Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes

19.06.2018 Walter Gasperi

Wim Wenders fokussiert in seinem Dokumentarfilm auf dem gesellschaftspolitischen Engagement des Papstes und seinem Plädoyer für eine Kirche der Armut. Der deutsche Regisseur überlässt den filmischen Raum ganz dem charismatischen Kirchenoberhaupt, auf kritisches Nachfragen wird verzichtet, brisante innerkirchliche Fragen werden ausgespart.


Der Vatikan trat zwar Ende 2013 an Wim Wenders mit der Frage heran, ob er einen Film über Papst Franziskus drehen wolle, versprach aber, ihm völlig freie Hand zu lassen. Wenders führte vier große Interviews, bei denen durch Aufnahme mittels eines Teleprompters der Papst direkt in die Kamera und damit auf den Kinozuschauer blickt, und ergänzte diese nicht nur durch reichhaltiges Material aus dem Archiv des Vatikans zu den Reisen des Papstes, sondern auch durch eine Rahmenhandlung über den Hl. Franziskus.

Von dessen Kirchenkritik und Armutsideal im 13. Jahrhundert, bei dem Wenders von Fresken Giottos ausgehend auch im Stil eines schwarzweißen Stummfilms mit Handkurbelkamera kurze Szenen aus dem Leben des Heiligen inszenierte, die an Rossellinis «Franziskus der Gaukler Gottes» erinnern, zieht er die Parallele zum heutigen Papst, der ebenfalls eine Kirche der Armut fordert.

Interviewszenen, bei denen Wenders weder sichtbar wird noch Zwischenfragen stellt, werden dabei immer wieder durch Begegnungen des Papstes auf seinen Reisen ergänzt. Innerkirchlich brisante Fragen wie die Rolle der Frau in der Kirche oder Empfängnisverhütung werden dagegen konsequent ausgespart, nichts erfährt man auch über die Biographie des Papstes, Wenders fokussiert ganz auf gesellschaftspolitischen Aspekten.

Hier geht es nicht um die katholische Kirche, sondern um globale Fragen der Menschheit und Menschlichkeit, die diesen Film für ein Publikum weit über kirchliche Kreise hinaus öffnen. Kritik am Materialismus wird vom Papst ebenso geübt wie die richtige Haltung zu Flüchtlingskrise, Kriegen oder Klimakatastrophe präsentiert. Emotional verstärkt werden die Worte des Papstes dabei immer wieder durch Archivmaterial von konkreten Begegnungen und Auftritten während der Reisen des Kirchenoberhaupts.

Ganz gezielt will Wenders dabei wohl den Bogen über alle Kontinente spannen von einem Flüchtlingslager bei Rom über eine Rede nach einem Taifun auf den Philippinen und einen Besuch bei Hungernden in der zentralafrikanischen Republik bis zum schweigenden Besuch von Auschwitz oder der klagenden Frage nach dem Wesen des Menschen im Holocaustzentrum Yad Vashem in Jerusalem. Im amerikanischen Kongress treibt das Kirchenoberhaupt mit seiner Kritik am Kapitalismus und der ungleichen Verteilung der Güter hartgesottenen Abgeordneten die Tränen in die Augen und in seiner lateinamerikanischen Heimat begeistert er die Massen.

In diesem Blick auf die Krise der Menschheit und auf Missstände, aber auch im Beschwören der Hoffnung steht «Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes» durchaus in der Tradition von Wenders´ letztem großem Dokumentarfilm «Das Salz der Erde». Doch während er dort bildgewaltig das Leben des Fotografen Sebastiao Salgado nachzeichnete und auch über die Bildproduktion reflektierte, dominiert hier – wie schon im Titel zum Ausdruck kommt - das Wort.

Die Ambivalenzen, die «Das Salz der Erde» so packend und erschütternd machten, fehlen hier völlig. Brav wird praktisch nach Agenda ein Punkt des Engagements von Franziskus nach dem anderen abgehakt, wirklich vertieft und nachgebohrt wird aber nie. Jedes Thema, das angesprochen wird, ist zweifellos wichtig, aber der Zuschauer wird hier von der Fülle förmlich erschlagen, zur Reflexion wird ihm keine Zeit gelassen.

Wie eine neunzigminütige Predigt wirkt der Film so, positiv könnte man von einer franziskanischen Einfachheit in der Reduktion auf die Perspektive des Papstes sprechen, negativ freilich auch von einer biederen und einfallslosen Inszenierung, die bedingungslos und hagiographisch dem zweifellos charismatischen Papst folgt. Wie dieser freilich keine Scheu kennt mit kirchlichen Traditionen zu brechen und bei allem entschlossenen Auftreten immer auch Heiterkeit und Leichtigkeit bewahrt, nimmt zumindest für diese stets authentische Persönlichkeit ein, die den Film zumindest teilweise im Alleingang tragen muss und auch tragen kann.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn, im Kino Rio in Feldkirch und im Kino Lustenau

Trailer zu «Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes»

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