Sinnverwandlung und Text

03.06.2018 Haimo L. Handl
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Vor Kurzem wurde in den Medien der Fall des Schriftstellers Christian Kracht be- oder verhandelt, der anlässlich seiner Poetikvorlesung verlautete, dass er sich nun erinnere, vor ca. 40 Jahren Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden zu sein, bis jetzt allerdings unsicher war, ob ihn seine Erinnerung trüge oder nicht. Diese Sensationsmeldung brachte viele Schriftgelehrte, Exegeten, Feuilletonisten, germanistische Chefdeuter und andere Experten bzw. Kulturvermittler ihrerseits zu schnellen Befunden oder Mutmaßungen über das vorliegende Werk des Schweizer Autors, das jetzt wohl anders gelesen werden müsse.


In der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG hieß es kurz und klar: «Christian Krachts Enthüllungen lassen seine Bücher in neuem Licht erscheinen». Ein neues Licht also erzwinge eine neue Lesart. Die Entdeckung, die Kracht machte, war durch das neue Umfeld von «metoo» instigiert und befördert worden. Kracht, das Opfer, packte aus, und zwar in einer Poetikvorlesung, weil dies der rechte Ort für so einen Befund ist.

Paul Jandl notiert in seinem oben erwähnten Artikel in der NZZ vom 25.5.18 unter anderem:

«Mit Krachts Erkenntnissen müsse man seine Bücher neu lesen, hiess es dieser Tage aus den Feuilletons. Der Schriftsteller selbst erteilt solchen Unternehmungen durchaus die Absolution. Auch er lese seine Bücher jetzt anders. Für die 'ausschweifende Unbarmherzigkeit' seiner Romanfiguren sehe er jetzt den Grund, für den 'männlichen Körperpanzer', den er ihnen anlegt, und für ihre soziale Dysfunktionalität.»

Dies alles passt in die gegenwärtig vorherrschende Fokussierung auf Person und Biographie, bei gleichzeitiger Vernachlässigung bzw. Ausblendung des Texte, der Literatur. Was hat sich an den Sätzen in Krachts Texten verändert, dass man sie jetzt anders lesen müsste? Waren sie bis anhin unverständlich, weil biografisch unvollständig dokumentiert und abgesichert? Was, wenn es in Kürze neue Entdeckungen und Bloßstellungen gibt, wenn weitere Persönlichkeitsfacetten offengelegt werden oder schnöde bar «bloßgestellt» werden? Wie vorläufig müssen denn die Textfabrikationen des doch erfolgreichen Schriftstellers gelesen werden? Wenn nicht mal er sich trauen konnte hinsichtlich seiner Erinnerungen, wie sollen die Leser ihm trauen bezüglich seiner schriftlichen, literarischen Entäußerungen?

Die Hauptfrage aber drängt sich auf: Was hat das mit Literatur zu tun? Gilt primär die Biographie, der Personalakt, gelten die Geheimdienstaufzeichnungen (dann waren die observierten und rapportierten Schriftsteller in der DDR in einer privilegierten Situation, weil der Staat ihre Daten systematisch sammelte, aufbereitete und für die korrekte, authentische Beurteilung ihrer Literatur die besten Grundlagen schuf) mehr, als die eigentliche Produktion? Sicher. Was interessiert das Geschreibe, wenn der Röntgenblick auf die Person so aufregend stories liefert?

