Zum Tag der Arbeit

30.04.2018 Kurt Bracharz

Wenn der lässige Whiskytrinker und alte Mafia-Kumpel Dean Martin hörte, dass andere Schauspieler ihre Tätigkeit als harte Arbeit schilderten, meinte er dazu: «Jeder, der das behauptet, hat noch nie den ganzen Tag an einem Blackjack-Tisch gestanden.»


Diese Pointe hat einen Wahrheitsgehalt. Gerade im Casino gibt es Tätigkeiten, die an stumpfsinniger Monotonie echter Fließbandarbeit gleichkommen. Ob man viele Stunden lang einen Hebel herunterdrückt, mittels dessen jeweils eine Flasche befüllt wird (zu Dean Martins Zeiten ein realistisches Szenario), oder ob man den Hebel eines einarmigen Banditen bedient (auch zu Dean Martins Zeit, heute genügt es, ein Feld anzutippen) macht nur insofern einen Unterschied, als die Leute freiwillig ins Casino gehen und den dortigen Stumpfsinn nicht als entfremdete Arbeit empfinden.

Tätigkeiten, bei denen man wenigstens manchmal die Zeit vergisst und sich höchstens wundert, wie schnell sie vergangen ist, sind nicht-entfremdete Arbeit. Diese ist auch identitätsstiftend, wenn man stolz auf ihr Ergebnis sein kann.

Am 1. Mai wird oder wurde diese Arbeit gefeiert, im «Lied der Arbeit» von J. J. Zapf und Josef Scheu hieß die erste Strophe: «Stimmt an das Lied der hohen Braut, / die schon dem Menschen angetraut, / eh’ er selbst Mensch ward noch. / Was sein ist auf dem Erdenrund, / entsprang aus diesem treuen Bund. / Die Arbeit hoch! Die Arbeit hoch!» Die Arbeit als hohe Braut des Menschen, das klingt einigermaßen biblisch, und noch mehr die vierte Strophe: «Die Pyramide Cheops’ zeugt, / welch drückend Joch sie einst gebeugt, / die Arbeit brach es doch! / Drum hofft: Des Kapitales Joch, / die freie Arbeit bricht es doch! / Die Arbeit hoch!»

Meine 1889 geborene Großmutter, zeitlebens überzeugte Sozialdemokratin, ergänzte in den 1960er-Jahren der Vollbeschäftigung den Refrain «Die Arbeit hoch!» gerne durch den Zusatz: «Möglichst so hoch, dass wir sie nicht mehr erwischen!»

Sie meinte das bei weitem nicht so ernst wie das Wienerlied «Wer das Hackln hat erfunden» von Daniela Perry (Text) und Hans Eidherr/Kurt Steiner (Musik): «Wer das Hackln hat erfunden, / der g’hört g’haut, ja der g’hört gschundn / Meiner Söl, i büd ma ein / der muaß narrisch gwesn sein. // I kann sitzn viele Stunden / weil i geh do net zugrund /hob die Arbeit net erfunden, / deshalb bin i pumperlgsund.»

Gegen die modische Unsitte, Psychisches als Arbeit zu bezeichnen (z. B. Trauerarbeit, Arbeit am Selbst, etc.) sei hier noch ein Zitat aus Adam Philips’ Buch: «Monogamie» angeführt:
«In unserem Liebesleben kommen wir mit Arbeit nicht weiter. Das ist entlastend und entsetzlich. An einer Beziehung zu arbeiten, ist genauso unmöglich, wie eine Erektion zu erzwingen oder einen bestimmten Traum herbeizuführen. Wenn man daran arbeitet, weiß man eigentlich, dass es schief gelaufen ist, dass bereits etwas fehlt. In unserem Liebesleben ist also jeder Versuch immer schon ein krampfhafter Versuch; wir müssen also wieder faul werden in punkto Anstrengung, denn alles Schöne kommt nur, wenn sie endet – Zuneigung, Neugier, Begehren und unbekümmerte Aufmerksamkeit. Die Monogamie zeigt uns, dass in Beziehungen immer schon etwas fehlt; dass Beziehungen Dinge sind, die schiefgehen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Monogamie kein bisschen von der Untreue.

Sexuelle Beziehungen sind nur etwas für Arbeitsscheue, weil jede Arbeit ohnehin vergebens ist. Sie spenden uns einfach mehr oder weniger Vergnügen, mehr oder weniger Hoffnung.»

Das hört man gern, wenn man kein Arbeitstier ist.


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