Sehnsucht nach dem Zukunftsverfall

10.06.2018 Haimo L. Handl
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Am 7. Juni d. J. erscheint Lettre International 121 zum 30-jährigen Jubiläum. Mit 188 Seiten ist es ein starkes Heft. Laut Ankündigung soll es auch inhaltlich ein starkes sein. Beim Lesen des Verlagshinweises für das «Geburtstagsfeuerwerk» wächst in mir ein Staunen über die geschulte, smarte Werbesprache und ihre Versprechungen, die sich wie ein Zeitmerkmal, ein Zeitspiegel von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten lesen.


100 Autoren und Künstler aus aller Welt haben zu dem 188 Seiten umfassenden Heft beigetragen. Tobias Rehberger, Träger des «Goldenen Löwen» der Biennale Venedig 2010, bringt das Heft mit einem spektakulären Titelbild in Schwung: Eine grenz- und kulturüberschreitende Aktualisierung des sozialistischen «Bruderkusses» zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker von 1979. Fünfzig weitere Künstler, darunter Robert Longo und Lawrence Weiner, Miquel Barceló, Ai Weiwei, Shang Yang, Dieter Appelt, Barbara Breitenfellner, Martin Assig, Gunter Rambow, Hans Hansen, Mark Lammert, Valérie Favre, Daniel Schwartz, Max Grüter, Jan Fabre, Juan Manuel Castro Prieto, Cristina García Rodero, Konstantin Skotnikov, Gueorgui Pinkhassov, Quentin Bertoux, Denis Dailleux, François Fontaine, Dodi Reifenberg, Ayumi Tanaka, Minoo Emami, Ewa Einhorn und viele andere sind mit Zeichnungen, Malereien, Collagen, Photographien dabei.

Namen als Programm, als Qualitätsausweis. Die Leserin mag prüfen, welche sie kennt und bei Unkenntnis auf Bildungslücken schließen. Staunen. Ich stelle mir vor, dass man Texte fabrizieren könnte, die nur noch aus Namen bestehen, weil die Eingeweihten, die Esoteriker, sofort wissen, wer wofür steht. Names become triggers.

Adam Sjatu. Fomtam P'Toole, Gini Alhadeff, Time Page, Tim Parks, Ervand Abrahamian, Alec Asshj, Robert G. Kaiser, Helen Epstein, Edward Ziff, Michael Casper, Israel Rosenfield, Garry Wills, Marina Warner, Garry Wills, Jacob Weisberg, Kathryn Hughes, Alexander Waugh, Perry Link, Darryl Pinckney, Ruth Margalit, Sanford Schwarz, Daniel Schwarz, Louisa Chiang, James Buchan, Carl Ewlliott, David Z. Albert, Mitchell Abidor, Atossa Araxia Abrahamian, Esther Allen, Lisa Appignanesi, Leon Aron, Bernard Avishai, Tareq Baconi, Colin B. Bailey, Anthony Barnett, Liza Batkin, Felix Bazalgette, Christopher Benfey, Viken Berberian, Richard Bernstein, Jeremy Bernstein, Sarah Birke, Sarah Boxer, Reah Bravo, Kevin Bubriski, Madeleine Bunting, Ian Buruma, Alex Carp, Shawn Carrié, Christopher Carroll, Melissa Chadburn, Jennifer Cobbe, Andrew Cohen, David Cole, Molly Crabapple, Adam Dalva, Ernst Weiß, Ruidolf Borchardt, Paul Lagerfeld, Ernst Meister, Tom Stoppard, Eleanor Davis, Robin Dembroff, Alexander Döblin, Robert Darton, Daniel C. Dennett, Richard Dworkin, Morris Dickstein, Lawrence Donegan, Donald Trump, James Bolton, Henry Bolton, C. G. Alt, C. G. Jung, Sigmund Freud, Willibald Zimmermann, Ariel Dorfman, Marcia Douglas, Tony Judt, Claudia Dreifus, Anastasia Edel, Conrad Joseph, Martin Filler, Liana Finck, Genevieve Fox, David Fratkin, Friedrich Torberg, Günther Nenning, Kurt Desch, Manfred Fuhrmann, Anna Furman, Philip Geftere, Mark Gevisser, Todd Gitlin, Colin Grant, Mark Greenberg, Sue Halpern, Hannah Arendt, Günter Stern, Bernard E. Harcourt, Zack Hatfield, J. Hoberman, Leo Castelli, Lennox Honychurch, Nell Irvin Painter, Noah Isenberg, Pico Iyer, Gideon Jacobs, Roman Jacobsen, William Morris, Lucy Jakub, James Michener, Marlon James, Joshua Jelly-Schapiro, Ian Johnson, Jennifer Kabat, Jammie Smith, Mira Kamdar, Zbignew Herbert, Robert E. Kelly, James Kirchick, Michael Friedmann, Stephanie Land, Hallie Lieberman, Uschi Glas, Jean Amery, Mary McCarthy, Edmund Wilson, George Steiner, Arthur Koestler, Danny Lyon, Pesha Magid, Mathieu Magnaudeix, Ortega y Gasset, Karl Löwith, Jürgen Habermas, Marshall McLuhan, Alia Malek, Kenan Malik, Riccardo Manzotti, Riccardo Muti, Ruth May und viele, viele andere. Man muss sich das über mindestens ein Dutzend Seiten vorstellen. Phantastisch! Man wünscht sich Kataloge wie alte, dicke Telefonbücher. Nomen est omen.

