Jubelsprache

08.07.2018 Haimo L. Handl
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Anlässlich des 240. Todestages von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) habe ich mir wieder Werke von ihm vorgenommen um zu prüfen, ob mein negatives Urteil, das ich mir gebildet hatte, meine Abscheu und sogar Verachtung, zu revidieren wäre. Bücher lesen sich ja je nach Erfahrungsschatz, Alter und Wissen anders. Aber die Lektüre führte nur zu einer Bestätigung meiner Ablehnung dieses Schwärmers und Träumers und seiner schlimmen Widersprüchlichkeit. Zwar lassen sich neben Ablehnungen (Zivilisationskritik, Naturideal und totalem Staatskonzept) auch Sätze oder Ansichten finden, die für sich gelesen durchaus Zustimmung finden, aber im Kontext seines Werkes und, vor allem, seiner Haltung, keinen Bestand aufweisen; sie sind mir eher Zeugnis einer sektenhaften Sprache von der Vorherrschaft des Gefühls, des eigenen, authentischen Erfahrungsgehalt wider alle Gemeinschaft und Gesellschaft, als ob der Einzelne rein aus sich, ohne jede Konvention und ohne jedes Regelwerk zu agieren vermöchte. Seine späteren Ausführungen konterkarieren seine frühen gefühlsduseligen Positionen. Er ist fürwahr ein Wegbereiter der Tyrannei, im Kern ein Gutmenschterrorist (ein Vergleich mit Maximilian Robespierre, 1758-1794, ist hoch interessant!).


Der Mensch ist zwar ein Tier, aber eines, das sich kultiviert hat. Die Rede vom „natürlichen Menschen“ folgt einem untauglichen Konzept. Es gibt Apologeten Rousseaus, die betonen, man müsse seine Person, seine Biographie unbedingt beachten, weil ohne sie das Werk widersprüchlich oder unverständlich erscheine. Das ist eine wesentliche Schwachstelle. Zu folgern, was er aus X Gründen so oder anders gemeint haben könnte, beantwortet nicht die Fragen nach der Gültigkeit seiner Sätze, seiner Konzepte, Forderungen und Programme. Auch wenn man die Rhetorik der Zeit berücksichtigt, zeigt sich im Kern wenig Annehmbares, außer man teilt seine Haltung, seine Misanthropie, seinen Tugendterror. Rousseaus überaus geschickten, winkeladvokatischen Argumente zur Freiheit im totalen Staat sind nur die Kehrseite des geistigen Terroristen. Seine Haltung kommt jener der Gutmenschen heute, besonders den Gleichheitsaposteln (männlich und, vor allem, weiblich) entgegen. So findet man einerseits eine heftige, prinzipielle Abwehr gegen jede Art von gesellschaftlicher Reglementierung, was von Kurzdenkern als Anarchismus gedeutet werden könnte.

„In unseren Sitten wie im Denken herrscht eine niedrige und betrügerische Gleichförmigkeit. Alle Geister scheinen in die gleiche Form gepreßt. Ohne Unterlaß fordert die Höflichkeit befiehlt der Anstand bestimmte Dinge; immer folgt man dem Gebrauch, nie dem eigenen Genius. Man wagt nicht mehr zu scheinen, was man ist: und in diesem ständigen Zwang tun die Menschen, die jene Herde bilden, die man Gesellschaft nennt, unter gleichen Umständen alle das Gleiche.“

Er schwärmt vom „echten Geist der Wahrheit“, von der „urwüchsigen Sprache“ als einer der Weisheitslehre. Er formuliert den Gegensatz vom natürlichen zum artifiziellen, dem zivilisierten Menschen, von „homme naturel“ und „homme artificiel“, dessen Richtschnur für richtiges Handeln nur die Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis, der echten, ist. In diesem Authentitätskult bleibt vieles unbedacht und unbewiesen, klingt aber revolutionär.

