A Beautiful Day - You Were Never Really Here

08.05.2018 Walter Gasperi

Joaquin Phoenix brilliert als schwer traumatisierter Ex-Soldat, der in amerikanischen Großstädten, Mädchen befreit, die in Bordelle verschleppt wurden. – Abseits von ausgetretenen Thriller-Pfaden zeichnet Lynne Ramsay in fragmentarischer Erzählweise und brillanter Bild- und Tonsprache furios das Porträt eines Verlorenen in einer Welt, in der Gewalt und moralische Verkommenheit regieren.


Kaum einen Überblick gewährt die Schottin Lynne Ramsay in der ersten Szene. Auf der Tonspur hört man ein Mädchen rückwärts zählen, in Detailaufnahmen sieht man, wie ein Hotelzimmer gereinigt oder Spuren wie eine Halskette oder das Foto einer jungen Asiatin beseitigt bzw. verbrannt werden. Dazwischen sieht man aber auch mehrfach einen Mann mit einem Plastiksack über dem Kopf.

Auch als der Mann durch einen Gang das Hotelzimmer verlässt, sieht man nur seine Beine und einen gefüllten Plastiksack in seiner Hand. Hinter dem Hotel lauert ihm schon jemand auf, doch den Angreifer schlägt er mit einem Kopfstoß nieder. – Unübersehbar kampferprobt ist er, schreckt mit seinem rücksichtslosen Körpereinsatz aber offensichtlich auch nicht davor zurück, sich selbst zu verletzen.

Erst als er in ein Taxi steigt und sich zum Flughafen von Cincinnati fahren lässt, bekommt man sein Gesicht zu sehen, seine grauen Haare und seinen ungepflegten grauen Bart. Wenn Joe (Joaquin Phoenix) sich in seiner Wohnung in New York ausziehen wird, macht sein an mehreren Stellen von Narben überzogener massiger Körper deutlich, dass er wohl schon Einiges mitgemacht hat.

Blitzartig einbrechende kurze Einstellungen bieten Einblick in seine traumatische Vergangenheit, in Unterdrückung oder sogar Gewalt durch den Vater in der Kindheit ebenso wie in alptraumhafte Erlebnisse als Soldat im Afghanistankrieg, aber auch an einen Fund von toten Asiaten in einem Lieferwagen. So kurz diese Szenen auch sind, so markant, schockierend und einprägsam sind sie doch durch ihre Unmittelbarkeit, machen deutlich, dass die psychische Verwundung dieser Figur noch stärker ist als die körperlichen Narben: Emotionslos wandert er durch sein Leben, auf ihn bezieht sich der Originaltitel «You Were Never Really Here».

Wie in ihrem letzten Film «We Need to Talk About Kevin», in dem sich eine Mutter an ihren Sohn erinnert, der in seiner Schule ein Massaker verübte, setzt Ramsay auch in dieser Adaption eines gerade mal 100seitigen Romans von Jonathan Ames auf fragmentarisches Erzählen. Statt Szenen breit auszuwalzen, schneidet sie nur kurz an, zeigt zwar wie Joe einen Hammer kauft, der seine einzige, aber sehr wirksame Waffe ist, zeigt aber nie die Gewalt, sondern nur deren Folgen von Blutlachen bis zu Leichen.

Auf den brutalen Rächer kann man den von Joaquim Phoenix mit großem Körpereinsatz gespielten Protagonisten aber nicht reduzieren, denn er erweist sich auch als liebender Sohn, der sich fürsorglich um seine senile Mutter kümmert, mit der er auch zusammen wohnt.

Erst als sein Auftraggeber ihm einen neuen Job anbietet, wird klar, worin Joes Tätigkeit besteht: Er soll die minderjährige Tochter eines Senators, die in ein Bordell verschleppt wurde, befreien und nach Hause bringen. Ebenso kühl und Kompromisslos wie präzise erledigt Joe den Auftrag, doch als er Nina ihrem Vater übergeben will, erkennt er, dass der moralische Sumpf höchste Kreise betrifft und aus dem Jäger wird ein Gejagter. Gleichzeitig führt der Weg damit schließlich von schummrigen Etablissements in ein vornehmes Landhaus.

Mehr als von der Geschichte lebt «A Beautiful Day» aber von seiner filmischen Inszenierung. Mit der verknappten, fragmentarischen Inszenierung, ungewöhnlichen Einstellungen, einem fulminanten Spiel mit Licht und Farben in den nächtlichen Stadtszenen und Spiegelungen in den verregneten Autoscheiben, aber auch einer genialen Tonspur, bei der die Musik von Radiohead-Gitarrist Johnny Greenwood immer wieder von Dialogen überlagert wird, erzeugt Ramsay nicht nur eine alptraumhafte Atmosphäre und vibrierende Spannung, sondern auch eine nachhaltig irritierende und verstörende Wirkung.

Nahe liegt der Vergleich mit Scorseses Klassiker „Taxi Driver“ doch Ramsay geht noch einen Schritt weiter, indem sie die Gewalt immer wieder mit sanften Popsongs wie «The Air That I Breathe» konterkariert. Um Realismus geht es hier kaum, auch wenn der Film on Location gedreht wurde. Vielmehr baut die Regisseurin, die seit ihrem gefeierten Debüt «Ratcatcher» (1999) in 19 Jahren nur vier Spielfilme realisieren konnte, auch eine surreale poetische Szene eines Seebegräbnisses mit gleichzeitigem Selbstmordversuch ein, und irritiert schließlich auch mit einer Vision, die wohl die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber der allgegenwärtigen Gewalt und die Verzweiflung deutlich machen soll.

Auch um Sozialkritik geht es nicht, denn die Amoralität der feinen Gesellschaft dient in erster Linie als Movens für die Handlung, der Fokus liegt klar auf dem Psychogramm dieses eigenbrötlerischen, soziopathischen Rächers und dem souveränen Spiel mit Mustern des Genrekinos.

Die Bemerkung, dass dies «a beautiful day» sei, steht zwar am Ende, doch dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Joe ein Verlorener ist, für den es keine Zukunft geben kann, und auch für die gerettete Nina dürften die Nachwirkungen ihrer Erfahrungen verheerend sein. – Ganz unbeschadet wird aber auch der Zuschauer diese filmisch virtuose und schonungslose Reise in die Abgründe der menschlichen Seele nicht überstehen: Alpträume könnten sich da durchaus einstellen.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems (Deutsche Fassung)
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Trailer zu «A Beautiful Day - You Were Never Really Here»

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