Es erwarten Sie: Hintergrundanalysen [also Analysen des Hintergrundes], Essays, Plädoyers, Bekenntnisse, Meditationen, Tiefengespräche zu hochaktuellen Themen [weshalb ‚tief‘? Breitgespräche, die hoch-aktuell sind, also hoch, weil «aktuell» nicht ausreicht für eine Vierteljahreszeitschrift]. Eine Geschichte der Neugier. Tierische Intelligenz. Glanz und Elend des Zeitungsjournalismus. Nachrichtenbusiness in digitalen Zeiten. Eine kurze Geschichte von ARTE. Geschlechterturbulenzen. Fragile Territorien des Begehrens. Tropischer Surrealismus. Die Pornographie in unserem Leben [Sogar die Nekrophilen frönen lebendig im Leben ihrer Perversion. Wo und wann sonst als im Leben soll Pornographie sein und gepflegt werden?]. Zivilisationsdiagnosen. Die Suche nach dem Ereignis [O je! Es reicht offenbar das pure Ereignis, die bloße Aktivität, jenseits allen Inhalts, Anlasses und aller Beteiligten. Der neue Purismus international]. Zeiterfahrungen. Kunst und Menschlichkeit. Kunst und Käuflichkeit. Kunst und Mode. [Nicht zu vergessen: Kunst als Nichtkunst, Kunst und Geschäft, Kunst und Betrug, Kunst und Einsamkeit, Kunst und die Haute Cuisine]. Einsamer Ruhm [Klischee: Ruhm ist nie einsam, er kann einsam machen, das trifft aber nur die Schwachen. Die starken Ruhmreichen sind nie einsam]. Japanische Holzschnitte. Der Bruch zwischen Stalin und Tito. [Die Freundschaft zwischen Hitler und Stalin. Die Feindschaft zwischen Hitler und Stalin. Stalin der Ruhmreiche. Stalin der Einsame] Geschichten aus Chinas Gefängnissen. [Neu: Pornographie im Leben der chinesischen Gefangenen]. Gefechte der Gegenwart. [Ergänzung: Gefechte in der Gegenwart. Die Vergangenheit als Gefechtseinsatz gegen die Gegenwart. Die Zukunft als Vergangenheit – letzte Gefechte]. Die Größe Nelson Mandelas. Großprojekte ohne Plan [Mit Beispielen aus Deutschland: Berlin, Stuttgart, Hamburg]. 1984 und Neurologie. Zwei Geometrien des Gehens. Gangsterpolitik. Österreichische Metaphysik [Schon wieder! Wann hört das endlich auf?]. Ein düsteres Tagebuch von Jean Moulin, dem späteren Leiter der französischen Résistance, aus dem Jahre 1940: Erster Kampf.

Dass sogar ein Poem hoch, tief und breit politisch sein kann, wird uns ebenfalls angezeigt:

Das Poem der libanesischen Dichterin und Künstlerin Etel Adnan Während Wale nach Norden schwimmen entwirft das Szenario einer in Brand geratenen Kultur, Haß liegt in der Luft und der Gestank verbrannter Pferde greift um sich. Eine apokalyptische Vision der Rache für jene Gewalt, die der Westen anderen angetan hat.

