Was der Himmel erlaubt – All That Heaven Allows

26.07.2018 Walter Gasperi

Die Liebe zwischen einer verwitweten Frau aus der Oberschicht und einem jüngeren Gärtner inszenierte Douglas Sirk 1955 als bissige Abrechnung mit dem Kleinbürgertum und dem Druck von Klatsch und gesellschaftlichen Moralvorstellungen. Bei Turbine ist dieses Meisterwerk des Melodrams dank digitaler Restaurierung in brillanten Technicolor-Farben auf DVD und Blu-ray erschienen.


Als kitschig wurden die Melodramen, die Douglas Sirk in den 1950er Jahren für die Universal Studios drehte, einst abgetan, heute gelten sie als Meisterwerke des Gefühlskinos. Rainer Werner Fassbinder ließ sich von Sirk ebenso beeinflussen wie Pedro Almodóvar und Todd Haynes. Explizite Variationen von «Was der Himmel erlaubt» sind Fassbinders «Angst essen Seele auf» und Haynes´ «Far from Heaven».

Mit einem Kameraschwenk von einem Kirchturm über die Straße einer amerikanischen Kleinstadt wird das Setting vorgestellt. In der gepflegten gehobenen Mittelschicht spielt die Handlung. In diesem Milieu engagiert man einen Gärnte zum Schneiden der im Indian Summer in prächtigen Herbstfarben leuchtenden Bäume. Für die seit ein paar Jahren verwitwete Cary (Jane Wyman) verrichtet diese Arbeit wie jedes Jahr Ron Kirby (Rock Hudson).

Ihre Freundin möchte die Mutter von zwei erwachsenen Kinder mit einem älteren Herrn aus dem Freundeskreis verkuppeln, doch Cary zeigt wenig Interesse. Dafür nimmt sie die Einladung Kirbys an, mit ihm seine Baumschule zu besichtigen. Unübersehbar sympathisch ist er ihr, dass er deutlich jünger ist und aus einer anderen sozialen Schicht stammt, stört sie nicht. Bald bricht so die Liebe, über die Kirby schon angesichts des Zweigs eines Goldregens gesprochen hat, zwischen den beiden aus.

Bissig stellt Sirk der versnobten Gesellschaft des Country-Clubs, den Cary zu Beginn besucht, die lebensfrohen und offenen Freunde Kirbys gegenüber, bei denen gelacht, gegessen und getanzt wird. Der Etikette, die jedes Leben und jede Natürlichkeit absterben lässt, steht eine Gruppe gegenüber, die ehrlich zu sich selbst ist, nicht nach Ruhm und Reichtum strebt und auf das Gerede der Menschen pfeift.

Henry David Thoreaus «Walden» liegt hier auf einem Regal und wenig verwunderlich ist auch, dass mit Kirby ein echter Naturbursch im Zentrum steht, der nicht in einem Stadthaus lebt, sondern eine alte Mühle renoviert, um die ein Hirsch streift.

Mehr noch als die Bekannten stellen sich Carys Kinder gegen die angeblich nicht standesgemäße Beziehung, schämen sich für die Mutter, betonen die Bedeutung des über Generationen vererbten Hauses, das sie dann freilich später schnell verkaufen wollen, und drohen ihr, jeden Kontakt mit ihr abzubrechen, wenn sie ihre Hochzeitspläne mit Kirby nicht aufgibt.

Sein Fett bekommt aber auch der Fernseher als Wohlstandssymbol der 1950er Jahre ab. Bitterer Hohn ist spürbar, wenn Cary erklärt wird, als sie ein Gerät als Weihnachtsgeschenk erhält, dass nun das ganze Leben bei ihr sein wird und sie nie allein sein wird. Wenn sich dabei ihr Gesicht auf dem Bildschirm spiegelt, wird ihr bewusst, wie sehr ihr verboten wurde, wirklich zu leben und dass sie eine Entscheidung treffen muss.

Kitschig mag die Handlung sein, doch Sirks Inszenierung macht daraus ein Meisterwerk. Mehr noch als durch die Gegenüberstellung von Oberschicht und Naturbursch erzählt er durch brillante Farb- und Lichtdramaturgie. Da wird eben spürbar, wie die zunächst in Grau gekleidete Cary zum Leben erwacht, wenn sie ein leuchtend rotes Kleid anzieht, da vermitteln die kräftigen Erdfarben und die Musik beim Fest der jungen Leute die Lebensfreude, während bei den Parties des gehobenen Bürgertums kaltes Blau und Grau dominieren.

Immer wieder vermittelt Sirk auch die Gefangenschaft Carys in gesellschaftlichen Normen, indem er sie in Rahmen quasi einsperrt, spielt mit dem Gegensatz von Wärme in Kirbys Hütte, in der die Liebe stark ist, und der Kälte vor den Fenstern.

Das Happy End hat Sirk auf Druck des Studios angefügt, dann aber auch wieder bewusst so überzogen, dass dessen Ironie unübersehbar ist.

An Sprachversionen bietet die bei Turbine Medien dank digitaler Restaurierung in brillanter Bild- und Farbqualität erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben einem Booklet von Michael Scholten mit Informationen zu Douglas Sirk und zum vorliegenden Film, dem englischen und dem deutschen Trailer sowie der Tonspur mit Soundeffekten und der Filmmusik von Frank Skinner vor allem einen Audiokommentar des Filmwissenschaftlers Werner Kamp, der sich mit dem Turbine-Mitarbeiter Christian Bartsch unterhält. Kamp spricht dabei viele inszenatorische Details an, die bewusst machen, wie überlegt dieses Meisterwerk inszeniert ist und wie sehr hier auch Details zu langen Diskussionen und vielfältigen Interpretationen einladen.

Trailer zu «Was der Himmel erlaubt - All That Heaven Allows»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.