Am Strand - On Chesil Beach

26.06.2018 Walter Gasperi

Florence und Edward lieben sich innig, doch ihre Ehe zerbricht schon in der Hochzeitsnacht. Getragen von den beiden großartigen Hauptdarstellern Saoirse Ronan und Billy Howle spürt der britische Theaterregisseur Dominic Cooke in seiner Ian McEwan-Verfilmung in Rückblenden möglichen Gründen für das Scheitern der Ehe nach.


Am Beginn stehen das Insert «1962» und Landschaftstotalen eines Küstenstreifens. Idyllisch ist zwar die Landschaft mit Kiesstrand, beschaulichem Städtchen, Wiesen und Steilküste im Hintergrund, doch leichte Sommerstimmung kommt nicht auf, ist der Himmel doch Grau in Grau und düstere Farben dominieren diese Verfilmung des 2007 erschienenen Roman von Ian McEwan, der am 21. Juni seinen 70. Geburtstag feierte.

Schon mehrfach wurden die Romane des Briten, der immer wieder die Abgründe der menschlichen Seele auslotet verfilmt. Der Bogen spannt sich von Paul Schraders «The Comfort of Strangers» (1990) über Andrew Birkins «The Cement Garden» (1993) bis zu Joe Wrights «Atonement - Abbitte» (1993), durch den vor elf Jahren die damals 13-jährige Irin Saoirse Ronan bekannt wurde.

In «Am Strand bildet Ronan als Florence im hellblauen Kleid einen starken Kontrast zum schwarzen Anzug von Eddie (Billy Howle). Vom Strandspaziergang geht es in ihr Hotel. Erst wenn die Kellner das Dinner aufs Zimmer bringen wird durch eine Glückwunschkarte klar, dass das Paar soeben geheiratet hat.

Die Hochzeitsnacht soll folgen, doch Florence lässt sich von Eddie zwar Küssen, versucht aber größere Intimitäten immer wieder hinauszuzögern. Mal klemmt der Reissverschluss ihres Kleids, dann versucht sie ihn mit Fragen über frühere Beziehungen hinzuhalten, bald lässt sie ihn ihre Strümpfe ausziehen – und hält ihn dann doch wieder hin.

Das Rückgrat des Films ist diese Hochzeitsnacht und große Intensität entwickelt »Am Strand« in diesen kammerspielartigen Szenen im Hotelzimmer dank der konzentrierten Inszenierung und des famosen Spiels von Saoirse Ronan und des jungen Billy Howle. In der Fokussierung auf das junge Paar und in zahlreichen Großaufnahmen vermittelt Cooke eindringlich das Spannungsfeld von einerseits inniger Liebe und andererseits Unsicherheit, Unerfahrenheit und Angst vor Sex, die durch Florences früheres Studium eines einschlägigen Handbuchs eher gesteigert als reduziert wurde.

Während es bei den meisten Filmen schnell zur Sache geht, besticht dieses Drama gerade durch seine Zurückhaltung und die langsame Steigerung. In Rückblenden öffnet Cooke dabei zunehmend den Blick auf die unterschiedliche Herkunft und die britische Klassengesellschaft.

Während sie nämlich einer stockkonservativen Unternehmerfamilie entstammt, kommt er aus kleinbürgerlichem Milieu. In knappen Szenen wird eindringlich allein schon durch Frisuren und Kleidung die Enge und Strenge von Florences Eltern vermittelt, die in Kontrast zu den künstlerischen Interessen der - zumindest seit einer Kopfverletzung - freizügigen Mutter Edwards steht. Im Hintergrund schwingt auch der Kalte Krieg und die Angst vor dem Kommunismus, aber auch schon der Protest gegen das atomare Wettrüsten herein.

Auch durch die Musik und ihre Berufe werden die beiden Protagonisten voneinander abgehoben. Denn während Florence als Violinistin in einem Kammerorchester spielt, studiert Edward Geschichte und schwärmt für Elvis und Chuck Berry. Etwas zu aufdringlich spielt Cooke in diesen Rückblenden zwar die Gegensätze durch, macht aber so auch erfahrbar, wie sich dennoch über diese Grenzen hinweg eine innige Liebe entwickeln kann.

Nur mutmaßen kann der Zuschauer, wieso Florence schließlich in der Hochzeitsnacht explizit Edward ihr Desinteresse am Sex erklärt und, um mit ihm zusammenleben zu können, ihm sogar vorschlägt, seine Lust mit anderen Frauen zu befriedigen.

Diese Offenheit hinsichtlich der Gründe für Florences Verhalten trägt entscheidend zur Stärke von »Am Strand« bei. In die Sentimentalität gleitet das Liebesdrama dann aber in einem 1975 und einem 2007 spielenden Epilog ab, in dem Cooke mächtig auf die Tränendrüsen drückt: Beide scheint da zwar die gescheiterte Ehe geprägt zu haben, Verlierer dieser Erfahrung scheint aber vor allem Eddie zu sein, sodass man gesellschaftlich darin wieder eine Zementierung der Klassengegensätze sehen kann.

Läuft derzeit im Kino Rio in Feldkirch (Deutsche Fassung)
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 23.7. - 26.7. (engl. O.m.U.)
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: 30.7., 20.15 Uhr (engl. O.m.U.)
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: 23.8., 20 Uhr + 25.8., 22 Uhr (engl. O.m.U.)

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