Ein Beitrag zum tieferen und höheren Verständnis der islamischen Rache an den immerwährenden Verbrechen des Westens. Der Westen, ja, schrecklich, schlimm, barbarisch. Die jetzt Hassenden können nicht anders, sind konditioniert, sind getrieben, sind gezwungen. Sie nehmen Rache und brauchen unsere Hilfe. Helft den Rächern!

Der französische Philosoph Marcel Hénaff sieht den Wissensdrang heutzutage auf einem Intensitätsniveau, welches sogar die Größenordnung der Revolution des Buchdrucks übersteigt. In seiner «kurzen Geschichte der Neugier» stellt er fest, daß heute ein potentiell unabhängiges System kognitiver Innovation entstanden ist. Es ist, als ob das Verlangen nach Wissen in die Maschine selbst, in einen Algorithmus übersetzt worden sei; wir haben es von nun an mit einer sich verselbständigenden Neugier-Maschine zu tun.

Das ist steil und geil. Die Maschinen selbst sind nun neugierig und generieren Wissen, das sie wiederum neugieriger macht. Dieser Prozess ist «potentiell unabhängig». Super. Endlich sind sie (die Maschinen) soweit.

Jetzt folgt eine Ankündigung, die es in sich hat. Diesen Beitrag werde ich mir ganz nahe und genau vornehmen:

Das Gespräch Kunst und Mensch zwischen dem Künstler Ai Weiwei und dem Dichter Yang Lian dürfte ein Meilenstein zum Verständnis des kunstphilosophischen Konzepts des Künstlers sein. Die Quellen seiner artistischen Inspiration, sein Verständnis von Kreation und die Verwurzelung seiner Schöpfung in tiefer Humanität kommen zur Sprache. Der kommerziellen Kunstwelt des Westens sowie dessen Monopolanspruch auf die Definition von Kunstrichtungen und ästhetischen Diskursen hält er eine strikte Orientierung der Kunst an menschlichen und sozialen Anliegen entgegen. «Wenn wir dem Leid keinen eleganten, graziösen Ausdruck verleihen, bestätigen wir nur die heutige Wertordnung. Wenn wir sagen, daß die Menschheit Ehre besitzt, dann muß man auch deren Kraft zum Ertragen von Leid und Kümmernis anerkennen. Freiheit kommt aus dem Kampf, und der Kampf ist per se voller Schönheit.»

Mich haben immer schon die Verwurzelungen in der Humanität interessiert, besonders die «tiefer Humanität». Das Anliegen des chinesischen Superstars gegen die kommerzielle Kunstwelt ist bemerkenswert, lebt er doch ganz gut von diesem Markt und seiner Rolle darin. Er, der gewiefte Geschäftsmann und Marketingspezialist entgegnet also dem Monopolanspruch auf die Definition von Kunstrichtungen, obwohl er Teil dieses Apparats ist, der definiert. Und womit hält er dagegen? Ganz neu, bislang unbekannt, verwegen revolutionär, mit einer strikten «Orientierung der Kunst an menschlichen und sozialen Anliegen». Klingt irgendwie bekannt und ais- oder abgelutscht. Das war doch schon früher und noch früher ein Anliegen. Sogar dann, als die Anliegen sich anlegen ließen und eine lukrative Anlage wurden. Nebuloses Geschwätz, das für Unbedarfte gut klingt, aber nichts bedeutet. Aber dann kommt es dicke: «Wenn wir dem Leid keinen eleganten, graziösen Ausdruck verleihen, bestätigen wir nur die heutige Wertordnung». Das ist es! Wenn schon Leid, dann ELEGANT und GRAZIÖS. Flüchtlinge an der Grenze als elegante Artefakte in graziösen Verrenkungen zum Gaudi der Kunstwelt, die sich eben an diesen menschlichen UND sozialen Anliegen orientiert. Neben den fashion shows und sündteuren events der upper class braucht es in demokratischer Übung eben auch ELEGANZ für die Leidenden, die Unteren, die Opfer. Bei Treu‘ und Ehr‘! Vergessen wir nicht unsere Kulturerbschaften aus Ost und West, Nord und Süd. Nicht nur der Einzelne, nicht nur bestimmte Völker haben EHRE, nein, die ganze Menschheit. Und das verpflichtet uns, Kraft zu finden, Kraft und Freude, Kraft und Stärke zum Ertragen von Leid und Kümmernis. So schaut’s aus. Wie der alte Heinrich schon sagte, als er von den schier übermenschlichen Anstrengungen sprach, die vom Übermenschen verlangt wurden: «Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.» Ja, die wussten, was es bedeutet, so viel Leid und Kümmernis zu ertragen und dabei noch Mensch geblieben zu sein. Ai Weiwei weiß das auch, drum bemüht er sich unermüdlich für die Orientierung der Kunst an menschlichen und sozialen Anliegen. Ai Weiwei, der Sozialarbeiter. Der Leider, der Starke, der Ehrenhafte. Der Anständige. Der Elegante und Graziöse (entgegen seinem Äußeren und seinen Bewegungen, die etwas plump sind, ist er innerlich graziös; wer in seiner Nähe weilt, spürt die heilige Aura, die intensive Ausstrahlung). Und: Freiheit ist kein Geschenk. Sie ist ein Kampfresultat. Und Kampf, Genossen und Volksgenossen, ist PER SE VOLLER SCHÖNHEIT. Das weiß Ai Weiwei auch ohne Hölderlin. Ohne Kampf keine Schönheit. Also: Auf in den Kampf, Kampf und Krieg, der Terror des Schönen für alle. Viva la muerte!

