Plätze und Plätzchen

25.06.2018 Kurt Bracharz

In der deutschen Tageszeitung «Die Welt» erschien am 22. Juni eine Polemik von Rainer Haubrich, auf die auf dem Titelblatt mit dem Foto eines schachtelförmigen Gebäudes mit der Überschrift «Das soll gute Architektur sein?» hingewiesen wurde.


Der Artikel selbst war mit «Krieg den Kisten, Friede den Palästen!» betitelt und mit fünf Fotos von «modernen», also streng geometrisch geformten Gebäuden sowie mit drei Bildern von schönen Altbauten illustriert, weil in Letzteren amüsanterweise die Architektenkammern deutscher Bundesländer untergebracht sind: die von Niedersachsen in einem klassizistischen Palais von 1824 in Hannover, jene von Schleswig-Holstein in einer alten Nobelvilla in Kiel, und die Bayerische Architektenkammer in einer Münchner Villa von 1924, die stilistisch die Nähe zum Nymphenberger Schloss nicht verleugnet. 11 von 16 deutschen Architektenkammern sind in prächtigen Stadtresidenzen und Villen untergebracht. Haubrich spottet: «Hinter stilvoll dekorierten Fassaden und unter hohen Stuckdecken finden dann all die Diskussionsveranstaltungen, Wettbewerbe, Schulungen und Gremiensitzungen statt, in denen alles erlaubt und willkommen ist, was das Architektenherz begehrt: Hardcoreminimalismus, Ökolauben, Kästchenspiele, Farborgien, Dekonstruktionsgewitter. Nur eines nicht: die klassische Baukunst.»

Der Artikel des deutschen Journalisten beginnt mit dem Hinweis auf das 1964 erschienene Buch «Die gemordete Stadt» von Wolf Jobst Siedler, in dem konstatiert wurde, dass es kaum irgendwo mit den Mitteln der Moderne gelungen sei, neue Plätze zu schaffen, die es mit der Attraktivität der Plätze des 19. Jahrhunderts aufnehmen könnten. Dem wird kaum jemand widersprechen wollen, aber der Vergleich ist vielleicht auch ein wenig unfair, weil die Ansprüche an Plätze im 20. Jahrhundert andere, nämlich weitaus funktionalere und ökonomischere waren als im 19. Jahrhundert und früher, als die Bauherren sich noch Großzügigkeit leisten konnten.

Ich bin kein Architekturkritiker, denke aber, das Gefühl, das ein so großes Ambiente wie ein Platz in einer Stadt in einem ganz gewöhnlichen Passanten hervorruft, ist nicht völlig irrelevant. Der letzte Platz, dessen Anblick mich verblüfft hat, war der Zürcher Sechseläutenplatz nach seiner Neugestaltung 2014. Wo ich vorher beim Vorbeifahren mit der Straßenbahn eine kleinräumig gegliederte Struktur nicht weiter beachtet hatte, erstreckte sich nun eine flache Steinwüste von 110.000 Platten aus Valser Quarzit. Der Sechseläutenplatz ist mit 16.000 qm der zweitgrößte innerstädtische Platz der Schweiz nach der Plaine de Plainpalais in Genf. Er gilt als «großzügiger, ästhetisch überzeugender Stadtplatz» (Wikipedia), aber es macht mich gar nicht an, auf der riesigen Steinplatte eine erholsame Pause einzulegen.

Um zu Näherliegendem zu kommen: Der Platz der Wiener Symphoniker erschien mir seinerzeit beim ersten Anblick als zwar gelungen, aber zu groß dimensioniert für die kleine Stadt. Davon bin ich mittlerweile abgekommen, wozu auch das Wachstum der Bäume vor Casino und Hotel beigetragen haben mag. Den Symphonikerplatz würde ich heute tatsächlich als «großzügigen, ästhetisch überzeugenden Platz» bezeichnen. Der Kornmarktplatz, den ich ja nun auch seit bald 70 Jahren kenne, sagt mir hingegen gar nichts. Die beiden Bauminseln mit den sie umrahmenden Bänken, nein danke, da hatte ja der Parkplatz vor dem alten Museum mehr städtischen Charakter. Wenn ich heute im Theater- oder Museumscafé sitze, schaue ich lieber in eine andere Richtung.
Was man nun zu der sogenannten «Quartiersentwicklung» am Leutbühel hört und liest, lässt das Schlimmste befürchten. Da ist wieder einmal von einer «Begegnungszone» die Rede, ein Wort, dessen Erfinder und Verwender mir – und wohl auch vielen anderen – im Mondschein begegnen können. Der Brunnen soll versetzt werden, kann es dafür einen vernünftigen Grund geben? Und wer außer dem Hersteller braucht den gelben Asphalt?

Na ja, ich warte darauf, dass sie den Amtstorplatz behübschen. Wäre doch gelacht, wenn man den nicht auch zur Begegnungszone mit Bürgerbeteiligung machen könnte. Was, in der Oberstadt ist so etwas nicht machbar? Alles ist möglich.


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