Laurin

14.06.2018 Walter Gasperi

Robert Sigls schaurig-schönes Horrormärchen, um ein Mädchen, das nach dem Tod der Mutter von Visionen heimgesucht wird und einem Kindermörder auf die Spur kommt, stellt einen Solitär im deutschen Kino der 1980er Jahre dar. Bei Bildstörung ist der visuell berauschende Film mit – wie bei diesem Label gewohnt – zahlreichen Extras auf DVD und Blu-ray erschienen.


Die Namen der Protagonisten wie Storm und Andersen wecken Assoziationen an Theodor Storm und Hans Christian Andersen. An der Nord- oder Ostseeküste zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt folglich auch Robert Sigls 1988 entstandener erster langer Spielfilm, doch gedreht wurde aus Kostengründen in Ungarn und mit ungarischen Schauspielern.

Statt rauer-kühler Küstenlandschaft zeigen die ersten Bilder so weite Wälder, eine Burg und eine Brücke über einen Fluss, verortet im Blick der neunjährigen Laurin (Dóra Szinetár), die mit dem Fernglas die Landschaft erkundet. Ihr Vater ist Seemann und immer wieder viele Monate weg, so wächst das Mädchen vor allem bei Mutter und Großmutter auf. Doch wenig später kommt die Mutter nachts bei einem mysteriösen Unfall ums Leben, als kurz zuvor ein Roma-Junge verzweifelt an Laurins Fenster geklopft hat, sie ihm aber nicht geöffnet hat.

Obwohl die Großmutter den Vater bittet den Beruf zu wechseln und ihn auch mit einer Nachbarin zu verkuppeln versucht, fährt dieser wieder zur See, während wenig später ein anderer Mann vom Militär, «das ihn zum stattlichen Mann gemacht hat», zurückkehrt. Dieser Van Rees, der von Erinnerungen an die traumatische autoritäre Erziehung verfolgt wird, wird wiederum von seinem Vater, dem Pastor, gegen seinen eigenen Willen in den Beruf des Lehrers gedrängt. Gleichzeitig erscheint Laurin zunehmend im Traum nicht nur ihre verstorbene Mutter, sondern auch der verschwundene Roma-Junge, und spürt immer massiver, dass der Lehrer ein Geheimnis mit sich herumträgt.

Wenig wird nur gesprochen in dem mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichneten Debüt, Sigl vertraut auf die Bilder, auf das Spiel mit Licht und Farben und seine Schauplätze. Neben dem beschaulichen Steinhaus auf dem Land gehört dazu natürlich auch ein Friedhof, ganz im Stil des klassischen Gothic Horror streift die Mutter mit schwarzem Kapuzenmantel durch den Film und Nebelschwaden tragen das ihre zur dichten Atmosphäre bei.

Gleichzeitig erzählt Sigl in diesem Mix aus Horrorfilm und Märchen, der in der Farb- und Lichtgestaltung an die Filme Dario Argentos, aber auch an Neil Jordans «The Company of Wolves» («Die Zeit der Wölfe», 1984) erinnert, aber auch vom frühzeitigen Coming-of-Age Laurins, die nach dem Tod der Mutter und aufgrund der Abwesenheit des Vaters auf sich gestellt ist. Vom unschuldigen und unwissenden Mädchen wandelt sie sich zur langsam Erkennenden, die auch in der Lage ist, sich zur Wehr zur setzen.

Wie Laurin quasi in die Rolle der verstorbenen Mutter schlüpft, ziehen sich zahlreiche weitere Doppel- und Wiedergänger durch den Film. So erscheint Van Rees als spiegelbildliche Figur zum Vater, während der verschwundene Roma-Junge in Laurins gemobbtem Schulfreund Stefan zurückzukehren scheint. Ebenso rätselhaft wie faszinierend macht das nie aufgeklärte Spiel mit diesen Motiven «Laurin».

Dank digitaler Restaurierung bietet Bildstörung diesen schaurig-schönen Film in bester Bildqualität und bestechenden Farben. An Sprachversionen verfügen die DVD und Blu-ray über die deutsche Fassung, zu der englische und französische Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die englische Fassung, zu der es deutsche Untertitel gibt.

Wie gewohnt bei diesem Label begeisternd sind die Extras. Neben einem sehr informativen Audiokommentar von Regisseur Robert Sigl finden sich auf einer zweiten DVD neben Sigls schwarzweißem Kurzfilm «Der Weihnachtsbaum» und einem langen Interview von Eckhart Schmidt mit Sigl zahlreiche weitere Materialien. So gibt es neben Featurettes über das Geschehen hinter den Dreharbeiten, zu entfallenen Szenen und zur Verleihung des Baryrischen Filmpreises auch Interviews mit den Darstellern Dóra Szinetár und Barnabás Tóth, dem Kameramann Nyika Jancso sowie den Filmkritikern Jonathan Rigby und Olaf Möller.

Dazu kommt ein gewohnt informatives und ausführliches Booklet mit Texten von Sigl und Marcus Stiglegger sowie einem Interview Stigleggers mit Sigl.

Trailer zu «Laurin»

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