„Woher hätte der Urheber dieser Lehre, woher hätte der Maler und der Apologet der menschlichen Natur sein Vorbild auch nehmen können, hätte er es nicht in seinem eigenen Herzen gefunden? Er hat diese Natur geschildert, so wie er sie in sich selbst fühlte. Die Vorurteile, die ihn nicht unterjocht hatten, die künstlichen Leidenschaften, denen er nicht zum Opfer gefallen war, – sie verdunkelten für seine Augen nicht, wie für die Augen aller anderen, die ersten so allgemein vergessenen und verkannten Züge der Menschheit. Mit einem Worte: es war nötig, daß ein Mensch einmal sich selbst malte, um uns den primitiven Menschen zu zeigen – und wäre der Autor nicht ebenso einzigartig wie seine Bücher gewesen, so hätte er diese Bücher niemals geschrieben. Aber wo gibt es noch diesen Menschen der Natur, der ein wahrhaft-menschliches Leben lebt; der die Meinung der anderen für nichts achtet, und der sich lediglich von seinen Neigungen und seiner Vernunft leiten läßt, ohne Rücksicht darauf. Was die Gesellschaft, was das Publikum billigt oder tadelt? Man sucht ihn vergebens unter uns. Überall nur ein Firnis von Worten: überall nur das Haschen nach einem Glück, das lediglich dem Anschein nach besteht. Niemand kümmert sich mehr um die Wirklichkeit; alle setzen ihr Wesen in den Schein. Als Sklaven und Narren ihrer Eigenliebe leben sie dahin – nicht um zu leben, sondern um andere glauben zu machen, sie hätten gelebt.“
(Zitate aus den Discours)

Der Pädagoge und Advokat der Echtheit und des natürlichen Menschen gibt implizit die Antwort: ER hat das Wissen, ER lebt die korrekt Haltung, ER kennt das wahre, echte Glück jenseits jeden Scheins, ER ist der Weg und das Licht, ER weist den Weg, ER kümmert sich um die Wirklichkeit. Aber er hält es nicht aus, glücklich zu leben, er will leiden, er will bekehren, er ist ein Missionar, ein Sektierer, ein guter Mensch, ein Halbgott. Er pfeift auf die Gesellschaft, kümmert sich als wahrer Egoist nicht um die Anderen. Aber er ist auch schwach und von Liebe durchflutet und ergriffen, sodass er dennoch zu den Dummen, den Niederen spricht, ihnen die Frohe Botschaft vermittelt. Wie Jesus verausgabt und verschwendet er sich. Ein Perverser.

Die Kritik gemahnt in manchem an spätere Autoren wie Schopenhauer oder Nietzsche, der auch nicht müde wurde, sich selbst zu loben, weil es andere nicht taten. Letzterer war aber hinsichtlich des Staates und seiner Rolle viel klarsichtiger – emanzipatorisch, revoltierend, während der Franzose der totalen Einpassung und Kontrolle das Wort redet.

Die Paradiesvorstellung impliziert, dass jede Entwicklung eine negative weg vom reinen Urzustand ist, hin zur Hölle, zur Entfremdung. Sie bildet den Boden von Rousseaus Schwärmerei und seiner Menschenverachtung.

Tyrannen haben Staaten gebildet und befehligt, die nicht nur Terror kannten, sondern auch Gratifikationen ihren Untertanen boten. Das ist heute wie damals gleich. Auch der Hitlerstaat war nicht nur Terror, ebensowenig der von Stalin oder von Mao Zedong. Noam Chomsky hat richtig erkannt, dass auch mit Hitler ein Frieden möglich gewesen wäre, allerdings nur nach seinen Bedingungen. Das gilt auch für Rousseau: folgt man seiner Doktrin, findet man in seinem Staat die größtmögliche Freiheit.

Heute werden wir permanent umspült und weichgewaschen durch eine floskelhafte Sprache der echten Werte, der authentischen Ziele, der erstrebenswerten Demokratie, der gefährdeten Freiheit usw. usf.