Ai Weiwei verabscheut Abstraktion und abstrakte Kunst. Sie war in früheren Zeiten eine Art Rebellion, ein Aufstand gegen das Tradierte, Bekannte, Althergebrachte, Etablierte, sprachlich Abgesicherte, Fertige. Heute geht es den echten Künstlern und neue Gefühle, um ansprechende Formen, um das bildhafte Leid als graziöse Eleganz. Ai Weiwei hat, wie alle Modernen, wie alle politischen Sozialarbeiter etwas zu sagen und sagt es in verständlichen Formen, in ausgesuchter graziöser Eleganz. Er installiert und zitiert Realitäten und wiederholt sie dabei nicht, sondern deckt die Tiefenschichten der Hochkultur auf, eben die Eleganz und das Graziöse, die das Leiden auszeichnet. Er vertieft das Leidensverständnis in neuer Ästhetik. Er ist die ersehnte Mixtur Eurasiens. Er ist die Zukunft, der Weg und das Licht, die Wahrheit selbst.

Unter dem verheißungsvollen Titel ZUKUNFTSVERFALL ist zu lesen:

Eine Welt nach dem Ende des Fortschrittsglaubens beschreibt der französische Philosoph Edgar Morin im Dialog mit dem Anthropologen Constantin von Barloewen. Er erkennt eine fatale Herrschaft von Technik und Industrie, in der Tiere als pure Objekte behandelt werden. Das System der industriellen Viehwirtschaft erinnert ihn an Konzentrationslager.

Nun, die Technik, besonders die fatale, wurde seit je, das heißt, seit es Technik gibt, kritisiert bzw. enthusiastisch belobigt. Was Herr Morin erkennt, erkannte schon Spengler in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Es lassen sich auch noch frühere Kritiken finden aus der Erstzeit der Industrialisierung, als die Menschen zu Werkzeugen wurden und der Kapitalismus die Herrschaft antrat. Das klang bei einigen, man denke an Karl Marx und Friedrich Engels, etwas altmodisch für heutige Ohren, aber vom Kern her ähnlich. Hat Edgar Morin etwas Neues zu sagen? Ja, dass die industriele Viehwirtschaft ihn an Konzentrationslager erinnere. Das konnte Marx wahrlich nicht vorauserinnern.

Dem schließt sich die Ankündigung über die SEHNSUCHT NACH DEM EREIGNIS an:

