Verstummen als Inszenierung und Verweigerung als Ausstieg

27.05.2018 Haimo L. Handl
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Fast auf den Tag liegen zehn Jahre zwischen den Geburtsdaten zweier deutschsprachiger Schriftsteller: der ältere, Reinhard Jirgl, wurde am 16.1.1953 in Berlin geboren, der jüngere, Peter Stamm, am 18.1.1963 in Scherzingen (Schweiz). Aber es ist nicht nur das Alter, das beide unterscheidet, sondern ihre Rolle als Schriftsteller: einmal in der DDR, dem Arbeiter- und Bauernstaat, der so erfolgreich und doch wieder vergeblich versucht hatte, freies Denken an die Leine zu nehmen, dann in dem wiedervereinigten Deutschland, dem «freien Westen», dem Ort des «freien Wortes», der «freien Kunst», des Landes der «wein&bierjauchzige(n) Menge» und der «Hooligans des Firlefanzes».


Der freie Schweizer hatte anfänglich Probleme, seine Anerkennung zu finden, studierte dies und das und war Journalist, lernte das Handwerk und Geschäft kennen und war dann mit seiner neutralen, sachlichen Sprache, die keinen helvetischen Hintergrund auswies oder ihn als Schweizer verriet, der Metaphern und alles, was an gehobene Schreiberei oder gar Dichtung hätte weisen können, erfolgreich vermied, Erfolg beim Publikum und damit bei den Verlagen und der Kritik.

In seinem Bestreben zu reduzieren schreibt der Jüngere also sachlich und kurz, aber immer noch lesbar, denn sonst würden seine Bücher nicht gekauft. Man muss ja von etwas leben. Und leben will auch der Jüngere, weil das Nirwana, die Auflösung als Zielresultat seiner Reduktionsreise, ja noch weit weg ist, auch wenn er, manchmal peinlich formuliert, vom Verstummenwollen redet, wie einer, der beredt das Schweigen lobt und redet und redet, aber nicht schweigt.

Das Schweigen wäre auch schwierig und unvernünftig bei so vielen Preisen seit 1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2008, 2011, 2012, 2013, 2014, 2017 und 2018. Zum Solothurner Literaturpreis, der ihm jetzt, 2018, aufgebürdet wurde, äußerte sich also der Jüngere in einer Dankesrede unter anderem wie folgt:

«Wenn Menschen mir sagen, sie könnten ohne Bücher nicht leben, so kommt mir das immer wie das Eingeständnis einer Schwäche vor. Damit will ich nicht sagen, dass ich ohne Bücher leben möchte, aber vielleicht wäre es mein Ziel, dass die Bücher sich für mich immer überflüssiger machten, bis ich sie irgendwann nicht mehr brauchte und sie nur noch manchmal in ihren Regalen betrachtete als Zeugen des Weges, den ich gegangen bin. Es mag seltsam klingen, wenn ein Schriftsteller das sagt, aber mit den Jahren ist in mir die Überzeugung gewachsen, dass alles, was wirklich zählt, dass das Wesentliche sich nicht in Worte fassen lässt.»

Man kennt das. Künstler, die vom unbedingten Schaffensdrang berichten, klingen wie Süchtige, die sich als Opfer stilisieren. Ob man also Bücher mag oder braucht, ist nicht nur eine private Vorliebe oder Abneigung, es ist, unter Umständen, eine existentielle Entscheidung, ein Wesenszug. Und der Befund, was wirklich zähle, hat es ja in sich: «alles, was wirklich zählt, dass das Wesentliche sich nicht in Worte fassen lässt.» Warum also Worte gebrauchen, sprachlich kommunizieren? Weil man sich mit dem Minderen, dem Unwesentlichen zufriedengibt? Nicht so Peter Stamm, der zwar reflektiert, was er nicht mag, aber doch schreibt und schreibt und einfach nicht schweigt. Was will er? Sein Dilemma zelebrieren?

«Ich habe kein Verlangen, mit meinen Büchern zu sagen: 'Hier ist jemand gewesen, hier hat ein Mensch, haben Menschen gelebt.' Nur an Agnes möchte ich erinnern. Nicht, weil sie bes­ser war als wir anderen, aber weil es der einzige Weg für mich ist, sie nicht so schnell zu vergessen, sie noch ein wenig bei mir zu behalten, bevor sie ganz in der Entfernung verschwindet.»

