Kannibalismus aus Image-Gründen

07.05.2018 Kurt Bracharz

Im kalifornischen Staatsgefängnis Sacramento sitzt seit 2003 der Rapper Big Lurch, ein 1976 geborener Texaner, der mit bürgerlichem Namen Antron Singleton heißt. Lurch ist eine Figur aus der Serie «The Addams Family», der fast zwei Meter große Afroamerikaner Singleton hatte sich zuvor G-Spade genannt. Er hatte mit 7 Jahren Texte zu schreiben begonnen und trat mit 14 als Rapper auf.


Seine Discographie aus den 90er-Jahren ist recht lang, umfasst aber fast nur Kollaborationen mit anderen Rappern auf deren CDs. Im September 2000 wurde er von einem betrunkenen Autolenker angefahren und schwer verletzt. Im Spital bekam er starke Schmerzmittel und nach der Entlassung hatte er Probleme beim Gehen und litt unter anhaltenden Schmerzen, gegen die er in Selbstmedikation das damals verbreitete PCP (Angels Dust), ursprünglich ein Tiernarkosemittel, nahm.

Am 10. April 2002 ermordete Antron Singleton im PCP-Rausch seine 21 Jahre alte Mitbewohnerin Tynisha Ysais in ihrem gemeinsamen Apartment in Los Angeles. Der Körper der Frau war mit Stich- und Bisswunden übersät, der Brustkorb geöffnet und Teile der Lunge herausgerissen. Big Lurch wurde in derselben Nacht nackt und blutverschmiert in den Himmel starrend in der Mitte einer Straße in der Nähe der Wohnung von der Polizei aufgegriffen. In seinem Magen befanden sich Fleisch und Lungengewebe des Opfers. Beim Prozess plädierte Singleton auf unschuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit, aber der Staatsanwalt erklärte, in Kalifornien falle PCP nicht unter die Gründe einer Unzurechnungsfähigkeit, und der Richter schloss sich dieser Rechtsmeinung an. Das Urteil lautete auf lebenslänglich ohne Bewährungsmöglichkeit.

Die Mutter des Opfers, Carolyn Stinson, warf dem Plattenlabel mit dem ominösen Namen «Death Row Records» und dessen Boss Marion «Suge» Knight, der es zusammen mit Dr. Dre gegründet hatte, in einer Zivilklage vor, das Verbrechen sei geschehen, um Singleton besser als Gangsta-Rapper promoten zu können. Im originalen Wortlaut der Klage hieß es, die Firma hätte Singleton mit Drogen versorgt, «to encourage [him] to act out in an extreme violent manner so as to make him more marketable as a »gangsta rap« artist», und «Part of what makes a Gangsta Rap artist marketable is the fact that the artist is participant in violent activities». Verwiesen wurde auch darauf, dass Knights Firma die Aufnahmen des Rappers X-Raided aus dem Sacramento County Jail verwertet hatte, während dessen Mordanklage (er bekam später 31 Jahre) die Zeitungen füllte.

Ein Anwalt der Klägerin Stinson erklärte allerdings, man sei sich nicht sicher, ob diese Vorwürfe gegen Knight gerechtfertigt seien. Falls nicht, werde man die Klage gegen die Plattenfirma zurückziehen. Das ist vermutlich auch geschehen, denn im Internet ist keine Spur von dieser Auseinandersetzung zu finden, was allerdings auch nicht verwundert, wenn man nachliest, wie viele Tote es im Milieu dieser Rapper rund um Suge Knight damals gegeben hat. Kommerziell war das durchaus nützlich: Death Row hat weltweit über 50 Millionen Tonträger verkauft und damit einen Umsatz von über 750 Millionen Dollar gemacht. Die erste Veröffentlichung, «The Chronic» von Dr. Dre, verkaufte sich über vier Millionen mal, «Doggy Style» von Snoop Dog etwa 10 Millionen mal, «All Eyez on Me» von Tupac Shakur ebenso oft. Gangsta-Rap lohnt sich eben doch.

Außer für die mitteleuropäischen Nachahmer mit ihren in Deppen-Deutsch verfassten misogynen Knittelversen, aber die kriegen dafür wenigstens einen Musikpreis, der daraufhin allerdings seine eh schon bescheidene Reputation gänzlich verliert und abgeschafft wird. Gut so.


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