Kündigt der Behemoth den Messias an?

28.05.2018 Kurt Bracharz

Zu Trumps treuesten Anhängern gehören die US-amerikanischen Evangelikalen. Das ist erstaunlich, weil sie im zynischen, vulgären und gewiss nicht frommen Trump eher den Behemoth erkennen müssten, wenn bei ihnen irgendwie Vernunft im Spiel wäre.


Wer sind die Evangelikalen eigentlich? Schwer zu sagen, zusammengefasst sind ihre doch unterschiedlichen Gruppierungen jedenfalls die weltweit am stärksten wachsende religiöse Bewegung. Das englische Wort evangelical bezeichnete ursprünglich jene Christen, die man in Deutschland und Österreich die «Evangelischen» nennt und die fast, aber eben nicht ganz deckungsgleich mit den «Protestanten» sind. Unter die US-Evangelikalen hingegen fallen so viele Kirchen, Sekten und Gemeinschaften in unterschiedlichen Erscheinungsformen, dass man versucht hat, den Begriff durch vier Charakteristika zu fassen. Evangelikale glauben stark an die Bibel (müssen aber nicht Fundamentalisten sein), sehen Jesu’ Opfer am Kreuz als zentrales Ereignis der Heilsgeschichte der Menschheit («Jesus died for your sins»), betonen die Notwendigkeit eines ganz persönlichen Bekehrungserlebnisses («born again»), und missionieren im Alltag und jederzeit. Als fünftes, inoffizielles Merkmal praktizieren viele – aber nicht alle – evangelikalen Gruppen durch Bibelstellen gerechtfertigte Grausamkeiten an ihren Kindern. Solches hat dazu geführt, dass das Wort «evangelical» einem Bedeutungswandel unterlegen ist. Die 87 Jahre alte Princeton Evangelical Fellowship hat sich jüngst in Princeton Christian Fellowship umgetauft, weil zu viele Studenten den Namen automatisch mit erzkonservativer Ideologie und buchstabengetreuer Bibelauslegung verbanden.

Wie viele Evangelikale es in den USA gibt, weiß man nicht, weil das amerikanische Statistikamt keine Daten über die Religionszugehörigkeit erheben darf (und nie durfte, das hat nichts mit dem modernen Datenschutz zu tun). Die Schätzungen reichen von 20 bis 80 Millionen. Sie konzentrieren sich im Bible Belt, zu dem Bundesstaaten wie Texas, Alabama, Arkansas, Kentucky, Kansas, Virginia, Mississippi, Oklahoma und Tennessee gehören.

Trump hat vier Fünftel ihrer Stimmen bekommen, prozentuell mehr als Ronald Reagan oder der deklarierte Evangelikale George W. Bush. Trump, der einst für die Partial-Birth-Abtreibung eingetreten war (die auf Grund der Agitation der Evangelikalen verboten blieb), Trump, der Wörter wie pussy und shithole gebrauchte (wofür Evangelikale Kindern den Mund mit Seife auswaschen), Trump, der sich öffentlich über die Größe seines Penis ausgelassen hat, Trump, dessen Rechtsanwalt dem Pornostar Stormy Daniels 130.000 Dollar überwiesen hat, damit sie nichts über ihren Kontakt mit Trump aussagt (wobei die Evangelikalen den Sündenfall ihrer Fernsehprediger mit Prostituierten gewöhnt sind, die tränenreiche Bitte dieser natürlich nur einmal der Versuchung Erlegenen um Vergebung ist amerikanische Folklore; die Evangelikalen haben auch zu 80 Prozent für den von Trump protegierten Senatskandidaten in Alabama, Roy Moore, gestimmt, dem mehrfacher sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde). Trump, dem wiederholt sexuelles Fehlverhalten attestiert worden ist, u. a. mit einer Vierzehnjährigen. Was finden die wiedergeborenen Christen an diesem Mann?

Ihre Vertreter haben freien Zugang zum Präsidenten. Die Prediger gehen im Weißen Haus ein und aus und sind herzlich willkommen, als Stimmenbeschaffer natürlich, denn Trump selbst ist sicher kein Christ irgendwelchen Zuschnitts. Der Prediger Jerry Falwell Jr. sagte, die Evangelikalen hätten in Trump ihren «Traum-Präsidenten» gefunden, der Pastor David Jeremiah hat Jared Kushner und Ivanka Trump mit Josef und Maria verglichen: «Es ist, als schicke Gott ein junges jüdisches Ehepaar den Christen zu Hilfe.» Der Prediger Dobson hat gleich Trump selbst mit dem Jesuskind verglichen. Im Ernst! Die USA sind tatsächlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zumindest was angewandte Idiotie betrifft.

Ein Traum-Präsident ist Trump vor allem für jene Evangelikalen, die sich für von der Mehrheit unterdrückt und bedroht halten, und denen er verbal immer recht gibt und Versprechungen macht, die er nicht halten muss, weil sie eh nicht eingefordert werden. Der evangelikale Schriftsteller Michael Gerson schrieb in der Aprilnummer von «The Atlantic»: «Trump beschreibt die Evangelikalen immer so, wie sie sich selbst beschreiben: eine misshandelte Minorität, die einen starken Verteidiger bracht, der nach säkularen Regeln spielt. (...) Er behandelt die Evangelikalen als eine Interessengruppe, die Schutz und Bevorzugung braucht.»

Das alles hat auch weltpolitische Bedeutung. Als Trump die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegte, setze er diesen zwar nicht von ihm erfundenen, aber doch willkürlich anmutenden Akt nicht zuletzt für jene mindestens 200.000 Wähler, die an «The Second Coming of Christ» glauben, welches das Ende der Welt bedeutet und zu dessen Vorbedingungen die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt gehört – natürlich ist nicht der reale Staat Israel gemeint, sondern das Zentrum eines mythischen Judentums: Wenn Jerusalem diesen Status erreicht hat, wird der Messias wieder kommen.

Nebenbei bemerkt: Wenn Trump einem Attentat zum Opfer fiele, des Amtes enthoben würde oder freiwillig zurückträte, würde mit seinem derzeitigen Vize Mike Pence ein Mann US-Präsident, der sich selbst als «Christ, Konservativer und Republikaner – in dieser Reihenfolge» beschreibt. Er glaubt, dass die Welt 6000 Jahre alt ist und Noah aus Platzgründen schlauerweise nur kleine Dinosaurier in die Arche mitgenommen hat.

Europäische Katholiken und Protestanten sollten beten, dass Trump eine ganze Präsidentschaft lang durchhält.


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