Isle of Dogs - Ataris Reise

15.05.2018 Walter Gasperi

Ein japanischer Politiker schürt Angst gegen Hunde, verbannt sie auf eine Insel und plant deren Ausrottung. – Der aktuelle politische Gehalt von Wes Andersons zweitem Stop-Motion-Animationsfilm ist nicht zu übersehen, doch jenseits des Plädoyers für Toleranz und Solidarität begeistert der Texaner auch wiederum mit überbordendem Einfallsreichtum, bezaubernder Liebe zum Detail und souveräner Erzählweise.


So leicht sieht das alles bei Wes Anderson aus, doch immer sollte man sich vor Augen halten, welcher Aufwand hinter einem Stop-Motion-Animationsfilm steckt: Einzeln wird hier jedes unbewegte Motiv zunächst aufgenommen, erst dann werden diese Bilder aneinandergereiht. Ob es reale Schauspieler und Settings sind wie in «The Royal Tenenbaums» oder «Grand Budapest Hotel» oder animierte wie schon in seinem ebenfalls mit Stop-Motion-Technik gedrehten «The Fantastic Mr. Fox» macht für den Texaner dabei keinen Unterschied: immer gestaltet er die Settings und Figuren mit gleicher Liebe zum Detail und überbordendem Einfallsreichtum überbordende.

In «Isle of Dogs» wird zunächst einmal in einem Prolog kurz von einem mythischen Kampf zwischen Mensch und Hund erzählt, bei dem erst das Auftreten eines kleinen Samurais die Ausrottung der Vierbeiner verhinderte. Gespiegelt wird dieser Prolog in der in naher Zukunft spielenden Haupthandlung, in der wieder die Ausrottung der Hunde droht, dieses Mal ausgelöst durch den korrupten Bürgermeister der japanischen Großstadt Megasaki.

Um seine Pläne zu verwirklichen, schürt er zunächst die Angst vor den Hunden, lässt sie dann auf die Müllinsel Trash-Island deportieren und einen politischen Gegner, der ein Serum gegen grassierende Hundekrankheiten entwickelt, ermorden. Einen Strich durch die Rechnung macht ihm aber sein zwölfjähriger Ziehsohn Atari, der seinen Hund Spot von der Insel zurückholen will und mit einem kleinen Propellerflugzeug dorthin aufbricht.

Unterstützung findet er auf der Insel von vier früher von den Menschen geschätzten Hunden ebenso wie von einem Streuner, der den Jungen zunächst ablehnt, sich dann aber doch zunehmend für ihn einsetzt. Gleichzeitig kritisiert aber auch in der Stadt eine amerikanische Austauschschülerin immer massiver den Bürgermeister, mobilisiert die Menschen – speziell die Jugend - zum Protest.

Ebenso überzeugend wie leichthändig verpackt Anderson die Kritik an rechtspopulistischen Politikern und einen Kommentar zur Flüchtlingskrise und zur Ausgrenzung von Fremden in seinen Tierfilm. Als Zeichen, dass die Tiere über mehr Menschlichkeit als die Menschen verfügen, lässt er einzig die Hunde in Englisch/Deutsch reden, während die Menschen auf Japanisch sprechen und ihre Aussagen nur teilweise von Dolmetschern übersetzt werden.

Doch nicht nur die politischen Verhältnisse verarbeitet Anderson hier, sondern er erinnert auch an die Katastrophe von Fukushima, wenn er Atari und seine vierbeinigen Helfer durch eine postapokalyptische Landschaft mit zerstörten Atomreaktoren, verfallenden Industrieanlagen und verlassenem Freizeitpark reisen lässt. Als Mahnung vor der Zerstörung der Erde kann man «Isle of Dogs» in diesen Bildern lesen, doch fern ist Anderson jeder erhobene Zeigefinger, vielmehr erweist er sich wiederum als souveräner Erzähler, der leichthändig Witz und Spannung Ernst und Ironie mischt.

So unterschiedlich und liebevoll die verschiedenen Hunde ebenso wie Atari oder die Austauschschülerin charakterisiert sind, so meisterhaft entworfen sind die Settings von der ganz in Grau getauchten, von Müll übersäten Insel bis hin zu einem Forschungszentrum, einer Bar oder einer Halle, in der ein politischer Auftritt stattfindet.

Hinreißend ist auch die Gestaltung jeder einzelnen Szene, von den Kämpfen, bei denen die Hunde jeweils in Staubwolken getaucht werden, über die Annäherung eines der Anführer an eine vornehme Hündin bis zum Angriff der technisch hochgerüsteten Menschen mit Roboter-Hunden und Drohnen.

Doch die einzelnen Szenen würden verpuffen, verstünde Anderson nicht auch sie perfekt zu verknüpfen. Furios ist einfach, wie meisterhaft er immer wieder mit einem kurzen Insert Rückblenden einfügt, auch metasprachlich mit dem filmischen Erzählen spielt, wenn er per Insert auf das «Ende der Rückblende» hinweist, die Gedanken eines Hundes über seinem Kopf einblendet, Splitscreen und Inserts im Stil von Comics einsetzt oder mit Parallelmontage die verschiedenen Handlungssträngen verknüpft.

Überreich ist dieser Film an Einfällen und – wie gewohnt bei Anderson – auch an Zitaten, wenn die Bezeichnung «der kleine Pilot» natürlich auf Saint-Exupery und «Der kleine Prinz» anspielt oder die Begegnung mit der vornehmen Hundedame an «Susi und Strolch» – den Hundefilm par excellence. Und während der 49-jähriger Regisseur sich beim Prolog am japanischen Holzschnitt des 19. Jahrhunderts orientiert, nennt er die Filme Akira Kurosawas als wichtigste Inspirationsquelle für die stilistische Gestaltung der Haupthandlung.

Unverkennbar Anderson ist «Isle of Dog» aber auch in diesen symmetrisch komponierten zahlreichen Frontalaufnahmen, die einen Puppenkistenblick erzeugen, der sich durch seine Filme zieht. Hier soll der Zuschauer nicht durch schnelle Schnitte ins Geschehen gezogen werden, sondern blickt immer wieder aus der Distanz auf die Ereignisse.

Einerseits lässt der Film so dem Publikum Zeit sich in den Bildern umzusehen, denn hier gibt es viel zu entdecken gibt, dass man diese Wundertüte nicht nur mehrmals genießen kann, sondern sogar sollte. Andererseits bekommt man durch die Distanz auch Raum zum selbstständigen Denken und Reflektieren. Nicht durch Emotionalisierung manipuliert wird der Zuschauer so, sondern wird durch Einsicht – und somit wohl nachhaltiger - zu einem Bekenntnis zu Werten wie Toleranz, Solidarität und Mitgefühl geführt: Es ist diese bruchlose und spielerisch leichte Verknüpfung von zutiefst humanistischer Grundhaltung und großer Erzählkunst, die «Isle of Dogs» zu einem großen und zeitlosen Film macht.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (deutsche Fassung)
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 27.6., 20 Uhr + Fr 29.6., 22 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Isle of Dogs - Ataris Reise»

weiterführende Links:

Isle of Dogs - Ataris Reise

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.