Von der Existenz will er nicht zeugen. Von den Menschen auch nicht. Aber an EINEN Menschen möchte erinnern. Wenigstens das. Aber damit sagt er, im Widerspruch zu seinem Verlangen, doch etwas über einen Menschen, einen bestimmten zumindest, wenn ihm die anderen egal sind. Doch die Bücher richten sich nicht an einen Einzelnen, sondern an viele, und diese Vielen lesen und kaufen und führen mit ihrer Aufmerksamkeit dazu, dass der Autor mit Preisen bedacht wird, obwohl er doch verstummen, sich reduzieren will. Bis er diesen Zustand erreicht haben wird, falls er ihn überhaupt ernsthaft anvisiert hat, schreibt er, liest er vor, spricht öffentlich, lässt sich preisen.

Die Reduktion ist eine komplizierte Sache. Samuel Beckett hat es versucht. Als seine Stücke dementsprechend nichtssagend wurden, fast bis zur leeren Bühne, hat er sein Publikum verloren; nur der Ruhm, den er mit dem noch nicht radikal Reduzierten errungen hatte, hielt seinen Namen wach. Heute ist er ein Fall für Dokumentaristen und Anglisten.

Man kann auch aus politischen Gründen verstummen. Das wird zwar nicht immer vom Publikum verstanden, aber prinzipiell geht es. Karl Kraus, dem beredt zu Hitler nichts einfallen wollte, der darüber aber schrieb, weil er eine für ihn unerträgliche Situation darlegen wollte, weil er klar machen wollte, weshalb jetzt, angesichts des Hitler und der Nazis, nach all den Grausamkeiten und systematischen Barbarei des Ersten Weltkriegs, das Wort, das satirische zumal, versagt, lieferte für die Halb- und Ungebildeten eine willkommene, weitere Angriffsfläche für sein vermeintliches Versagen.

In der Literatur finden wir viele Beispiele von Geschwätzigkeit, von sich abgepressten Sätzen, von eloquenter Rede, oder auch von Gedanken, die in ihrer Zeit im Widerspruch zum Zeitgeist standen und die heute, für uns Zurückschauende, besondere Kenntnisse verlangen, um sie nicht nur oberflächlich zu dekodieren, sondern sinnverständig zu lesen.

Das hängt, wie Peter Stamm in seiner Dankesrede weiter ausführt, mit dem Stellenwert des Wesentlichen zusammen:

Schreiben ist Nebensache. Lesen ist Nebensache. Die Literatur braucht das Leben mehr als das Leben die Literatur. Sie ist immer weniger, manchmal sehr viel weniger, sie ist nie genug..

Nun, der Mensch lebt aber nicht nur von der Hauptsache. Schon die Sprache, der Informationsaustausch braucht Redundanzen, weil wir pure Information nicht ökonomisch vertretbar verarbeiten könnten. Sprache ist aber auch mehr als ein Werkzeug des Informationsaustausches. Peter Stamm übersieht, aus für ihn guten Gründen, die Dimension der Ästhetik, des Sprachschöpferischen, der Freiheit, die sich für den Sprecher auftut, der nicht nur an Buchstaben klebt, sich beschränkt auf das Wesentliche. Alles, was wir der Kultur zuschreiben, was uns als Menschen auszeichnet, in allen Kultur, liegt jenseits dieses kruden, engen Nutzendenkens, dieser Lebens- und Körperfeindlichkeit.

Es erstaunt nicht, und ist auch nicht beiläufig oder zufällig, dass alle totalitären Regime und Systeme, die Nazis wie die Bolschewiki oder Maoisten, die Dichtung unter Kontrolle bringen wollten, wenn sie sich nicht ganz und gar verunmöglichten. Ihr Kredo galt einer bestimmten Erziehung und Agitation, einer strengen Ausrichtung und Einpassung, einem radikalen Nutzendenken. Das zeigte sich auch in der Sprache. Es zeigt sich immer noch in der Sprache. Sie verrät, wie utilitaristisch jemand ist bzw. Angst vor dem freien Wort hat, des Dichterischen, der Metaphern und Bilder, weil die alle nicht nur nicht genügen, sondern stören, ablenken, unwesentlich sind. Den vielen Kurzdenkern und Überangepassten kommt das zupass. Nicht zuletzt deshalb hat ein Peter Stamm sein Publikum. Dem sagt er freundlich:

Und so schreibe ich weiter, bis ich irgendwann ganz in der Stille angekommen bin und das Verstummen zu meinem letzten Werk wird.

Das Publikum jauchzt, die Kritiker loben. Das ist der Betrieb.

