Eingestiegen und abgefahren!

23.05.2018 Rosemarie Schmitt

Platz 9 für Midori Seiler und Concerto Köln! Und das als Einstieg in die Klassik-Charts! Das ist fantastisch und genau das, was ich erwartete hatte, nachdem ich deren CD «La Venezia di Anna Maria» gehört hatte. Und die Fahrt hat erst begonnen.


Die Klassikfreunde werden meine Ausdrucksweise nun möglicherweise kritisieren, aber ich finde dieses Projekt einfach abgefahren! Alle «Eigentlich-höre-ich-ja-keine-Klassik-Sager» sollten sich diese Aufnahme anhören! Es ist nicht nur eine Aufnahme. Es ist ein Projekt. Ein Projekt, in dem sehr viel Arbeit, Liebe, Können, Wissen und noch vieles mehr steckt!

Ich werde Ihnen jetzt nicht erzählen, dass Anna Maria dal Violin (*1696 †1782) ihr ganzes Leben im Ospedale della Pietà verbrachte. In dem Waisenhaus für Mädchen im Herzen Venedigs, das mehr tat, als elternlosen Mädchen Obdach und Schutz zu geben. Als Schuleinrichtung, musikalisches Konservatorium und Touristenmagnet stellte es einen Wirtschaftsfaktor dar, in dem Anna Maria schnell zum Star wurde. Obwohl man es von einem Waisenhaus nicht erwartet, bildete es die Grundlage und perfekte Voraussetzung für eine Karriere, wie sie für eine Waise und Frau im Italien des 18. Jahrhunderts schwer vorstellbar war. Als Maestro di Concerto des Ospedale nahm Antonio Vivaldi Anna Maria unter seine Fittiche. Er, zuerst ihr Mentor und Lehrer, schrieb später fast 30 Concerti per Anna Maria. Sie wiederum spielte herausragend. Das alles werde ich Ihnen nicht erzählen, da Sie dies in zahlreichen anderen Rezensionen lesen werden.

Die Barockspezialistin Midori Seiler und ihr kongenialer Partner Concerto Köln schildern virtuos die künstlerische Zusammenarbeit Anna Marias und Vivaldis. In einem «Spielbuch für die Probenpraxis» hielt Anna Maria eine Vielzahl der Konzerte fest, die sie in der Chiesa dell’Ospedale musizierte. So tragen diese glücklicherweise überlieferten 160 Notenblätter ihre Handschrift im zweifachen Sinn: Wir sehen nicht nur den von ihr geschriebenen Notentext, sondern auch Ornamente von ihrer Hand. Diese geben einen Einblick in die Spielweise und eröffnen ein musikalisches Tor vom Hier und Jetzt in das Venedig von vor knapp 300 Jahren.

Dieses Spielbuch steht übrigens zum freien Download zur Verfügung (IMSLP / International Music Score Library Projekt)! Dies zur Info für jene, die sich gerne noch intensiver mit dem Projekt beschäftigen möchten. Denn genau das hat Midori Seiler getan! Es ist eine der herausragenden Besonderheiten dieser CD, dass Seiler und das Concerto Köln sich genau an diesem Spielbuch orientierten. Meines Wissens ist das die erste Interpretin die das tut. Und es tut dieser Musik so gut! Ich kann dieses Album unmöglich nur in die Kategorie «alte» Musik stecken. Es gibt zig Arten alte Musik zu interpretieren. Seilers Interpretation hebt sich von allen Aufnahmen die ich von Vivaldis Musik hörte deutlich ab. Und es sind derer viel, denn der «Rote Priester» ist und war außergewöhnlich populär!

«La Venezia di Anna Maria». Ein Album über fruchtbares Miteinander: Antonio Vivaldi und Anna Maria – Midori Seiler und Concerto Köln – Midori Seiler und Anna Maria. Als ebenso virtuose Violinistin ist Midori Seiler prädestiniert dafür, sich mit ihrer barocken Vorgängerin auseinanderzusetzen.
Als Mitglied der Akademie für Alte Musik Berlin erlebte Seiler den internationalen Durchbruch des Ensembles, ab 2005 bis 2014 auch am Konzertmeisterpult. Nach einer Professur an der Universität Mozarteum Salzburg kehrte sie 2017 als Professorin an die Hochschule für Musik Franz Liszt nach Weimar zurück. Die Preisträgerin des Sächsischen Mozartpreises verbindet eine lange Partnerschaft mit Concerto Köln. Seit mehr als 30 Jahren zählt das Orchester zu den führenden Ensembles im Bereich der historischen Aufführungspraxis und gehört als EU-Kulturbotschafter 2012 zu den musikalischen Aushängeschildern Nordrhein-Westfalens.

Vier der Concerti per Anna Maria wurden von Midori Seiler und dem Concerto Köln für dieses Album ausgesucht, zusammen mit je einem Konzert der Vivaldi-Zeitgenossen Baldassare Galuppi und Tomaso Albinoni. Die herausragenden Interpreten Midori Seiler und Concerto Köln bieten mit «La Venezia di Anna Maria» einen einzigartigen Einblick in die florierende Kunstmetropole Venedig auf dem Zenit ihres Musikbetriebs.

Midori Seiler, bayerisch-japanische Tochter zweier Pianisten, wuchs in Salzburg auf. Ihre musikalische Ausbildung führte sie weiter nach Basel, London und Berlin. Als Mitglied der Akademie für Alte Musik Berlin erlebte Midori den internationalen Durchbruch des Ensembles, ab 2005 bis 2014 auch am Konzertmeisterpult. Seit 2016 ist sie die künstlerische Leiterin des BachCollektivs der Köthener Bachfesttage. Midori Seiler zählt zu den wenigen Spezialisten der historischen Aufführungspraxis, die sich in verschiedenen Epochen heimisch fühlen:

Barocke Violinkonzerte – wie als Solistin diverser Barockensembles (Tafelmusik Orchestra Toronto, Budapest Festival Orchestra) – gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie die klassischen/romantischen Violinkonzerte von Mendelssohn und Beethoven in Zusammenarbeit mit Originalklangkörpern wie Anima Eterna, Akademie für Alte Musik und nicht zuletzt Concerto Köln. In den Jahren 2013-2016 leitete sie zusammen mit Jaap ter Linden die Hofmusikakademie der Schwetzinger SWR Festspiele. Meisterkurse führten sie u. A. nach Zürich und Köln. Als Dozentin war sie in Brügge, Antwerpen, Weimar, Stuttgart, Innsbruck und Verona tätig. Nach einer Professur an der Universität Mozarteum Salzburg kehrte sie 2017 als Professorin an die Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar zurück. 2015 erhielt Midori Seiler den Sächsischen Mozartpreis, mit welchem «ihr verantwortungsvoll wahrgenommenes künstlerisches und pädagogisches Wirken um das Werk Wolfgang Amadé Mozarts» gewürdigt wurde.

Schon lange hat mich keine Musik derart berührt, fasziniert und beeindruckt wie «La Venezia di Anna Maria».

Erscheinungstermin: 27. April 2018

Label: Berlin Classics

Copyright: ℗© Berlin Classics/Edel Germany GmbH

Gesamtlänge: 1:22:25

Also liebe Musikliebende: einsteigen und abfahren!

Herzlich,

Ihre Rosemarie Schmitt

  • Midori Seiler (Foto: MaikeHelbig)
  • Midori Seiler (Foto: Annemone Taake)

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