Augenblicke: Gesichter einer Reise - Visages villages

03.07.2018 Walter Gasperi

Mit 89 Jahren hat sich Agnès Varda noch einmal auf eine Reise durch Frankreich gemacht, um Bekanntschaften zu knüpfen und Bilder zu sammeln. Begleitet wurde sie dabei vom 35-jährigen Fotografen und Street-Art-Künstler JR. Das Ergebnis ist ein federleichter Essayfilm über den Wandel der Wirtschaft und des Sozialen, aber auch über Vergänglichkeit und Erinnerungen Vardas an ihr eigenes Leben.


Schon rechnete man damit, dass der vor neun Jahren entstandene «Les plages d´Agnès» der letzte Film der großen Französin Agnès Varda bleiben wird, zog sie darin doch gleichsam eine Bilanz ihres Lebens. Umso erfreulicher und auch begeisternder ist nun ihre Rückkehr.

Verspielt beginnt der Vorspann mit animierten Konterfeis Vardas und JRs, die zwar das Alter trennt, aber ihre Leidenschaft für Fotografie und die einfachen Leute verbindet. In diesem Ton geht es auch weiter, wenn die beiden Künstler beschreiben, wo sie sich – von Bushaltestelle über Bäckerei bis Discothek – eben nicht getroffen haben und wie sie tatsächlich zusammen gekommen sind.

Ein herrliches Duo ergeben die Regisseurin mit ihrem zweifarbigen Haarschopf und der junge Mann, der nie seine Sonnenbrille abnimmt. Wenn sie davon erzählt, dass dieses Detail sie an ihren nicht alten, sondern langjährigen Freund Jean-Luc Godard erinnert, dann wird auch gleich zur Illustration ein Ausschnitt aus einem schwarzweißen Kurzfilm eingestreut, in dem der junge Godard so eine Brille trägt.

Bekannt wurde JR durch Fotografien der Bewohner der Pariser Vorstädte, die er dann als großflächige Poster in Paris und der spanischen Hafenstadt Cartagena anbrachte. Auch in diesem Film wird er solche überlebensgroße Fotos von einfachen Menschen in ihren Wohnorten an Hauswänden fixieren und so einem Briefträger ebenso wie einer Kellnerin oder einem Glöckner Öffentlichkeit verschaffen, sie ins Licht rücken.

Mit Varda reist JR mit einem Lieferwagen mit eingebautem Foto- und Drucklabor durch Frankreich. Nicht die großen Zentren besuchen sie, sondern kleine, teils schon verfallene Orte. Stoßen sie auf eine interessante Person erstellt JR ein schwarzweißes Poster, das an einer Scheune, der Backsteinsiedlung einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung oder auch auf den Containern in einem Hafen angebracht wird.

Einblick in die Vorgangsweise wird erst nach knapp einer Stunde geboten, davor vermitteln aber die Begegnungen und Gespräche immer auch einen Eindruck vom Wandel des Wirtschaftens und einem Schwinden des Sozialen und – ohne dass der Film je dozierend und prätentiös wird – vom vielfachen Vorrang der Rentabilität vor dem Respekt und der Menschlichkeit.

Da erzählt ein Bauer, dass er aufgrund der Maschinen keine Mitarbeiter mehr braucht, sondern seine 800 Hektar alleine bewirtschaften kann, eine Frau, die als letzte noch in einer Bergarbeitersiedlung wohnt, die abgerissen werden soll, erzählt, unterstützt von alten Fotos, von der Arbeit und der Solidarität der Bergarbeiter und im Hafen rückt Varda die Frauen der Arbeiter ins Zentrum. Mit JR blickt sie dabei schließlich von einem auf mehreren Containern aufgestellten Klappstuhl auf eine Containerfront mit dem Poster dieser drei Frauen und lässt diese selbst am Ort des Herzens aus dem Container blicken.

Immer wieder geht es dabei um die Vergänglichkeit und die Kostbarkeit des Augenblicks. Evident wird diese vor allem, wenn ein Porträt des Fotografen Guy Bordin, den Varda in den 1950er Jahren fotografiert hat, auf dem Überrest eines Bunkers aus dem 2. Weltkrieg am nächsten Tag schon wieder von der Flut weggespült ist, oder die Reise in ein völlig verlassenes und verfallenes Dorf führt.

Gleichzeitig ist das aber auch ein Film über das Sehen an sich. Augenmenschen sind eben Varda und JR, die auch ein wunderbares «odd couple» bilden, das sich im Laufe der Reise näher kommt. Auch ihre eigene Augenkrankheit kommt hier zur Sprache, wobei die Augenuntersuchung wieder eine Assoziation zu Bunuels «Un chien andalou» auslöst. Lange werden auf dem Fischmarkt Fischaugen ins Bild gerückt und ihre eigenen Augen und Zehen lässt Varda auf Zugwaggons plakatieren, so dass sie praktisch durch ganz Frankreich getragen werden.

Von großer Liebe zu den Menschen und von sanfter Melancholie über die eigene Vergänglichkeit und die der Welt durchzogen ist diese wunderbar entspannte und gelöste Abfolge von Begegnungen und Orten, die keiner bestimmten Route oder Agenda folgt, denn den Zufall nennt Varda als ihren besten Ratgeber. Bald geht es so durch die sonnige Provence, bald findet man sich an der rauen Atlantikküste wieder, mal sitzt man in Vardas Küche, dann besucht man JRs 100-jährige Großmutter und um Godards legendäre, neun Minuten und 43 Sekunden lange Kamerafahrt aus «Die Außenseiterbande» nachzuspielen, lässt sie sich von JR im Rollstuhl durch den Louvre schieben.

Nicht fehlen darf schließlich auch ein Besuch bei diesem Filmgott in seinem Domizil am Genfer See. Ob man ihn freilich wirklich antrifft oder doch vor verschlossenen Türen steht, ist nicht sicher und zudem wartet diese Meisterin des Essayfilms auch noch darauf, dass JR seine Sonnenbrille endlich abnimmt.

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