Hier tut sich ein neues Arbeitsfeld für den investigativen Journalismus auf: Suchen und Finden von Krankengeschichten, Nachbarschaftsdenunziationen, Schulkollegenbeobachtungen, Befunde psychischer und physischer Abweichungen, Suchtreporte, frühe Filmaufnahmen aus Privatarchiven, Fotos und Videos, Zeugenaussagen, Gerüchte und dergleichen mehr, werden, bei komplexer Datenanalyse ganz neue Erkenntnisse der Größe oder Niedrigkeit irgendwelcher Personen liefern, beantworten Fragen nach dem Wie und Warum. Warum war Thomas Bernhard so ein Hasser? Wär das nicht eine Sensation, wenn man endlich bislang unbekannte Daten fände, die Abnormitäten, Einseitigkeiten, Störungen usw. einerseits belegten, andererseits erklärten, warum er Täter oder Opfer oder beides war (je nach Standpunkt und Perspektive)? Was, wenn neue Aufzeichnungen zu Kafkas asozialem Verhalten seine Beziehungsunfähigeit besser erklärten, seine Autoritätsangst auffächerten und sein Opferdasein noch tiefer und breiter dokumentierten? Was, wenn, entgegen allen Erwartungen, aber herauskäme, dass er in der Praxis Folterspielen nachging, wovon einige abgeschwächt Eingang in sein berühmtes Werk gefunden haben? Was, wenn er ein verklemmter Lüstling und Triebtäter war? Dann hätten ganze Heerscharen von Germanisten neue Arbeit, könnten ihre Berufskarrieren besser abgesichert ausrichten und das Publikum mit neuen, authentischen Horrorgeschichten versorgen, zumal der eigentlichen Textrevision, trotz anerkanntem Regietheaterkult, doch Grenzen gesetzt sind.

Das, was jeder Bürgerin heute geschieht, die völlige Durchleuchtung der elenden privaten Existenz, könnte endlich an die verstorbenen Größen angelegt werden. «Licht im Dunkeln» bzw. «Licht ins Dunkel» hätte eine neue Dimension.

Die primäre Beschäftigung mit der Person ist nicht nur ein Fokus aufs Private, sondern ein systematischer Beitrag zur Entwertung von Literatur, ja generell der Kunst. Es gilt nicht der Artefakt, der Text, es gilt die Person. Die Richtigkeit und Wichtigkeit zeigt sich bei sogenannt «belasteten Autoren», z.B. Bourgeois in sozialistischen Gesellschaften, Faschisten, Nazis oder Kommunisten in westlichen. Was, wenn irgendwer, der heute einen Heidegger als Nazi abtut und sich damit das Denken und Nachlesen erspart, sich hinter dessen Werk, das er abwertet, klemmen müsste, um Argumente zu formulieren? Wo käme man da hin? Es reicht, Marx als Gefahr für die freie Welt festzumachen, und nicht sein Werk zu studieren und zu analysieren. Würde das Werk eine Art «Eigenwert‘» oder einen «Werkwert» aufweisen, (fast) unabhängig von der Person bzw. ihrer Biographie, wir kämen in die Verlegenheit, Gedichte von Monstren und Massenmördern gutheißen zu müssen (man denke nur an den alten Vorsitzenden Mao, der neben seiner Mordpolitik auch schöne Gedichte schrieb, man vergesse nicht Radovan Karadžić, den zeitgenössischen Mörder und Psychologen, der auch als Verfasser einfühlsamer Lyrik auftrat), die wir schon oder besonders aus ideologischen Gründen verwerfen, weil ihre Urheber böse Menschen, Mörder sind. Dass die personalen Eigenschaften so stark das Urteil, die Annahme oder Ablehnung zu lenken vermögen, hängt mit der Betroffenheit, die unter anderem aus der zeitlichen Nähe oder Distanz resultiert, zusammen. Biographien aus der Barockzeit, Horrorgeschichten aus dem Dreißigjährigen Krieg «berühren» uns anders als solche vom 1. oder gar 2. Weltkrieg.

Texte, auch solche die werkgetreu publiziert werden und nicht «modernisiert» nach gender criteria oder leichter Lesbarkeit für unbedarfte Ungebildete (Shakespeare light, Goethe in zugerichteter Leichtversion), bleiben nie, was sie sind. Immer werden sie interpretiert, müssen interpretiert werden. So verändern sich auch Urteile über den Text. Die Frage ist nur: was leitet die Interpretation? Ideologie (= falsches Bewusstsein), persönliche Gefühle oder Hass oder was der Mob in den social media plärrt? Interpretationen können variieren. Aber sie werden, wenn sie denn bedacht und nicht willkürliches Gekotze, im Kern sich decken. Dort, wo sie sich nicht decken, wird es interessant die Gründe dafür zu prüfen (historische Distanz, Fülle oder Mangel an Kontextwissen etc.).

