Wonderstruck

22.05.2018 Walter Gasperi

Todd Haynes verknüpft in seiner Verfilmung von Brian Selznicks Kinderbuch in souveräner Parallelmontage zwei 1927 und 1977 spielende Erzählstränge, die selbstverständlich gegen Ende zusammengeführt werden. Mehr als die im Grunde einfach gestrickte und vor allem am Ende sentimentale Geschichte begeistert die Meisterschaft, mit der Haynes und sein Team die unterschiedlichen Zeiten zum Leben erwecken und wie der Amerikaner im Subtext eine Hommage an die menschliche Kultur und eine Reflexion über die Vergänglichkeit einfließen lässt.


Die Handlung von «Wonderstruck», zu dem Brian Selznick, der Autor des 2011 erschienenen gleichnamigen Kinderbuchs, auch selbst das Drebhuch schrieb, ist im Grunde sehr einfach: Während 1927 die etwa zehnjährige taubstumme Rose vor ihrem autoritären Vater aus dem großen Landhaus in Hoboken/New Jersey mit der Fähre nach New York flieht, um ihre Mutter zu suchen, haut 1977 der zwölfjährige Ben, der nach einem Blitzschlag ebenfalls taub ist, in Gunflint, Minnesota aus dem Krankenhaus ab, um in New York seinen ihm unbekannten Vater zu suchen, über den ihm seine verstorbene Mutter nie etwas erzählt hat. Vorhersehbar ist, dass diese beiden Erzählstränge, die in brillanter Montage zunehmend fester zusammengezurrt werden, früher oder später vollends zusammengeführt werden, und absehbar ist auch das rührselige Ende.

Spannender als die Story ist folglich einerseits, wie Todd Haynes diese erzählt, andererseits, welche Themen er darin verpackt. So meisterhaft der Amerikaner mit seinem Team in seinen Melodramen «Far from Heaven» und «Carol» die Atmosphäre der 1950er Jahre evozierte, so virtuos lässt er nun den Zuschauer in die späten 1920er und 1970er Jahre eintauchen.

Er erinnert nicht nur mit einem Ausschnitt aus dem fiktiven Stummfilmmelodram «Daughter of the Storm», das Rose im Kino sieht, an diese Epoche des Kinos, speziell an die Melodramen von David W. Griffith, sondern inszeniert die 1927 spielende Handlung auch noch nicht nur in Schwarzweiß, sondern gleich auch als Stummfilm. Indem er auf jeden Dialog verzichtet und ganz auf die Bilder sowie den fantastischen Soundtrack von Carter Burwell vertraut, lässt er den Zuschauer auch die Wahrnehmung der taubstummen Rose nachempfinden.

Gleichzeitig erweckt er im zweiten Erzählstrang mit Kleidung, für die wieder einmal die mit drei Oscars ausgezeichnete Kostümbildnerin Sandy Powell verantwortlich zeichnet, Autos, Frisuren, aber auch mit Farben, Licht, Filmbeschaffenheit und zahlreichen Details von einem Plakat zur TV-Serie «Starsky & Hutch» über Buchtitel wie «Roots» und Songs von David Bowies «Major Tom» bis Sweets «Fox on the Run» die 1970er Jahre zum Leben.

Selbstzweck bleibt dabei die liebevolle und mit ihrem Detailreichtum begeisternde Rekonstruktion vergangener Zeiten, die auch das Verdienst von Kameramann Ed Lachman ist, aber nie, sondern führt vielmehr zum Kern des Films. Mag es an der Oberfläche auch um die Sehnsucht nach Geborgenheit und Familie sowie nach Freundschaft gehen, so verweist die Begeisterung Bens für die Astronomie ebenso wie ein Meteorit im Naturhistorischen Museum von New York, das sowohl Rose als auch Ben aufsuchen, auf den Kontrast zwischen der Unendlichkeit des Kosmos und der Endlichkeit des Menschen.

Schon in der Konzeption mit den beiden 50 Jahre getrennten Erzählsträngen ist diese Komponente der Vergänglichkeit und des Wandels dem Film eingeschrieben, gleichzeitig spielt Haynes aber auch durchgängig mit den Relationen. Denn so klein der Mensch im Kosmos sein mag, so verloren er – speziell ein Kind - auch in der Metropole New York sein mag, so groß ist er dann doch wieder, wenn die Protagonisten im Finale im Queens Museum über das fantastische Modell des Big Apple steigen.

In seinen ausgiebigen Szenen im Naturhistorischen Museum und dann im Queens Museum, aber auch in der Rolle, die hier Museumskuratoren spielen, oder einer Buchhandlung als wichtigem Schauplatz ist diese Wundertüte von einem Film so als Hommage an die Leistungen und die Bedeutung der menschlichen Kultur zu lesen. Gleichzeitig ist das speziell mit dem Modell des Big Apple auch eine große Liebeserklärung an New York, an dessen legendären Blackout 1977 ebenso erinnert wird wie an die Weltausstellung 1964.

Doch «Wonderstruck» spielt nicht nur in Museen, sondern ist in der Art, wie er vergangene Zeiten und deren Kultur zum Leben erweckt und in Erinnerung ruft in gewisser Weise auch selbst ein musealer Film. Nicht nur die Stummfilmzeit und beiläufig die Wende zum Tonfilm wird beschworen, sondern auffallend oft und deutlich werden in der 1970er Jahre Handlung auch Schallplatten auf- oder eine Kassette in einen Rekorder eingelegt. Unübersehbar oder vielmehr unüberhörbar ist auch die Reminiszenz und Hommage an Kubricks «2001», wenn sich zu dessen zentralem musikalischen Motiv «Also sprach Zarathustra» die Aufklärung des Zusammenhangs der 50 Jahre voneinander getrennten Ereignisse anbahnt.

Hinreißend wird dabei in Puppenanimation mit Blick auf das New York-Modell Ben seine Familiengeschichte gerafft vermittelt, und auch der Grund für seinen Alptraum von Wölfen, mit dem der Film einsetzte, wird hier schließlich verständlich.

Läuft derzeit in den Schweizer Kinos (derzeit kein Starttermin für Österreich und Deutschland eruierbar)

Trailer zu «Wonderstruck»

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