Crossing Europe 2018: Suche nach Identität

02.05.2018 Walter Gasperi

25.04.2018 bis 30.04.2018  

Mit dem Crossing Europe Award für den besten Spielfilm wurde beim Linzer Filmfestival die portugiesisch-brasilianische Produktion «António um dois três» ausgezeichnet, während ein Spezialpreis der Jury zu gleichen Teilen an den türkischen Film «Körfez - The Gulf“ und »Il Cratere« aus Italien vergeben wurde. Zum besten Dokumentarfilm wurde »A Woman Captured" gekürt, in dem Bernadett Tuza-Ritter eine Sklavin im heutigen Ungarn mit der Kamera begleitet und auch ihre Befreiung dokumentiert. Formal innovativ sind diese Preisträger zwar, insgesamt einen stärkeren Eindruck hinterließen aber mehrere konventionell, aber packend erzählte und sozial engagierte Spielfilme.


Dass Leonardo Mouramateus in «António um dois três», der von Dostojewskis Erzählung «Weiße Nächte» inspiriert ist, «sowohl die Charaktere als auch das Publikum von erzählerischen Konventionen befreit», wie die Jury ihre Entscheidung begründete, mag man durchaus zugestehen. Ob sich dadurch aber wirklich eine lustvolle Filmerfahrung einstellt, von der die Jury ebenfalls spricht, ist aber eine andere Frage.

Die Vermischung von Realität und Theaterszenen bereitet ja noch Vergnügen, aber wie Mouramateus den Zuschauer durch Auflösen jeglicher Chronologie und Variation und Wiederholung von Szenen in einen Irrgarten stürzt, in dem man jede Orientierung verliert, dürfte wohl nur wenige begeistern. Anstrengend machen aber auch die an Eric Rohmer erinnernden endlosen Dialoge diesen Film über den Studenten Antonio, der sich in Lissabon verliebt. - Gut möglich freilich auch, dass sich die Wahrnehmung des Films abseits eines dicht bepackten Festivalprogramms verändert.

Auch der preisgekrönte türkische Spielfilm «Körfez - The Gulf» verlangt mit seiner sehr langsamen Erzählweise einen geduldigen Zuschauer. In langen statischen Einstellungen erzählt Emre Yeksan von der Rückkehr des 30-jährigen Selim in seine Heimatstadt Izmir.

Bestechend korrespondiert die Form mit der Lethargie des Protagonisten, beschwört aber auch eindrücklich die bleierne Atmosphäre, in der die Stadt versinkt, nachdem sich mit einem Großbrand im Hafen bestialischer Gestank ausbreitet. Die konkrete Geschichte entwickelt sich dabei auch zunehmend zur symbolbeladenen Spiegelung der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation in der Türkei.

An «Il Cratere», in dem Silvia Luzi und Luca Bellino von einem Neapolitaner erzählen, der hofft mittels des sängerischen Talents seiner 13-jährigen Tochter aus den ärmlichen Verhältnissen zu entkommen, lobte die Jury schließlich, wie das Regie-Duo die Grenzen des Realismus auslotet.

Einen starken Eindruck hinterließ das Drama «Was werden die Leute sagen», das mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Die 42-jährige Iram Haq erzählt darin nach autobiographischen Erfahrungen von der in Norwegen aufgewachsenen 15-jährigen Nisha, die sich zuhause an die Regeln der traditionellen pakistanischen Eltern hält, während sie sie draußen heimlich das Leben eines ganz normalen westlichen Teenagers führt. Als dieses Doppelleben auffliegt, entführt sie der Vater auch aus Angst vor dem Gerede der Bekannten der Familie nach Pakistan, wo sie in seiner Familie aufwachsen soll.

Dicht und rasant erzählt Haq, versetzt den Zuschauer mit einer dynamisch und nah geführten Handkamera in die Perspektive der von Maria Mozhdah bewegend gespielten Protagonistin. Mit wenigen Strichen zeichnet die Regisseurin prägnant die Situation, um dann plastisch aufzuzeigen, welch andere Welt Nisha in Pakistan vorfindet.