Vor kurzem ist der große, berühmte, meistzitierte deutsche Philosoph Jürgen Habermas mit dem Großen Deutsch-Französischen Medienpreis ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede forderte der Jubilar in seinem „Plädoyer, sich mit politischem Handeln gegen die augenscheinlichen Sachzwänge der Wirtschaft aufzulehnen. Gemeinsam in Europa – und nicht mit nationalen Alleingängen(Deutschlandfunk 5.7.2018). Er bedauerte die deutsche Selbsttäuschung, „gute Europäer“ zu sein und übte Selbstkritik. Der Tenor war klar und eindeutig: Europa gut, Zukunft gut, WENN wir uns nur bemühen, mutig zu sein etc.

In der WELT vom 5.7.2018 äußerte sich Joachim Lottmann etwas zynisch, ernüchtert und enttäuscht über Habermas und Co:

„Voilà: das Establishment. Hierhin verirrt sich in hundert Jahren kein AfD-Wähler. Im Saal sitzt die geistige Elite Deutschlands und Frankreichs. Die Reaktion. Das Justemilieu. Der Geist, der seit fünfzig Jahren die Bundesrepublik dominiert. Mit Jürgen Habermas wird hier heute ein „Meisterdenker“ ausgezeichnet, dessen Denken die Wirklichkeit der 60er- und 70er-Jahre beschrieb, vielleicht sogar schaffte. Unser Koran sozusagen.
Dass seitdem viel passiert ist, ficht diese Leute nicht an. Die Worte hallen weiter durch den hässlichen Bau des postmodernen ZDF-Hauptstadtstudios, wo Habermas an diesem Mittwochabend den Deutsch-Französischen Medienpreis entgegennimmt. „Freiheit“, „Utopie“, „Menschenrechte“, „Vision“, „Friede“, „Solidarität“, „Wahrheit“, „Kultur“, „Demokratie“ und immer wieder „Europa“. Die Mediengewaltigen aus besseren Tagen sprechen, öffentlich-rechtliche Intendanten, Mitarbeiter. Wenn es stimmt, dass wir in einer Mediengesellschaft leben, ist das hier die herrschende Klasse.“

Er schreibt vom Establishment, wie vor 50 Jahren (68er-Kultur), von Prototypen:

„Die Laudatio hält Heiko Maas, unser Außenminister, auch er ein Prototyp, der des gelehrigen Schülers, Strebers und Bubi-Schlaumeiers. Er macht das aber gut. Besser als Habermas.“

Dann geht er auf die Phrasen, die „holen Worte“ (= Klischees) ein:

„Nach ihm, dem „Spiritus Rector der öffentlichen Bundesrepublik“, geht es munter weiter mit den großen hohlen Worten, mit „Integration“, „Freiheit“, „Teilhabe“ und so weiter. Es ist wirklich kaum noch zum Aushalten. Man spricht sich gegen Fake News aus, für den „Kampf gegen Vorurteile“, für eine „kritische“ Berichterstattung. War „kritisch“ nicht immer schon das verlogenste Wort, im Grunde das Vorurteil selbst? Kein Wort auch – nicht einmal das, obwohl es um einen Medienpreis geht – über das Zeitungssterben oder über die Demokratisierungschancen, die das allen zugängliche öffentliche Internet bietet.“

Der Journalist bekennt, dass er Habermas nie mochte, dass er ungerecht sei. Trotzdem eine Wohltat, mal so eine Kritik an der gediegenen, abgeschirmten heilen Welt akademischer und politischer Prominenz zu vernehmen.

Die hohlen Worte bestimmen nicht nur politische Diskurse (sollen diese Art Kommunikationen wirklich „Diskurse“ genannt werden?), die Wirtschaft und Werbung, sondern auch die Kultur, vor allem in der Literatur. Neueste Belege, sozusagen das Neue vom Tage, liefern die Berichterstattungen (welch schönes Wort!) zum Klagenfurter Wettlesen, das in 3SAT breitgewalzt wird. Es sind nicht nur die Juroren bzw. Jurorinnen peinlich, sondern auch die Literatinnen und Literaten und – kultürlich, die Journalistinnen und Journalisten.

