Crossing Europe 2018: Jugendliche Sehnsüchte

29.04.2018 Walter Gasperi

25.04.2018 bis 30.04.2018  

Passend zum Teenager-Alter des Linzer Festivals, aber auch zur Fokussierung auf jungem und frischem europäischem Autorenkino stehen in vielen Filmen Jugendliche im Mittelpunkt. Während Jakob Kubizek in «Jedem Dorf sein Underground» einen dokumentarischen Blick auf die Jugend im oberösterreichischen Steyr der 1980er und 1990er Jahre wirft, zeichnen die Schwedin Rojda Sekersöz und die Niederländerin Nanouk Leopold in ihren Spielfilmen «Dröm vidare - Träum weiter» und «Cobain» starke Porträts zerrissener und suchender Teenager.


Kaum aus dem Gefängnis entlassen plant die junge Mirja in Rojda Sekersöz «Dröm vidare – Träum weiter» mit ihrer Mädchen-Gang schon wieder einen Überfall, um den Traum von einem Neustart in Montevideo verwirklichen zu können. Doch zuhause droht ihr die todkranke Mutter mit einem Rauswurf und auch die kleine Schwester Isa braucht in dieser schwierigen Situation eine Stütze.

So löst sich Mirja von ihren Freundinnen, findet mit forschem Auftreten auch einen Job in einem Hotel, doch einerseits lassen sich die Freundinnen nicht so leicht abservieren, andererseits kommt es auch bald wieder zu einem heftigen Konflikt mit der Mutter. Je schlechter es dieser geht, desto mehr erkennt Mirja aber auch, dass sie Verantwortung für ihre kleine Schwester übernehmen muss.

Ganz fokussiert auf die von Evin Ahman stark gespielte Protagonistin und nah an ihr dran zeichnet Sekersöz in ihrem ersten Spielfilm eindrücklich das Porträt einer zerrissenen jungen Frau, die einerseits ihr Leben genießen will, andererseits sich zunehmend ihrer Verantwortung bewusst wird. Auch die formale Gestaltung mit schnell geschnittenen, dynamischen Szenen mit den Freundinnen auf der einen Seite und ruhigeren nachdenklichen Momenten auf der anderen lassen den kraftvollen und durch die genaue, aber unaufdringliche Verankerung im Milieu überzeugenden Film nachwirken.

Noch etwas jünger ist der Protagonist von Nanouk Leopolds «Cobain». Aus Bewunderung für den Nirvana-Sänger Kurt Cobain hat Mia ihren inzwischen 15-jährigen Sohn einst so genannt. Nur ein Klotz am Bein scheint Cobain für sie aber immer gewesen zu sein, im Jugendheim verbrachte er die letzte Zeit, jetzt hat die Fürsorge für ihn Pflegeeltern gefunden.

Diese nehmen den Teenager zwar liebevoll auf, aber Cobain hält es bei ihnen nicht aus, sehnt sich nach der drogensüchtigen und wiederum schwangeren Mutter, die ihn aber immer wieder zurückstößt, nur zu ihm zu kommen scheint, wenn sie Geld braucht.

Unterschlupf findet Cobain so bei einem Zuhälter, für den wohl einst auch seine Mutter angeschafft hat, haut dann aber doch wieder ab, um sich um seine Mutter zu kümmern, die er auch mit drastischen Mitteln von ihrer Sucht befreien will.

Auch hier liegt der Fokus ganz auf dem vom Debütanten Bas Keizer großartig gespielten Cobain. In jeder Szene ist er präsent, hautnah folgt ihm die ständig bewegte Handkamera immer wieder im Rücken, vermittelt damit eindrücklich seine innere Unruhe, seine Zerrissenheit und seine Sehnsucht nach Geborgenheit und einem Platz im Leben.

Durch extrem geringe Schärfentiefe, die den Hintergrund meist verschwimmen lässt, wird der Blick ganz auf die Figuren gelenkt. Nicht zur tristen Sozialstudie wird dadurch «Cobain», in dem die Mutter-Sohn-Rollen umgedreht werden, sondern zum bewegenden Porträt dieses Jugendlichen und seiner Sehnsüchte, und verbreitet trotz der prekären Verhältnisse dank des unermüdlichen Kämpfens und Suchens seines Protagonisten Hoffnung.

Einen höchst unterhaltsamen Rückblick auf die Geschichte der Jugend im Steyr der 1980er und 1990er Jahre liefert Jakob Kubizek mit seinem Dokumentarfilm «Jedem Dorf sein Underground». In rasanter Mischung von aktuellen Interviews mit damals engagierten Jugendlichen und vielfach äußerst unscharfem Archivmaterial aus dieser Zeit, zeichnet Kubizek zunächst das Bild einer verschlafenen Kleinstadt, die für Jugendliche kaum etwas bot, um dann auf dieser Basis an die Eigeninitiative der Teenager zu erinnern.

Kubizek skizziert mit viel Schwung und Leidenschaft die Entwicklung der einzelnen Veranstaltungszentren, beschwört die Stimmung in diesen hoffnungslos überfüllten Kellern und die Solidarität der Jugendlichen, die sich auch von Niederschlägen nicht entmutigen ließen.

So entstand über das konkrete Beispiel Steyr hinaus das zeitlose und universelle Bild einer Jugend, die einen Freiraum sucht, sich engagiert, selbst etwas auf die Beine stellt und durch die Zusammenarbeit und die Solidarität ins Erwachsenenleben findet. Gleichzeitig durchzieht diesen auch durch die Musik mitreißenden Rückblick aber auch die leise Trauer, dass es so ein Engagement und eine so leidenschaftliche Jugend in Zeiten von Smartphone, Internet und sozialen Netzwerken kaum mehr gibt.

  • Dröm vidare - Träum weiter
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