Karl Heinz Bohrer im Gespräch mit Frank M. Raddatz. Die Zukunft scheint uns abhandengekommen zu sein und die Gegenwart nimmt immer breiteren Raum ein, doch Zukunft war ein utopisch kraftvoller und historisch wirkungsmächtiger Begriff. Schon Heinrich Heine hielt der Zukunftserwartung die Idee des lebendigen Lebens entgegen und Ludwig Feuerbach setzte auf «Verzeitlichung» gegen den teleologischen Geistbegriff seines Lehrers Hegel, um am sinnlichen Dasein im Hier und Jetzt festzuhalten. Die 68er setzten auf die Zukunft. Doch die Nachfolgegeneration der 80er Jahre bezeichnete sich als ironiegetränkte «Generation Golf». Das antizipatorische Pathos war ermattet. Fast unmerklich ist für unsere Wahrnehmung ein Zustand des Immergleichen eingetreten, Unvorhergesehenes ist nicht mehr vorgesehen, historisch und politisch ist Stillstand eingetreten. Doch wie wäre ein neues Ereignis zu denken, ein unerwartetes, ein sprengender Augenblick, eine Epiphanie, die uns aus der Banalität und Profanität der herrschenden Langeweile katapultiert? Kann das Jetzt der zeitliche Ort sein, in, dem das Ereignis Gegenwart wird? Oder ist der Hunger nach dem Fremden, nach dem Abenteuer, nach dem Ereignis nur ein Zeichen der Unreife? Eine sprühende Meditation über die Potentiale der Zeit: Versprechen des Jetzt.

In der Kombination ist der Verfall der Zukunft das ersehnte Ereignis. Interessant, dass ganz ernsthaft von einem Verfall von etwas gesprochen wird, das gar nicht existiert. Zukunft gibt es nicht als Existentes, sondern als wahrscheinlich Eintretendes, sich Ereignendes. Dieses Ereignende kann ersehnt werden oder gefürchtet, aber es selbst ist nicht, bis es sich ereignet, bis die Potentialität sich in der Gegenwart (wann sonst?) manifestiert und dann zur Vergangenheit wird. Unsere Gegenwart ist ein dehnbarer Begriff, eine Hilfskonstruktion im Zusammenwirken der Umwandlung des Potentiellen oder Erwarteten mit dem sich Ereignenden und der Konversion in Vergangenes, Gewesenes.

Das Immergleiche sei unmerklich eingetreten. Merklich hat dies im vorvorigen Jahrhundert schon Nietzsche konstatiert. Auch wenn unsere hoch entwickelten Gesellschaften es nicht vorsehen, dass etwas Unvorhergesehenes sich ereigne, erspart das nicht das Nachfragen und Nachdenken, welche Gesellschaft denn genau dies tat, ist doch die Sicherung oberstes Ziel aller Gesellschaften. Die Kriege und Scheußlichkeiten, die sich ereigneten, waren nur für Naive «unvorhergesehen», für die Realisten waren sie anvisiert, kalkuliert und taktisch nach einer Strategie umgesetzt. Wie will Herr Bohrer den historischen Stillstand messen, wovon in der Ankündigung gequasselt wird? Welche Grade von Nichtstillstand misst er wie? Neben den geplanten Katastrophen, z. B. die Massenvernichtung durch Atombomben seitens der Amerikaner, gibt es auch heutzutage immer wieder sogenannte Naturkatastrophen, die weder vorgesehen sind, noch leicht oder schnell unter Kontrolle zu bringen sind. Dagegen nehmen sich jene Katastrophen, die auf Fehlverhalten oder Mängel der Technik zurückzuführen sind (Tschernobyl, Fukushima), irgendwie tröstlich aus, ebenso das ungelöste Problem der Entsorgung radioaktiven Materials, weil hier ja die Entwicklung der Technik für die Zukunft, die sich planmäßig ereignen wird, Lösung parat haben wird. Interessant, ähnlich einem scholastischen Scheinproblem, ist die Frage, ob das Jetzt der zeitliche Ort sein könne, in dem das Ereignis Gegenwart werde. Gegenwart kann sich nur im Jetzt ereignen und äußern. Wann denn sonst? Aber vielleicht sehe ich das zu banal, da ich nicht so geschult bin wie der deutsche Meister, der eine «sprühende Meditation» liefert. In meiner altmodischen Bildung wird Meditation nicht mit Sprühen assoziiert. Es handelt sich im Gegenteil um eine Konzentration, vergleichbar der Bündelung von Licht mittels des Lasers, um eine extreme Reduktion, die gerade nicht sprüht wie ein Springbrunnen oder kaputter Wasserschlauch. Meine alten Zen-Meister jedenfalls übten die Meditation weder sprühend noch zerstreut, sondern gesammelt und konzentriert.

Das Geburtstagsfeuerwerk, wie es hier angezeigt wird, sprüht und spritzt jedenfalls und verseucht die Atmosphäre mit seinem Feuer- und Aschenregen. Ein rechtes Bild für die modische Art der Sehnsucht nach dem Zukunftsverfall.

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