In der Süddeutschen Zeitung (5.7.2018) wird der Eröffnungsredner Feridun Zaimoglu, ein literarischer Mitarbeiter des Apparats der Sonderklasse, erwähnt unter dem Titel „Es gibt keinen redlichen rechten Schriftsteller“ Punkt, Basta! Verbürgt Redlichkeit des Rests Qualität? In der moralischen Anstalt vermeintlich schon, real aber nicht. Es wird das Immergleiche des Gleichen beschworen. Es ist, als ob Rousseau auferstanden wäre in weiblichen und männlichen Inkarnationen, die als Literaturtugendwächter bei einer hurösen Personenbeschau ihre Urteile verhökern. In der SZ lese ich:

„Zaimoglus Aufruf zum Mitgefühl ist aber auch ein normativer Appell an die Literatur, über die in Klagenfurt gesprochen werden soll. Er erhebt die klassische Forderung nach einer politischen Literatur, die die im Dunkeln Lebenden repräsentiert.“

Der Aufruf zum Mitgefühl. Das las ich doch vor kurzem bei Jean-Jacques. Wie modern der Zaimoglu ist, wie up to date die Klagenfurter Zirkusshow. Im Tagesspiegel (5.7.2018) heißt es „Erster Tag Bachmann-Preis: Der Text stottert noch“. Weshalb, weil die Bachmann BachMANN heißt, was die Genderpolizistinnen enorm stören muss? Oder weil kein Text die Expertinnen und Experten vom Stuhl reißt (wäre doch ein schönes Fernsehbild, nicht?)? Der Journalist des Tagesspiegels, Gerrit Bartels, sagt es im Schlusssatz seines Artikels:

„Warum erkürt ein White-Trash-Junge ausgerechnet Patrice Lumumba zu seinem Helden, den ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo, der 1961 ermordet wurde? So bleibt der Eindruck nach dem ersten Drittel des diesjährigen Wettbewerbs diffus. Ganz ordentlich, aber kein Siegertext. So wie das Wetter im Verlauf des Tages: Sonne, Wolken, Gewitter, Wischiwaschi – und trotzdem annehmbar.“

Der White-Trash-Junge ist der 1964 in Hamburg geborene Autor Stephan Lohse. Warum er so apostrophiert wird, vermag ich nicht zu erkennen. Interessanter, im negativen Sinn, weshalb gewisse Themen „verboten“ oder nicht ratsam sind. Verbirgt sich dahinter ein neuer Ethnofaschismus, ähnlich dem Sexismus? Nur Frauen dürfen über Frauen schreiben, Weiße nur über Weiße oder ihre Heimat, vor allem, wenn sie Trash, White-Trash, sind? Wer darf was? Weshalb sollen Fremde aus ihrer neuen Fremdenerfahrung außerhalb ihrer Herkunftsländer und -gesellschaften schreiben dürfen, jemand von hier aber nicht von dort, vor allem nicht, wenn männlich und Abfall?

Mir tun weder die Probanden der Zirkusshow leid, noch die Expertinnen. Sie machen mit im Hurengeschäft, sie verkaufen sich, sie gieren nach Aufmerksamkeit. Sie geben vor, mit und über Literatur zu arbeiten. Sie bedienen einen geilen Markt. Einerlei oder Zweierlei, weil alles gleich. Wie meinte doch Bartels: „… und trotzdem annehmbar.“ Eben. Macht ja nix, wir sind ja so tolerant, nehmen alles an, auch das Gequatsche der Expertinnen oder das Geschreibe der Journalistinnen.

Ich las letzthin und lese gegenwärtig wieder Essays von einem sehr produktiven Autor, der sich aber stets dem Literaturbetrieb verweigerte, erfolgreich sogar, nämlich von Heinz Risse (1898-1989). Zwar sind manche seine Überlegungen nicht aktuell oder von anderen Autoren ergänzt, aber vieles zeigt ein kritisches Denken, wie man es heute, vor allem in einem tadellosen Deutsch, das nicht mehr gesprochen und geschrieben wird, leicht vermisst. Ich zitiere aus zwei Essays, „Bemerkungen zum Verfall der Sprache“ sowie „Literaturkritik“, beide enthalten in seinem Buch „Feiner Unfug auf Staatskosten. 12 Essays“ (Merlin Verlag Hamburg 1963).

