Network

21.06.2018 Walter Gasperi

Fast 40 Jahre alt ist Sidney Lumets bitterböse Abrechnung mit einer Medienbranche, die nur an Einschaltquoten interessiert ist, doch nichts hat der mit vier Oscars ausgezeichnete Film an Aktualität verloren. Bei Studiocanal ist die trocken inszenierte und intensiv gespielte Satire auf DVD und Blu-ray erschienen.


Ein Erzähler informiert aus dem Off über die Geschichte des Nachrichtensprechers Howard Beale (Peter Finch), der in den 1960er Jahren ein Star der Branche gewesen sei, dessen Einschaltquoten in den 1970er Jahren aber sanken. Mit Jahreszahlen wird der Eindruck einer historisch belegten Geschichte erzeugt, doch handelt es sich hier für einmal um keine «wahre Geschichte», sondern Howard Beale ist ebenso Fiktion wie der Sender UBS (Union Broadcasting System), um den es in «Network» geht.

Schon vorweggenommen wird vom Erzähler, dass Beale (Peter Finch), nachdem ihm seine Kündigung mitgeteilt wurde, vor laufender Kamera live im Fernsehen in seiner Nachrichtensendung seinen Selbstmord für einen der kommenden Auftritte ankündigte. Der Sender will dies freilich verhindern. Als Beale seinen Freund und Chef des Nachrichtenressorts Max Schumacher (William Holden) bittet, ihn noch einmal vor die Kamera zu lassen, um sich für seinen Auftritt zu entschuldigen, gibt Schumacher nach, doch Beale nützt die Gelegenheit um seiner Wut auf den Sender und die Welt freien Lauf zu lassen.

Sind die Verantwortlichen zunächst geschockt, so ändert sich ihre Einstellung, als sie erkennen, wie diese «Wutsendung», in der die Wut des Volkes über die gesellschaftlichen Missstände artikuliert wird, die Einschaltquoten hochschnellen lässt. Vor allem die neue Programmchefin Diana Christensen (Faye Dunaway), die den altgedienten Max von seinem Posten verdrängt, erkennt das Potential der Show, instrumentalisiert nicht nur Beale, sondern versucht die Quoten auch mit Auftritten einer Gruppe von Terroristen und einer Anführerin der Kommunisten in die Höhe zu treiben.

Wirklich lachen kann man bei dieser Satire nicht, denn Sidney Lumets («Die zwölf Geschworenen», «Mord im Orient-Express», «Dog Day Afternoon») Inszenierung ist gewohnt trocken und knapp. Er bietet kein Spektakel, sondern vertraut auf das Oscar gekrönte Drehbuch Paddy Chayefskys, der wie Lumet selbst vom Fernsehen kommt, sowie seine Schauspieler. Intensiv verkörpert nicht nur Peter Finch den zunehmend psychisch kranken Nachrichtensprecher, den aber niemand außer Max in die Therapie schicken will, solange die Quoten stimmen, sondern auch William Holden, Faye Dunaway und Robert Duvall vermögen mit ihrem Spiel mitzureißen.

Genau ist aber auch der Blick auf den Alltag und die Hintergründe beim Sender. Relaistisch schildert Lumet die Vorbereitungen der Sendungen und die Sendung an sich, deckt aber auch die intriganten Spiele der Macher und die wirtschaftlichen Veränderungen auf, wenn Aktionäre Profite fordern und neue Eigentümer, zu denen schließlich auch eine arabische Investorengruppe gehört, Quote vor Qualität stellen.

Personifiziert wird der mediale Wandel im erfahrenen Max Schumacher, der echte Nachrichten machen will, Qualität und Information ins Zentrum stellt, auf der einen Seite und der jüngeren Diana Christensen, für die nur die Einschaltzahlen zählen und die deshalb aus der Nachrichtensendung eine Show macht, auf der anderen Seite. Während Max stets bewusst bleibt, dass es bei den Nachrichten um die Schicksale realer Menschen und die reale Lage der Welt geht, sieht sie nur die Schlagzeilen und das mediale Spektakel, das man daraus machen kann.

So ist «Network», der auch von der Korrumpierbarkeit des Menschen erzählt, auch ein bitterer Film über den Entmenschlichung des in einer Medienwelt aufgewachsenen Menschen und in der Warnung vor den Folgen eines Verschwimmens der Grenzen von Realität und Show in einer Zeit der Omnipräsenz des Bildes, von Talk-Shows und medialer Inszenierung natürlich aktueller als je zuvor.

An Sprachversionen verfügt die bei Studiocanal erschienenen DVD und Blu-ray über die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie über die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben einem Making of und dem Originaltrailer vor allem einen sehr informativen, deutsch untertitelten Audiokommentar von Regisseur Sidney Lumet.

Trailer zu «Network»

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