Tully

05.06.2018 Walter Gasperi

Nachdem Drehbuchautorin Diablo Cody und Regisseur Ivan Reitman in «Juno» von einer Teenager-Mutter und in «Young Adult» von jungen Erwachsenen erzählten, blicken sie nun auf die Belastungen – und die langsame Selbstfindung – einer 40-Jährigen, die gerade zum dritten Mal Mutter wurde. – Eine durch die unspektakuläre Erzählweise, den ebenso präzisen und realistischen wie mitfühlenden Blick und famose Schauspieler beglückende Dramödie.


Liebevoll bürstet die hochschwangere Marlo (Charlize Theron) ihren etwa fünfjährigen Sohn Jonah und bringt ihn zu Bett. Schon diese erste, in warme Brauntöne getauchte Szene besticht durch den geduldigen und warmherzigen Blick. Cody und Reitman lassen sich viel Zeit für die alltäglichen kleinen Dinge.

Keine spektakuläre Handlung wird entwickelt, sondern diese Dramödie bewegt gerade dadurch, dass sie nah am Leben bleibt und den Fokus ganz auf die Familie und im Speziellen die Mutter legt. Marlo führt zwar in einer Vorstadt von New York mit ihrem gutmütigen Mann Drew (Ron Livingston) und ihren beiden Kindern ein im Grunde glückliches Familienleben, doch die Schwangerschaft und der zu Autismus neigende Jonah belasten sie schwer.

Kein großes Drama machen Cody/Reitman auch aus der Geburt, sondern halten diese Szene kurz. Knapp vermitteln sie auch in der folgenden rasanten Montagesequenz, welche zusätzlichen Belastungen das Baby mit Wickeln, Stillen, in den Schlaf Wiegen und immer wieder Schreien für die Mutter bringt. Während Drew gut schläft, kommt Marlo auch nachts kaum mehr zur Ruhe, die Familie wird mit Tiefkühlpizza und Fertiggerichten aus der Mikrowelle verköstigt.

Ungeschminkt und ehrlich spielt Charlize Theron, die vor 15 Jahren für ihren Mut zur Hässlichkeit in der Rolle der Serienkillerin in Patty Jenkins «Monster» mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, diese Mutter am Rande des Zusammenbruchs. Lange kann es nicht mehr so weitergehen, doch dann engagiert sie auf Vorschlag ihres Bruders (Mark Duplass), der auch finanziell dafür aufkommt, eine Nacht-Nanny.

Steht Marlo der 26-jährigen Tully (Mackenzie Davis), die sich liebevoll um das Baby kümmert, die Mutter ins Bett schickt und nur zum Stillen weckt, zunächst skeptisch gegenüber, so genießt sie bald zunehmend die Besuche und die Bekanntschaft mit der jungen Frau. Wie ein guter Engel aus einer anderen Welt wirkt diese Tully, bleibt undurchschaubar und scheint ein Geheimnis mit sich zu tragen, doch die nächtlichen Gespräche lassen Marlo langsam aufblühen, gelöster werden und auf sich selbst zu achten.

Erst im Finale lüften Cody/Reitman mit einem klugen Twist das Geheimnis um ihre Titelfigur. Damit weitet sich schließlich auch diese Dramödie über das Porträt der Schwierigkeiten einer Mutterschaft zum Film über Lebensträume und Realität, über Lebensalter und daraus resultierende verschiedene Schwerpunkte und die Wichtigkeit des achtsamen Umgangs nicht nur mit anderen, sondern auch und vor allem mit sich selbst.

Vorwerfen kann man «Tully» nicht nur, dass diese Mittelstandsfamilie zu glatt und mustergültig gezeichnet wird, sondern auch, dass hier doch veraltete Rollenbilder transportiert werden, wenn Haushalt und Sorge um das Baby ganz der Mutter obliegen, während der Ehemann sich nach der Arbeit, über die man nichts Genaues erfahrt, sich bei Videospielen entspannt.

Doch trotz dieser Einwände muss man diesen klassischen Frauenfilm mögen. Denn so überzeugend und frisch das Duo Cody/Reitman vor neun Jahren in «Juno» von den Schwierigkeiten eines schwangeren Teenagers erzählte, so treffend und gerade im Verzicht auf Glamour bewegend ist diese Dramödie, in der die 40-jährige Cody wohl auch eigene Erfahrungen einfließen ließ.

Die wunderbar natürlich agierenden und bestens harmonierenden Hauptdarstellerinnen Charlize Theron und Mackenzie Davis sorgen in Kombination mit den punktgenauen Dialogen Codys und dem bestechend Realismus, Mitgefühl und Witz mischenden Blick auf den Alltag einfach für eine Mischung, die nicht nur bestens unterhält, sondern die auch sehr tröstlich und optimistisch ist.

Läuft derzeit in den Kinos

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