michael Greyeyes) bewundern und er wird ihr den Namen «Frau geht voraus» geben.

Ideal besetzt hat White die Protagonistin mit der 41-jährigen Jessica Chastain, die in den letzten Jahren von der Osama bin Laden Jägerin in Kathryn Bigelows «Zero Dark Thirty» über die Lobbyistin in John Maddens «Miss Sloane – Die Erfindung der Wahrheit» bis zur Poker-Königin in Aaron Sorkins «Molly’s Game – Alles auf eine Karte» immer wieder starke Frauen gespielt hat.

Der für die Region zuständige Beamte möchte Weldon gleich wieder mit dem nächsten Zug setzen und zurück in den Osten schicken, doch die Malerin widersetzt sich und es gelingt ihr Kontakt zu Sitting Bull zu knüpfen. Zeigt auch dieser sich zunächst abweisend, kann sie ihn mit ihrer Hartnäckigkeit dann doch zunehmend beeindrucken.

Beide sind sie Außenseiter, sie als Frau, er als Ureinwohner, beide versuchen für ihre Rechte zu kämpfen, doch die Übermacht der Weißen und schwere Niederlagen haben den Sioux-Häuptling fast gebrochen und ihn sich mit seinem Dasein als Bauer abfinden lassen. Unter Weldons Einfluss wird er aber wieder aktiv und mobilisiert seine Stammesmitglieder, die Stimme gegen einen Parzellierungsvertrag zu erheben, durch den den Sioux weiteres Land weggenommen werden soll.

Zu viel packt die britische Regisseurin hier zweifellos hinein, wenn zur Aufarbeitung der Unterdrückung der Indianer und der feministischen Position auch noch dem militärischen Kampf das demokratische Mittel der Wahl als Möglichkeit zu kämpfen und zu siegen, gegenübergestellt wird.

Bitter freilich der Schlusskommentar dazu, wenn diese demokratische Entscheidung von den weißen Machthabern nicht nur ausgehebelt wird, sondern sogar benutzt wird, um militärisch gegen die Indianer vorzugehen. Eindrücklich erinnert der Film im Nachspann mit Inserts und originalen schwarzweißen Fotos ans Massaker am Wounded Knee, bei dem 300 Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.

Doch so ehrenwert das Anliegen Whites ist, so stark das von Jessica Chastain und Sam Rockwell gespielt ist und so großartig die Landschaftstotalen der weiten Ebenen von Nord-Dakota sind (Kamera: Mike Eley), so leidet «Die Frau, die vorausgeht» doch an einer allzu glatten und geradlinigen Inszenierung. Hier gibt es keine Bruchstellen und Ambivalenzen. Da sind auf der einen Seite Weldon als hehre Kämpferin für Menschenrechte und Sitting Bull als edler Wilder und auf der anderen die gewalttätigen und rachsüchtigen Weißen.

Verzichten hätte man auch auf die Liebesgeschichte, die White hier zwischen Weldon und Sitting Bull aufkeimen lässt. Einerseits wird der Film hier, obwohl diese Annäherung sehr zurückhaltend inszeniert ist, wird, sentimental, andererseits lässt er es aufgrund seines getragenen Erzählrhythmus auch an Durchschlagskraft, Schärfe und Biss vermissen, die angesichts der historischen Realitäten nötig wären.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung)

Trailer zu «Die Frau, die vorausgeht»

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