Wenn Kickl Eier hätte

14.05.2018 Kurt Bracharz

Köhlmeiers Rede hat mir gut gefallen. Von seiner erzählerischen Prosa kann ich das nicht sagen (wobei ich zugeben muss, seit langem keines seiner Bücher mehr gelesen zu haben), aber vor diesem Publikum war sein immer um Verständlichkeit bemühter Behauptungsstil genau richtig: Es haben ihn wohl alle verstanden – von einem Detail abgesehen.


Ich meine das Ende des Satzgefüges «Sie haben die Geschichten gehört, die von den Schülern gesammelt wurden, und haben sich vielleicht gedacht, ach, hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können, und Sie wissen doch, dass es auch damals solche gegeben hat, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben.» Von nicht aus Vorarlberg kommenden Zuhörern war es zuviel verlangt, da sogleich an die Schweiz zu denken, und auch der Gedanke an die USA lag ihnen wohl zu fern. Dass dieses Missverständnis dann allerdings tagelang von Journalisten weitergetragen wurde, die den Text nachlesen und von Köhlmeiers späteren Äußerungen zu diesem Punkt wissen konnten, zeigt das bescheidene Niveau der österreichischen Presse.

Der Chefredakteur der «Kleinen Zeitung» Hubert Patterer hat den Text gelesen und Köhlmeiers Rede als «tendenziös und eitel» und als die Stimme eines «gnadenlosen, moralischen Ichs» erkannt. Eitel ist Köhlmeier zumindest von seinem Habitus her gewiss nicht, und ohne sein freilich stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein könnte er nicht so unbeschwert produzieren, wie er es erfolgreich tut. Beim «gnadenlosen, moralischen Ich» hat Patterer vielleicht ein gnadenlos moralisierendes Ich gemeint, gegen ein moralisches Ich ist nichts einzuwenden.

Im «Standard» wollte Ronald Pohl mit seinem mit «Köhlmeier hilft Strache: Der Dichter als Prinzen-Erzieher» betitelten Artikel vermutlich ironisch oder gar satirisch sein. Ich nehme an, dass Köhlmeier sich selbst als Schriftsteller oder Autor bezeichnet, aber der «Dichter» spukte auch in diversen Posts herum. Aus welcher Art Frosch der Prinz Strache herausgeküsst werden müsste, sei dahingestellt. Mehr gewundert hat mich, dass Köhlmeier im «Falter»-Interview zu Kickls Formulierung von der «konzentrierten Unterbringung» sagte: «Wenn Kickl Eier hätte, würde er einfach sagen: »Es ist mir passiert. Ich weiß, dass man so etwas nicht sagen kann, und es tut mir leid.’«Es wäre ihm kein Zacken aus der Krone gebrochen.»

Da man annehmen kann, dass der Innenminister über Hoden verfügt, handelt es sich bei der Wendung «wenn er Eier hätte» um Jugendsprache (in den Posts ist auch die noch blödere Formulierung «einen Arsch in der Hose haben» beliebt). Auch wenn Köhlmeier kein Dichter ist, geht er hier sprachlich unter sein Niveau. Ebenso, wenn er in dem Gespräch mit Armin Wolf die Formel von den «rechten Recken» verwendet, die nur der Alliteration geschuldet ist. Zwar reckt’s mich, wenn ich an diese Personengruppen denke, aber Recken sind die Völkischen in keiner Bedeutung des Wortes. Vor allem nicht in der ältesten, als es gemäß Etymologie-Duden «Verfolgter, Verbannter, Fremdling, Flüchtling» bedeutete. Das ist die Ironie der Sprachgeschichte.


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