Reinhard Jirgl wurde in Ostberlin geboren, holte ab 1970 in der Abendschule seine Matura nach und studierte dann in Berlin Elektronik. 1978 wechselte er zur Berliner Volksbühne. Seit 1996 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. In der DDR werden seine Arbeiten nicht publiziert. Erst 1990, mit der Wende, konnte sein Debutroman «Mutter Vater Roman» im Aufbau Verlag erscheinen. Der Roman «Abschied von den Feinden (1993) erhielt zwar den Alfred-Döblin-Preis, wurde aber erst zwei Jahre später publiziert. Jirgl kennt die Hemmnisse und Niederhaltungen, den Druck, dem ein Schriftsteller in einer intoleranten, selbstgerechten Gesellschaft ausgesetzt ist. Er lernte nach der Wende den Westen kennen, wo ja auch seine Werke ab 1990 erschienen, vor allem in »seinem« Hausverlag Hanser. Auch er hat viele Preise erhalten, u.a. 2010 den Georg Büchner-Preis.

Jirgl lernte auch den Literaturbetrieb westlicher Machart, die Mache vom Wesentlichen vs. Unwesentlichen, der Toleranz und unbedingten Forderung, des Sprachzerfalls und der hippen, chicen Geschäftigkeit des modischen Unterhaltungsbetriebs kennen: Nicht nur neue Ausformungen der schon früher festgestellten Unübersichtlichkeit (Habermas), sondern, besonders durch die Neuen Medien und die fatale smart phone culture und dem Terror der social media.

In der Internetseite des Hanser-Verlags ist zu lesen:

Mit Beginn des Jahres 2017 hat Reinhard Jirgl sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er verzichtet auf Lesungen sowie andere Auftritte, desgleichen auf jede Publikation seiner auch weiterhin entstehenden Manuskripte. Alle neu geschriebenen Texte verbleiben in Privatbesitz.

Monate später war in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG unter dem reißerischen Titel »Gegen die Hooligans des Firlefanzes oder Warum einer aufhört mit Schreiben« darüber zu lesen. Mit etwas koketter Verwunderung fragt der Journalist »Ist es hier so schlimm geworden, dass man sich aus allem zurückziehen muss?« »So geht elitär!« (Welch feine Anpassung ans Werbe- oder social media-Deutsch.) Der findige Journalist zitiert einschlägige Stellen aus Jirgls Werk, seine Kritik unserer ach so guten Gesellschaft. Ein paar Sätze klingen so:

Mit vollen Rohren schießt der Autor in seinen Romanen und Essays gegen die »Zweigstellen des Parnass«, gegen die »Zensuranstalten und Verlage« und überhaupt gegen alle »Fäkal=Agenten«, die »die Lust an den Wörtern kastrieren«. Wenn es ideologiekritisch gegen die Stromlinienförmigkeit der Publikumsverlage ging, dann war der deutsche Autor ganz bei seinem Ost-Kollegen Heiner Müller. Bestseller seien etwas für Idioten, denen das Fernsehen nicht reiche.»

Beanstandet der österreichische Kulturjournalist Paul Jandl (*1962) die Kritik oder die Kollegenschaft unter «Östlern»? Jandl versteht sein Geschäft in der Bedienung von Erwartungen und Klischees und geht zur insinuierenden Denunziation über:

Wenn der Überwältigungsgestus aus dem Werk von Handke, Strauss und Konsorten in die Wirklichkeit schwappt, dann kann aus der Figurenrede der Literatur plötzlich die Rede des Autors werden. Aus den Etüden des Zorns wird im Alltag Ernst.

«... und Konsorten», welch feiner Befund eines Kulturjournalisten. Ja, wenn da was in die Wirklichkeit schwappt, wird’s ernst. Nicht wie bei Peter Stamm, der system- und marktkonform schreibt und eigentlich verstummen will. Der Jirgl, dieser Elitäre Schnösel, macht ja ernst und publiziert tatsächlich nichts mehr. Er wird aktiv gegen das Publikum, schädigt seinen Verlag, brüskiert die Kritiker. Wenn das viele machten, wohin kämen wir? Wäre überaus interessant es zu erfahren. Und der Vorwurf wird formuliert:

Das elitäre Selbstverständnis und der Kulturpessimismus angesichts alles Massenhaften können sich zu einer fragwürdigen Misanthropie auswachsen.

Ja, der ostdeutsche Balg hat sich zu einem Elitären entwickelt, ein übler Konvertit, ein Misanthrop. So einfach ist das, wenn man nicht mit den Wölfen heult. Aber ein Peter Stamm einerseits und ein Paul Jandl andererseits retten uns und alle treuen Leser.

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