Zwei Zitate aus dem ersterwähnten Essay:

„Wenn man unterstellt, daß jede Sprache eine Wirklichkeit spiegelt, nämlich die ihr adäquate – die damit ihrerseits den Charakter einer von der Vorstellung unabhängigen Realität verliert –, so ergibt sich, daß die Menschen in zwei nebeneinander bestehenden, zugleich aber einander spiegelnden Welten leben; in einer, die wahrgenommen, empfunden, vor allem aber – nämlich hinsichtlich der abstrakten Begriffe – gedacht wird, und in einer, die aus den Worten besteht, mit deren Hilfe die erste erklärt, deutlich gemacht, mitgeteilt werden kann.“

„Da die Sprache das Spiegelbild der Wirklichkeit ist, leidet sie unter Elephantiasis, indem sie gezwungen wird, in die alten Begriffe immer mehr hineinzupferchen. Worte wie Staatswirtschaft, Demokratie, Verrat, Kultur – um nur ein paar zu nennen, haben einen „Hof“ bekommen, der nicht nur aus der Erweiterung ihrer Bedeutung stammt, sondern auch aus einer – angeordneten oder suggerierten – Wertung, die wir als Sprachregelung zu bezeichnen uns gewöhnt haben.“

Das klingt fast wie ein Kommentar zu Jürgen Habermas und dem deutschen Außenminister Heiko Maas bei der großen Preisverleihung, wo es um die bemühten ewigen Grundsätze der Demokratie, der Freiheit und des Friedens ging, der Verantwortlichkeit usw. usf. Kennte der Journalist Lohmann den Autor Risse, er hätte sich vielleicht inspirieren lassen zu einer Kritik der besonderen „Hof“-Sprache bzw. „Hof“-Berichterstattung.

Im zweiten erwähnten Essay gibt Heinz Risse seinen Vortrag wieder, den er auf Einladung für ein Eröffnungsreferat zur Tagung „Literaturkritik – kritisch betrachtet“, veranstaltet im Oktober 1957 vom Wuppertaler „Bund“, hielt. Er provozierte und polarisierte damit seine Zuhörer, Kritiker, Journalisten, Autoren. Er betont eingangs, selbst keine Kritiken zu seinen Werken zu lesen, aber mit Vergnügen Kritiken an Werken von Kollegen. Dann geht er kurz auf den Begriff „Kritik“ bei Lessing ein, und welche Entwicklung er nahm, nicht zuletzt bei Karl Kraus. Dem schließt er die folgenden Sätze an:

„Das hat sich von Grund auf geändert. Von der Sprache ist heute in der literarischen Kritik weit weniger als ehedem, im Grunde sogar kaum noch die Rede – nicht besonders verwunderlich, scheint mir, da ja viele Kritiker im offenbaren Bestreben, dem durch die Beschränkung auf achthundert Worte Deutsch sprachlich verdorbenen Volk aufs Maul zu schauen, bemüht sind, sich auch in ihren kritischen Verlautbarungen mit dem solchermaßen verringerten, allenfalls durch ein paar simplifizierende Fachausdrücke angereicherten Wortschatz – das Wort ‚Schatz‘ ist hier schon Blasphemie – zu begnügen.“

Ich frage mich, wie Risse heute schriebe, angesichts der social media und der Sprachattacken der gender police. Und wenn man denkerisch in der Lage ist, die Medienentwicklung von den Zeitungen zum Internet zu verstehen, fällt es sicher nicht schwer, den Kern der folgenden Kritik, die sich damals noch an den Zeitungen orientierte, zu verstehen:

