Lustig ist das Lagerleben

02.07.2018 Kurt Bracharz

Das amerikanische Nachrichtenmagazin TIME war nach dem Zweiten Weltkrieg das Vorbild für den deutschen SPIEGEL und andere europäische Magazine. TIME ist aber auch berühmt für seine Titelbilder. Deren aktuellstes zeigt die Begegnung eines weinenden kleinen Mädchens mit einem großgewachsenen Mann, der es eher amüsiert beobachtet, beide vor einem einfachen roten Hindergrund, der klar macht, dass es sich um eine Montage handelt, die beiden begegnen sich offensichtlich im Nichts bzw. eben nur auf diesem Titelbild. Der Mann ist der amerikanische Präsident Donald Trump, 72, das kleine Mädchen Yanela Hernandez, 2, mit seiner Mutter aus Honduras illegal in die USA eingereist. Der Bildtext heißt: «Welcome to America».


So weit, so gut. Die «Neue Kronen Zeitung» vom 1. Juli führte ihrem Leserpublikum einmal vor, was Fake News sind. Der Artikel von Christoph Matzl war mit «Ein Bild und seine wahre Geschichte ...» betitelt. Unklar ist da sowohl, welches Bild eigentlich gemeint ist, nämlich das Titelbild von TIME oder das Foto von John Moore, aus dem das kleine Mädchen für die Montage genommen wurde, und was die Fälschung oder Lüge sein soll, die der Titel des Artikels impliziert. Das Foto von John Moore zeigt US-Grenzbeamte bei der Perlustrierung der Mutter Yanelas und das dabei stehende, weinende Kind. Der Verfasser des Artikels Matzl sieht nun auf diesem «Skandalfoto» «seelenlose Uniformierte», die ein Kind «eiskalt» von seiner Mutter trennen. Es wäre interessant zu erfahren, wie er die Seelenlosigkeit der Beamten, deren Gesichter man übrigens nicht sieht, auf dem Foto erkennen kann. Über den TIME-Titel heißt es dann: «Dass es sich um eine leicht veränderte Fotomontage handelt, sei dahingestellt.» Worin die «leichte Veränderung» besteht, verschweigt Matzl, und ob es sich um eine Fotomontage handelt, darüber könnte man diskutieren, es ist wohl eher eine Collage, wenn nur zwei aus Fotos herausgelöste Elemente kombiniert werden. Aber dass es sich nicht um ein Originalfoto handelt, ist auch dem 100-jährigen Klausner aus der Funklochklamm klar, obwohl er kein Handy mit Foto-Apps besitzt. Für Matzl blickt die kleine Yanela «anklagend» zum Präsidenten auf. Auch das kann man ohne vorgefasste Meinung nicht wirklich sehen, vor allem, weil das Kind im Originalfoto nicht anklagend blickt, sondern einfach nur weint. Wenn jemand nicht weiß, wer Trump ist oder wie er aussieht, müsste er den TIME-Titel für das Bild eines Kindes halten, das weint, weil es im Supermarkt seine Eltern verloren hat, und das ein blonder Security-Trampel (Trump ist 1,90 groß) leicht belustigt betrachtet, weil es so klein und so verzweifelt (und er selbst so groß und so cool) ist.

Matzl formuliert weiter: «Auch wenn die Trennung von Eltern und Kindern in der Tat ebenso herzlos wie unmenschlich ist, im konkreten Fall stimmt die Geschichte halt nicht.» Welche Geschichte? Weder Moores Foto noch der TIME-Titel erzählen eine Geschichte, die wahr oder unwahr sein könnte, das tun erst die Betrachter der Bilder. Hier gibt es nun vermutlich welche, die Moores Foto für das einer Trennung von Mutter und Kind halten, aber Yanela ist nicht von ihrer Mutter getrennt worden (was weder Moore noch die Montage behaupten). Das Online-Magazin «Daily Mail» (auf das ich mich nicht in einem Text berufen würde) hat Yanelas Vater interviewt, der angeblich nicht wusste, dass seine Frau einen Schlepper bezahlt hatte, um (nur) mit dem jüngsten ihrer vier Kinder in die USA zu kommen. Da kommt vielleicht tatsächlich ein Hauch von Fake News ins Spiel. Matzl schließt seinen Artikel in der «Krone» mit den Worten: «Der 32-jährige konnte erst aufatmen, als ihn Behörden offiziell informierten, dass seine Frau Sandra mit dem Töchterlein in einem Lager untergebracht ist: gemeinsam und sicher.» Klar, wer würde nicht aufatmen, wenn er erführe, dass seine Angehörigen gemeinsam und sicher in einem Lager interniert sind!


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