Social Media macht dich zum Arschloch

04.06.2018 Kurt Bracharz

In Deutschland ist es ziemlich verbreitet, Computer schlicht als «Rechner» zu bezeichnen. Das ist ein kleiner Beitrag zur Entmythologisierung der maßlos überschätzten Digitalisierung: Im Zentrum der wunderbaren neuen arbeitsfreien Welt, in der die virtuelle MATRIX-Realität die echte ersetzen und übertreffen wird, was menschliche Bedürfnisse und Sehnsüchte betrifft, befindet sich eigentlich nur eine Rechenmaschine, die zwar extrem leistungsfähig ist, aber nicht mehr Geist besitzt als ein Abakus oder ein Rechenschieber. Jaron Lanier hat es so ausgedrückt: «Ohne Menschen sind Computer Raumwärmer, die Muster erzeugen.»


(Ohne Menschen gäbe es allerdings gar keine Computer, was in der Rechner-Frühzeit zum dem Spruch führte, Menschen seien die Genitalien der Computer, mittels deren diese sich vermehrten.)

Wer ist Jaron Lanier? Ein 1960 geborener amerikanischer Informatiker, der im Laufe der Zeit vom zungenredenden Propheten der Virtuellen Realität, an deren technischen Entwicklung er maßgeblich beteiligt war, zum scharfen Internetkritiker geworden ist. Seit er 2014 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen hat (Laudatio: Martin Schulz, ein schlechtes Omen), ist er auch außerhalb von Nerd-Kreisen bekannt genug, dass die Ankündigung seines neuen Buches «Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst» quer durchs deutsche Feuilleton große Zeitungsseiten füllt. Dort wird der brillante Techniker Lanier gerne als Intellektueller bezeichnet, obwohl sich seine Beiträge zum öffentlichen Diskurs weder in seinen Anfängen, als er zusammen mit Timothy Leary (!) auftrat, bis heute nicht unbedingt durch besondere Komplexität oder Gedankentiefe auszeichnen. Das wäre aber auch nicht gut für seine Botschaft, denn jene, an die er sich wendet, mögen zwar ihre Mobiltelefone perfekt beherrschen, aber bei Gedrucktem sind sie nur in einfacher Sprache erreichbar. So tragen die Kapitel in Laniers neuen Buch leicht verständliche Titel wie «Social Media ist deprimierender Mist. – Social Media macht dich zum Arschloch. – Social Media untergräbt die Wahrheit. – Social Media fördert prekäre Arbeitsverhältnisse» usw.

Auch Österreich findet beiläufig Erwähnung: «In den vergangenen Jahren sind in der Türkei, in Österreich, in den USA, in Indien und anderen demokratischen Staaten autoritär angehauchte Führer gewählt worden, die ihre Macht auf Stammesdenken gründen. Der Wähler wählt sich selbst ab. In all diesen Fällen hat BUMMER eine wichtige Rolle gespielt. Ich hoffe sehr, dass unsere Zeit einmal als kurzer Rückfall im ansonsten kontinuierlichen Aufstieg hin zu einer demokratischeren Welt erscheinen wird. Im Augenblick aber stehen wir einer erschreckenden, plötzlichen Krise gegenüber. Vor der BUMMER-Ära herrschte die allgemeine Ansicht, dass ein Staat, der einmal demokratisch wurde, nicht nur demokratisch bleiben, sondern auch immer demokratischer werden würde, weil das Volk es so verlangte. Leider ist das nicht mehr der Fall, und zwar erst seit kurzem. Etwas entfremdet junge Menschen von der Demokratie. Trotz all des hoffnungsvollen Eigenlobs der Social-Media-Unternehmen scheint es so, als ob durch die Schwächung der Demokratie auch das Internet hässlich und betrügerisch geworden ist.» BUMMER, amerikanische Umgangssprache für «Mist!» oder «Kacke!», ist bei Lanier ein Akronym: «Behaviors of Users Modified, and Made into an Empire for Rent», also etwa: «Verhaltensweisen von Nutzern, die verändert und zu einem Imperium gemacht werden, das jedermann mieten kann.» Man denke etwa an die israelische Firma PsyGroup, die nach einem Bericht des «Wall Street Journal» in den USA mit ihrer Kapazität wirbt, Fake-Accounts in sozialen Medien für politische Kampagnen wirksam einzusetzen, und auf ihrer Homepage angibt, sie könne die «Realität gestalten». Sie ist jetzt ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerückt, weil auch sie für Trumps Wahl tätig gewesen sein soll.

In seinem 2006 veröffentlichten Essay «Digital Maoism» nannte Lanier den damals von vielen für den ultrademokratischen Weltgeist gehaltenen Schwarm-Geist des Internets «die Pöbelherrschaft böswilliger Massen», die wie Maoismus und Faschismus den freien Willen des Einzelnen zu vernichten trachten würden. Zumindest im politischen Bereich besteht der Schwarm-Geist aus einer Masse von Hetzmeuten. Elias Canetti wusste darüber lange vor dem Internet Bescheid.


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