„Da Zeitungen und Zeitschriften in der Regel in sogenannten Lagern stehen, die ihnen die Welt bedeuten, richtet sich die Kritik, deren Gegenstand ausschließlich die Kunst zu sein hätte, nunmehr sehr wesentlich danach, inwieweit der Fremdling aus dem Reiche des l’art pour l’art in das Lager paßt, das ihr, der Kritik, Speise, Trank und Obdach gewährt.“

Man übertrage diese Beobachtung auf den Literaturzirkus, wie ihn das schmachvolle aber begeistert verfolgte Bachmannwettlesen bietet. Man lese die Jurorenbefunde, lasse ihre Worthülsen vor dem geistigen Auge sich drehen und rollen und fallen, um die Qualität des Geschwätzes, das sich als Expertise und Kritik gibt, zu ermessen. Denn dort, in Klagenfurt und überall, wo Anhänger dieser und ähnlicher Betriebsveranstaltungen schalten und walten, geht es weder um Literatur noch um Sprache, weder um Denken und Deuten, sondern nur um gekonntes Aufmerksamkeitsmanagement. Eigentlich müssten jene, die das negativ abwerten, sich stärker äußern, indem dort gepriesene Autorinnen und Autoren als Lit Whores, als Literaturhuren verschrien werden, und die Expertinnen und Experten als Bücklinge, Erfüllungsgehilfen, Kollaborateure in einem verwerflichen Täuschungsmanöver. Weshalb soll man das dort Anerkannte schätzen? Weil man mitmacht? Ja, was sonst.

Wohin ist das sensible Denkvermögen gefallen, versunken? Als die DDR ihre Literaten an kurzer Leine hielt, heulten viele westliche Kritiker auf und lobten nicht nur die politische Dissidenz, die sie aus jedem Sprachfehler erlasen, sondern gingen oft sachlich-fachlich, wohlüberlegt auf die Literatur ein, jedenfalls auf einem höheren Niveau, als wir es heute kennen. Heute genügt schon gender und Herkunft aus einem Opferland um als approbiertes Opfer besondere Aufmerksamkeit und salbungsvolle Nichtkritik einzuheimsen. Männer haben es da schwerer, weshalb sie oft „auszucken“ und besonders grob, verwegen böse auftreten, sich selbst verletzten, kotzen und keuchen und dann blöd lachen, so dass die Schmierenpresse, die eklige Journaille, Stoff hat zur Auflagensteigerung bzw. zum Erreichen höherer Zuschauerzahlen.

Dabei geht es, auch bei den sogenannten „Ausfällen“, immer gesittet zu. Keine Überraschungen. Es scheint, als wäre alles eingeplant, organisiert, kalkuliert. So, wie die Literatur gegenwärtig gleichförmig, oft langweilig, sich darbietet, so zahm sind sogar jene, die vorgeben zu bellen als Kritikerinnen und Kritiker, als Hohepriester einer Gemeinschaft (Gesellschaft), die nur noch Basisdenken zu beherrschen scheint in reduzierter, vereinfachter Sprache (EinfachDeutsch oder Leichtdeutsch, wie es heute in unseren Schulen unterrichtet wird). Die Sprache, der sich Aktive wie Passive, Autorinnen, Kritikerinnen wie Leserinnen befleißigen, entspricht dem herrschenden (soll ich sagen „frauenden“?) Tiefstand. Man ist unter sich. Und je näher die Literatur dem Slang der Gratiszeitungen, der Smartness der Werbung entspricht, sozusagen „korrespondiert“, desto erfolgreicher alle Geschäfte und Geschäftigkeiten des Literaturbetriebs, der Bildung, der Kunst und was sonst noch alles. Man tut so „als ob“, man suhlt sich im „Als ob“. Es ist der Triumph dessen, was Heinz Risse in seinem Essay „Das Zeitalter der Jubelsprache“ 1959 als negatives Merkmal der Leistungsgesellschaft brandmarkte. Von diesem Essay habe ich mir erlaubt den Titel zu nehmen für diesen Beitrag.

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