Der Hauptmann

12.06.2018 Walter Gasperi

Ein Gefreiter der Wehrmacht findet kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Uniform eines Hauptmanns. Die daraus resultierende Autorität nutzt er gnadenlos aus und lässt in einem Lager über 100 Gefangene erschießen. – Ganz aus der Perspektive dieses von Max Hubacher großartig gespielten Sadisten und seiner Helfer erzählt Robert Schwendtke vom «Henker von Emsland».


Ein Insert datiert die Handlung auf Ende April 1945, das Kriegsende steht unmittelbar bevor. Dennoch verfolgt die Militärpolizei noch einen jungen Soldaten durch die weite und kahle Landschaft. Verzweifelt versucht dieser Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) zu entkommen, verkriecht sich in einem Erdloch unter einem Baum, während die Verfolger darüber Ausschau nach ihm halten.

Ein bibbernder, zitternder Mensch, der nur noch ums nackte Überleben kämpft, ist das, doch die Machtverhältnisse werden bald völlig umgedreht. Nur mit knapper Not kann der in Lumpen gekleidete Herold zwar auch anschließend von einem Bauernhof entkommen, auf dem er mit einem anderen Soldaten Lebensmittel klauen wollte, doch als er auf freiem Feld in einem leeren Militärfahrzeug die Uniform eines Hauptmanns entdeckt, erkennt er die Chance und er ergreift sie.

Die Hose mag zu lang sein, doch Auftreten und Diktion eines Offiziers probt der gerade mal 20-Jährige gleich mal auf dem Feld und kann seine Wirkung prüfen, als der von seiner Truppe versprengte Soldat Freytag (Milan Peschel) auftaucht. Skeptisch blickt dieser zwar zunächst, doch das entschlossene und forsche Auftreten von Herold schüchtert ihn doch ein.

Auf jede Vorgeschichte und Hintergrundinformationen verzichtet Schwendtke, der nach Hollywoodfilmen wie «Flightplan» und «R.E.D.» nach 15 Jahren erstmals wieder in Deutschland drehte. Weder erfährt man, wieso Herold am Anfang verfolgt wird, ob er desertierte oder plünderte, noch wird etwas über seine Vergangenheit, seine Sozialisation preisgegeben. Schwendtke psychologisiert nicht und versucht nicht die Wurzeln des Sadismus, den dieser junge Mann im Folgenden an den Tag legt, zu ergründen. Ohne satirische Töne wie bei Carl Zuckmayers «Der Hauptmann von Köpenick» wird aber mit brutalster Konsequenz aufgedeckt, wie Kleider Leute machen, welche Wirkung von einer Uniform ausgeht, wenn sie auch mit entsprechendem Nachdruck getragen wird.

Immer wieder wird man Herold mit Skepsis anblicken, doch einen Gastwirt wird er ebenso überzeugen, wenn er einem Dieb eiskalt in den Kopf schießt, wie er einen Militärpolizisten einschüchtert, indem er betont, dass er den «Befehl von ganz oben, vom Führer persönlich» habe. Rücksichtslos mag hier jeder Befehlshaber gegen Schwächere vorgehen, doch der Verweis auf den Führer, lässt ihn selbst wieder zittern. Wie schon in Heinrich Manns Roman «Der Untertan» wird hier nach oben gebuckelt und nach unten getreten – freilich mit weit schwerwiegenderen Folgen.

Denn mit den um sich gescharten versprengten Soldaten bildet Herold, der vom jungen Schweizer Max Hubacher geradezu beängstigend überzeugend gespielt wird, bald das «Sonderkommando Herold», mit dem er zur Freude eines SA-Manns auch in einem Gefangenenlager «für Ordnung sorgen» will. Bald lässt er die Leute aus ihren Baracken holen, Gräber ausheben und dann mit einer Flak beschießen, um direkt anschließend einen «bunten Abend» zu feiern. Zwei Gefangene lässt er dabei als Komiker auftreten, mit denen Herold ebenso seine sadistischen Spiele treibt wie mit vier Gefangenen, die er aneinander bindet, um sie dann fliehend einen nach dem anderen zu erschießen bzw. erschießen zu lassen.

Wie schon Visconti in «Die Verdammten» arbeitet auch Schwendtke diese Parallelität von Sadismus und Genusssucht heraus, lässt im einen Moment seinen Protagonisten reihenweise Gefangene erschießen, im anderen zur «Tritsch-Tratsch-Polka» oder zum Evergreen «Das gibt´s nur einmal, das gibt´s nie wieder» ein ausgelassenes Fest feiern.

Bewusst verstören will «Der Hauptmann» durch die Fokussierung auf die Täter. Sie stehen bei den Massakern im Zentrum, die Opfer bleiben eine anonyme Masse. Die brillanten Schwarzweißbilder von Kameramann Florian Ballhaus verstärken dabei, unterstützt von metallisch-kalten und beunruhigenden Synthesizer-Klängen, nicht nur die Düsterkeit des Geschehens und evozieren eindrücklich in den Totalen der kargen Landschaft eine Endzeitstimmung, sondern schaffen mit ihrer Künstlichkeit auch eine gewisse Distanz.

Für einen gezielten Bruch sorgen auch nach einem britischen Fliegerangriff auf das Lager ein aktuelles Farbbild der Gegend und ein Insert, dass darauf verweist, dass heute auf dem Acker nur noch ein Pfahl an diese Stätte des einstigen Kriegsverbrechens erinnert.

Überraschend kehrt der Film nach diesem Einschub zu Herold zurück, lässt ihn mit seiner Einsatztruppe durch eine deutsche Kleinstadt fahren, den Bürgermeister erschießen und in einem Hotel exzessiv feiern, bis die Militärpolizei dem grausamen Treiben ein Ende setzt. Dass Herold freilich ein Teil des Systems war, wird klar, wenn er von einem deutschen Militärgericht freigesprochen wird, da er doch deutsche Werte vertreten habe.

Nur in einem Insert erfährt man, dass der «Henker vom Emsland» erst durch die britische Militärregierung für seine Taten zur Verantwortung gezogen und am 14. November 1946 hingerichtet wurde, während zum Nachspann Herold mit seinen Leuten im Jeep mit der Aufschrift «Schnellgericht Herold» durch das heutige Görlitz fährt und die Ausweise von Passanten kontrolliert. – Verzichten könnte man bei diesem in seiner schwer zu ertragenden, aber in seiner Radikalität und Konsequenz zutiefst beeindruckenden Film auf diese aufdringliche Warnung vor aktuellen rechten Strömungen und der ungebrochenen Macht von Uniformen.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn

Trailer zu «Der Hauptmann»

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