The Third Murder

29.05.2018 Walter Gasperi

Misumi hat einen brutalen Mord begangen, sich gestellt und ein Geständnis abgelegt. Der Fall scheint klar, doch in Gesprächen mit dem Angeklagten beginnt der Anwalt zunehmend an der Wahrhaftigkeit des Geständnisses zu zweifeln. – Hirokazu Kore-eda, der soeben für «Shoplifters» in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, legt mit seinem vorletzten Film kein klassisches Gerichtsdrama vor, sondern eine packende Auseinandersetzung mit dem Rechtssystem, mit Schuld und der Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit der Wahrheitsfindung.


Vor der Silhouette einer nächtlichen Großstadt wird im Brachland an einem Fluss ein Mann mit einer Eisenstange brutal niedergeschlagen, dann auch noch gewürgt, schließlich mit Benzin übergossen und angezündet. In einer ruhigen Totalen, die von melancholischer Musik begleitet wird, filmt Hirokazu Kore-eda diesen eiskalten Mord.

Wie in seinen meisterhaften Familiendramen von «Nobody Knows» (2004) über «Still Walking» (2008) und «Like Father, Like Sun» (2013) bis zu «Our Little Sister» (2015) bleibt der 1962 geborene Japaner, der vom Dokumentarfilm kommt, auch hier unaufgeregter Beobachter.

Polizeiermittlungen, Verhaftung und Verhör des Täters (Yakusho Koji) überspringt Kore-eda und zeigt in der nächsten Szene schon die Anwälte, die den renommierten Shigemori (Masaharu Fukuyama) beigezogen haben, bei der Fahrt zum Inhaftierten. Der Fall scheint klar zu sein, es kann nur noch darum gehen, die Todesstrafe vom Angeklagten, der schon vor 30 Jahren einen Mord begangen hat und nach langjähriger Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen wurde, abzuwenden.

Der dritte Mord des Titels meint nach der Jahre zurückliegenden und der soeben verübten Tat diese Hinrichtung, die hier im Raum steht, dennoch ist «The Third Murder» nur bedingt ein Film gegen die Todesstrafe.

Vielmehr bietet Kore-eda mit seiner geduldigen und detailreichen Beobachtung Einblicke einerseits in das Rechtswesen und andererseits in die Schwierigkeit der Wahrheitsfindung. Zwangsläufig dialoglastig wird dieses Drama dadurch, aber die bestechenden Cinemascope-Bilder und die differenzierte und dichte Diskussion der zentralen Themen sorgt für durchgängige Spannung.

Gerichtsszenen im klassischen Sinn spielen dabei eine untergeordnete Rolle, vielmehr stehen zunächst die strategischen Überlegungen der Anwälte im Zentrum, die versuchen die Tat nicht als «Mord aus Habgier», sondern als «Mord aus Rache» darzustellen, da dies sich vor Gericht strafmildernd auswirken würde. Dem Zuschauer überlässt Kore-eda freilich die Entscheidung, ob unterschiedliche Motive wirklich das Ausmaß der Schuld verändern.

Gleichzeitig macht Kore-eda aber auch deutlich, dass bei der Aufarbeitung des Falls auch ganz banale Motive hereinspielen, wenn die Anwälte nicht in eine weit entfernte Stadt reisen, um die Tochter des Angeklagten zu befragen, weil für diese Reise keine Spesen verrechnet werden könnten.

Zunehmend tritt dieser Blick auf eine Rechtspraxis, die im höchsten Maße als unzulänglich erscheint, in den Hintergrund gegenüber der Frage, inwieweit überhaupt die Wahrheit gefunden werden kann. Denn von der Behauptung die Tat unabhängig begangen zu haben weicht Misumi bald ab und gibt an von der Witwe des Ermordeten beauftragt worden zu sein, bis schließlich auch noch die Möglichkeit ins Spiel kommt, dass Misumi mit dem Mord die Tochter seines Opfers schützen wollte.

Unterschwellig spielen so doch auch hier Familienverhältnisse herein, die in den anderen Filmen Kore-edas im Zentrum stehen. Denn wie der geschiedene Shigemori eine 14-jährige Tochter hat, die sich von ihrem Vater vernachlässigt fühlt, so könnte auch die Beziehung des Mordopfers zu seiner eigenen Tochter, die etwa gleich alt ist wie die Shigemoris, höchst problematisch gewesen sein.

Ins Zentrum rücken so die intensive Gespräche zwischen Misumi und Shigemori, die einerseits durch Sicherheitsglas getrennt sind, andererseits sich in der Scheibe immer wieder und zunehmend mehr zu spiegeln scheinen und teilweise fast zur Deckung gebracht werden. Die immer wieder neuen Varianten Misumis zu den Hintergründen der Tat verunsichern den Anwalt zunehmend, machen ihm nicht nur bewusst, dass es letztlich unmöglich ist die Wahrheit zu finden und damit Recht zu sprechen, sondern lassen ihn auch an sich selbst und an seinem Beruf zweifeln.

Das Gericht freilich wird schließlich ein definitives Urteil fällen, mit dem «The Third Murder» dann doch wieder zu einem Plädoyer gegen die Todesstrafe wird, für den Zuschauer lässt Kore-eda, der mit dieser Wahrheitssuche an Akira Kurosawas Meisterwerk «Rashomon» anknüpft, aber wohlweislich offen, was wirklich passiert ist.

Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. Kinok, St. Gallen: 1.6., 21.15 Uhr; 10.6., 13 Uhr

Trailer zu «The Third Murder»

Kinok - Cinema in der Lokremise
Grünbergstrasse 7
CH-9000 St.Gallen
T: 0041 (0)71 245 80 89
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  • The Third Murder
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