Im Jahr des Drachen - Year of the Dragon

05.07.2018 Walter Gasperi

Fünf Jahre nach seinem Mega-Flop «Heaven´s Gate» drehte Michael Cimino 1985 mit Mickey Rourke in der Hauptrolle diesen Thriller über einen rassistischen Polizisten, der verbissen einen jungen chinesischen Geschäftsmann jagt, der die Macht in der chinesischen Mafia New-Yorks übernimmt. Der etwas uneinheitliche, aber kraftvolle und in seinen Ambivalenzen packende Film ist bei Koch Media auf DVD und Blu-ray erschienen.


Mit dem Vietnam-Drama «The Deer Hunter» stieg Michael Cimino («Die Letzten beißen die Hunde - Thunderbolt and Lightfoot» 1978 zum Starregisseur auf, doch schon mit seinem nächsten Film, dem Spätwestern «Heaven´s Gate» (1980), der sich zum bis dahin größten Flop der Filmgeschichte entwickelte, erlebte seine Karriere einen schweren Knick, von dem sich der 1939 geborene Amerikaner nie mehr erholte.

Geplante Filmprojekte wurden gestrichen und erst fünf Jahre später konnte er den italienischen Produzenten Dino De Laurentiis für die Verfilmung von Robert Daleys Kriminalroman «Im Jahr des Drachen» gewinnen. Das Drehbuch schrieb Cimino zusammen mit Oliver Stone, der in den folgenden Jahren mit eigenen Regiearbeiten wie «Platoon», «Wall Street» oder «Nixon» selbst in die erste Liga der US-Regisseure aufsteigen sollte.

Mitten hinein in einen Umzug in der New Yorker Chinatown wirft Cimino den Zuschauer, erzeugt hier schon mit detailreicher Ausstattung dichte Atmosphäre. Parallel zum ausgelassenen Treiben auf den Straßen werden in einem Restaurant ein alter Chinese und in einem Süßwarenladen dessen Inhaber ermordet. Drahtzieher der Morde ist der junge chinesische Geschäftsmann Joey Tai (John Lone), der die Macht im Viertel an sich reißen will.

Seine Meisterschaft beweist Cimino auch in der anschließenden Schilderung des Begräbnisses des alten Chinesen, wenn er diese Szene als Hintergrund nützt, um den kompromisslosen und einzelgängerischen rassistischen Polizisten Stanley White (Mickey Rourke) und die junge Fernsehreporterin Tracy Tzu (Ariane Koizumi) vorzustellen.

Kraft und Drive entwickelt «Im Jahr des Drachen» in dieser Szene durch die Verschränkung der verschiedenen Ebenen sowie in der Folge durch seinen zupackenden Stil. Hautnah ist man am Geschehen dran, ja mittendrin, wenn die Kamera dynamisch White durch die Gänge des Reviers folgt.

An Regeln hält sich dieser Polizist nicht, verfolgt verbissen sein Ziel und macht kein Hehl aus seinem Rassismus. Machistisch tritt er gegenüber Tracy auf, macht sich nichts draus, dass sie ihm seinen Rassismus vorwirft, kennt keine Rücksicht und gefährdet ohne mit der Wimper zu zucken das Leben anderer, um seine Ziele zu erreichen.

Rassismus hat man dem Film vorgeworfen, doch unterscheiden muss man hier zwischen der Figur und der Haltung des Regisseurs. Alles andere als sympathisch zeichnet Cimino nämlich seinen Cop, andererseits übernimmt man aber doch zumindest teilweise seinen Blick auf die chinesische Mafia. Auch hier finden sich aber Ambivalenzen, wenn ein chinesischer Restaurantbesitzer nach einem Mord gegenüber White sein tiefes Mitgefühl ausdrückt.

So ist dieser Thriller über das schillernde Psychogramm des besessenen Cops hinaus letztlich wie schon «The Deer Hunter» und «Heaven´s Gate» auch ein Film über die Zerrissenheit des multikulturellen Schmelztiegels USA. Denn an die Diskriminierung der Chinesen, die im 19. Jahrhundert als Eisenbahnarbeiter geschätzt waren, die dann aber wieder abgeschoben wurden, erinnert Cimino ebenso wie an das Trauma des Vietnamkriegs, in dem sich Whites Rassismus wohl voll ausprägte.

Dieser Sohn polnischer Immigranten, dessen Namensänderung von Wizynski in White schon Bände spricht, hat in seinem Streben nach Integration und Anpassung seine Identität völlig abgetötet. Weil er nicht als «dreckiger Polack» beschimpft werden will - White formuliert diese Angst selbst -, gebärdet er sich als amerikanischer Hardliner, der mit den Absprachen zwischen Polizei und chinesischer Mafia aufräumen und hart durchgreifen will.

Den in Vietnam verlorenen Krieg will er nun gewissermaßen in der Chinatown New Yorks fortführen und gewinnen. Wenn ihn die Vorgesetzten stoppen wollen, kritisiert er, dass wieder das gleiche wie in Vietnam passiere und die Politik die Kämpfer im Stich lasse. Das erinnert an Sylvester Stallones «Rambo 2», doch die Haltung des Regisseurs ist eine ganz andere. Während bei «Rambo 2» dem Zuschauer diese Position als Wahrheit verkauft wird, zeichnet Cimino dies als Meinung seines verbohrten, ja schon kranken Cops.

Zwei Seiten einer Medaille sind im Grunde der chinesische Geschäftsmann Tai, der Vereinbarungen innerhalb der chinesischen Familien und mit den italienischen Banden aufkündigt, und White. Beide kennen keine Skrupel und gehen rücksichtslos ihren Weg.

Uneinheitlich und übervoll mag dieser Thriller sein, wenn einerseits die Ehekrise Whites angerissen wird und andererseits auch eine Liebesgeschichte mit der Reporterin nicht fehlen darf. Auch ein kurzer Abschnitt, in dem Tai in Burma Verhandlungen über die Drogenlieferungen führt, stört den Handlungsfluss mehr als ihn voranzutreiben.

Doch klein wiegen solche Einwände angesichts der kraftvollen und in detailreich ausgestatteten Settings verankerten Inszenierung, angesichts des dynamischen Mix aus ruhigen Momenten und mitreißenden Actionszenen, vor allem aber angesichts des zwar unsympathischen, aber in seiner Ambivalenz faszinierenden und von Mickey Rourke mit höchstem Einsatz gespielten rassistischen Antihelden Stanley White.

An Sprachversionen bieten die bei Koch Media erschienene DVD und Blu-ray die englische Originalfassung und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras umfassen neben dem deutschen und englischen Trailer sowie einer Bildergalerie einen zwar nur englischen, aber gut verständlichen Audiokommentar von Michael Cimino.

Trailer zu «Im Jahr des Drachen - Year of the Dragon»

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