Wie in Traditionen verhaftete familiäre Zwänge so auf jugendliches Verlangen nach einem eigenen Leben treffen, so stellt Haq der westlichen Gesellschaft die pakistanische gegenüber. Differenziert bleibt der Film dabei, betreibt keine Schwarzweißmalerei, sondern zeigt auch die Eltern als Opfer, die aufgrund ihrer Sozialisation in ihrem Denken gefangen sind. Trotz allem liebt deshalb Nisha auch ihre Familie, Selbstfindung und ein mögliches Glück kann es für sie aber nur durch einen Bruch und eine Flucht geben – auch wenn diese noch so schmerzhaft sind.

Im Gegensatz zu Nisha lebt der Iraner Esmail in Milad Alamis packendem Psychodrama «The Charmer» erst zwei Jahre in Dänemark. Der Versuch eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten, hat ihn in ein Doppelleben getrieben. Während er in einem tristen Asylantenheim wohnt und tagsüber als Möbelpacker arbeitet, kleidet er sich abends fein und versucht in einer vornehmen Bar Däninnen für eine Beziehung zu finden.

Wie Haq fokussiert auch Alami ganz auf seinem von Ardalan Esmaili stark gespielten Protagonisten, stellt in bestechender Bildsprache prägnant die unterschiedlichen Milieus einander gegenüber und entwickelt die Handlung knapp und stringent. Mit geschickt gesetzten Plotpoints weitet sich dabei der Blick und wird ein zunehmend komplexeres Bild der schwierigen Lage und der Zerrissenheit Esmails gezeichnet.

Alami stellt nämlich dem Asylanten nicht nur eine wohl seit der iranischen Revolution in Dänemark lebende wohlhabende iranische Familie gegenüber, sondern lässt auch Schuldgefühle über ihn hereinbrechen, als er vom Selbstmord einer seiner Geliebten erfährt. Das Glück, das er suchte, scheint es für ihn nicht zu geben – auch eine Rückkehr zu seiner Familie in den winterlich kalten ländlichen Iran ist hier kein Happy End.

Im Gegensatz zum perfekt durchkonstruierten «The Charmer» setzt der Deutsche Tom Lass bei seiner hinreißenden Tragikomödie «Blind & Hässlich» auf Improvisation. Mehr als ein grobes Konzept gab es für diese Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau, die vorgibt blind zu sein, und dem psychisch angeschlagenen und suizidgefährdeten Ferdi nicht, die Szenen und Dialoge wurden spontan entwickelt.

Durch diese Inszenierungsmethode, die sich an den amerikanischen Mumblecore-Filmen orientiert, gewinnt «Blind & Hässlich» eine Frische, eine Natürlichkeit und Offenheit, die man im deutschen Film selten findet. Nebensache ist die eigentliche Geschichte hier, dient vor allem als roter Faden, an dem wie an einer Perlenkette zahlreiche umwerfende Szenen von einem Autoverkauf über einen Besuch beim Augenarzt und Therapiesitzungen Ferdis bis zu einer Feier mit einem Hausmeister aufgereiht werden.

Wunderbar unbefangen geht Lass auch mit dem Thema Behinderung um, blickt aber mit solcher Wärme und Liebe auf seine angeschlagenen Protagonisten, dass man sie und diesen herrlich schrägen Film rasch ins Herz schließen muss.

Vom Umgang mit Außenseitern erzählt auch David Freyne in «The Cured», der in der Sektion «Nachtsicht» lief. Ein Horrorszenario um geheilte Zombies, die aber immer noch von traumatischen Erinnerungen an ihre blutigen Taten heimgesucht werden, nützt der Ire, um von Ausgrenzung und einer sich daraus entwickelnden Revolte zu erzählen.

Atmosphärisch dicht evoziert Freyne mit desolaten Settings und schmutzigen Farben eine postapokalyptische Welt und packt mit starken Effekten sowie kompromissloser Erzählweise. - Auch heuer war es gerade dieser Mix aus innovativem Kino, packenden gesellschaftlich relevanten Filmen und hartem europäischem Genrekino, der Crossing Europe zu einem Festival der spannenden Entdeckungen machte.

  • Was werden die Leute sagen (Iram Haq)
  • The Charmer (Milad Alami)
  • Blind und hässlich (Tom Lass)
  • The Cured (David Freyne)
  • CE 18 Preisverleihung; Foto: Andreas Wörister / subtext.at
  • António um dois três (Leonardo Mouramateus)
  • Körfez - The Gulf (Emre Yeksan)

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