Man kann dieses Phänomen der «Einseitigkeit», der «Schlagseite» in der Fokussierung auf die Person selbst schnell überprüfen. Wenn Sie alte Werke, insbesondere des früheren abendländischen Kanons, konsultieren, werden Sie merken, dass die Fragen der Personenzeichnung und –deutung sekundär sind gegenüber den philologischen Rekonstruktionen oder Textexegesen. Die Editionsgeschichten um die eine oder andere Schreibweise aufgrund vorliegender Unterlagen und Belege wiegen mehr, als Anmerkungen zur Biographie. Diese ist zwar nicht uninteressant oder unbedeutend, aber nicht vorrangig. In der Gegenwartskultur, die zu einer Unkultur gewachsen ist, wenn man frühere Beurteilungskriterien hernimmt, gilt allerdings das Umgekehrte.

Hans Baumann (1914-1988) war ein NS-Funktionär, Volksschullehrer, Komponist und Lyriker. Er war produktiv und von einigen gepriesen. Er reichte im Nachkriegsdeutschland einen Text für den Gerhjart-Hauptmann-Preis ein, den er auch erhielt. Das war 1959, zur Zeit der Kahlschlagliteratur und des Wiederaufbaus (!). Als aber bekannt wurde, wer der eigentliche Autor war, nämlich Hans Baumann, wurde ihm 1962 der Preis wieder aberkannt. Das war (damals) doch zu viel. Wieder einmal hatte die Biographie über die Literatur gesiegt.

Die Aberkennung hätte ja alleine schon aus formalen Gründen erfolgen können, weil unter Pseudonym eingereicht worden war. Aber es war die negative Vita, der Schmutzfleck, den man für den Preis nicht wollte, obwohl Gerhart Hauptmann, der naturalistische Nobelpreisträger (1912), ideologisch gesehen sein Verhalten sich nicht wesentlich von dem Baumanns unterscheidet(aber das wäre ein anderes Kapitel): 1933 Unterzeichnung der Loyalitätserklärung sowie Ansuchen um Aufnahme in die NSDAP, das allerdings abgelehnt wurde. In Wikipedia heißt es: «In seinem Selbstverständnis war Hauptmann allerdings immer ein überparteilicher Dichter gewesen, die nationalsozialistische Ideologie floss auch nicht in sein Werk ein. Die Distanz zwischen Hauptmann und dem Nationalsozialismus geht auch aus einer Stellungnahme des Amts Rosenberg aus dem Jahr 1942 hervor: »Bei aller Anerkennung der künstlerischen Gestaltungskraft Hauptmanns ist die weltanschauliche Haltung der meisten seiner Werke vom nationalsozialistischen Standpunkt aus kritisch zu betrachten.«

Wie prüft man ein »Selbstverständnis«, wie aussagereich ist es? Wie war z.B. das Selbstverständnis von Herrn Kracht VOR seiner Erinnerungsfeststellung und danach? Hat ein keines gehabt, war es erkennbar vorläufig oder beschädigt? Wie gültig sind Amtsbekundungen und –urteile? Gelten sie nicht oder besonders für DDR-Autorinnen? Gelten sie nur für Berühmte, nicht aber für Versager, Zukurzgekommene, »Opfer«?

Die Fokussierung auf die Person und ihre Biographie erfolgt nach bestimmten Kriterien. Manchmal gilt beides: Person UND Werk, manchmal, wenn für das Expertenurteil oder die öffentliche Verurteilung günstig, das eine oder das andere.

Als Günter Grass (1927-2015) spät bekannte, dass er als Jugendlicher mit 15 Jahren zur Wehrmacht sich meldete und dann in der Waffen-SS diente, haben etliche Leser, die von seinen Romanen begeistert waren, vor allem von »Die Blechtrommel« oder »Der Butt«, entrüstet diese Werke abgewertet. Für sie hat sich Grassens Literatur verwandelt, war »unglaubwürdig«, weil sie eine persönliche Verhaltensweise auf die Literatur übertrugen mit allen Konsequenzen der Beurteilung. Jetzt war Grass »befleckt", aber nicht nur er, auch seine Literatur. Es wird lange dauern, bis der Blick aufs Werk sich wieder herstellen lassen wird.

Heute ist es vielen möglich, das lyrische Werk des österreichischen Expressionisten Georg Trakl zu schätzen, obwohl er ein inzestuöser Junkie war. Wenn für Trakl immer noch gälte, was Kracht neuerdings beansprucht, wäre sein Werk im Orkus.

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