Ratloses Schweigen

23.04.2018 Kurt Bracharz

In Israel feiert man 70 Jahre Judenstaat, in Mittel- und Osteuropa feiert der Antisemitismus fröhliche Urständ. In Berlin-Prenzlauer Berg wurden am Dienstag, dem 17. April, zwei Kippa tragende junge Männer von einem noch jüngeren Burschen attackiert, indem er mit einem Gürtel auf sie einschlug, nachdem er «Jahudi» (arabisch für «Jude») gerufen hatte.


Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) hat das Handy-Video, das einer der Angegriffenen gemacht hat, ins Netz gestellt: https://jfda.de/blog/2018/04/17/antisemitischer-angriff-in-berlin-prenzlauer-berg/. Der 19-jährige Angreifer, ein Syrer, stellte sich am Donnerstag im Beisein seiner Rechtsanwältin, nachdem seine Identität von der Polizei ermittelt worden war. «Die Presse» meldete am Freitag: «Medienberichten zufolge handelte es sich bei den Opfern nicht um Juden. Einer sei ein arabischer Israeli gewesen, der wissen wollte, wie gefährlich es sei, mit Kippa durch Berlin zu gehen.» Das weiß er ja jetzt, zumindest was den Prenzlauer Berg betrifft, ein Viertel, das allerdings in seiner muslimischen Antisemitendichte beispielsweise mit Neukölln nicht zu vergleichen ist.

Die andere deutsche Antisemitismus-Story der letzten Woche war die Verleihung des «Echo»-Musikgeschäftspreises an die Rapper Kollegah und Farid Bang, die mittlerweile dazu geführt hat, dass eine Reihe von Preisträgern ihre «Echos» zurückgaben, etwa Marius-Müller-Westernhagen alle sieben, die er bis jetzt erhalten hatte. Helene Fischer schickte keinen ihrer 17 Echos zurück, erklärte aber: «Nicht nur, dass man ihren gewaltverherrlichenden, antisemitischen, homophoben und frauenverachtenden Texten ein Podium geboten hat ... auch die Bedeutung des Echo ist somit komplett in den Hintergrund geraten.» Sie hoffe, «dass alle Verantwortlichen die Umsetzung des Echo überdenken».

Der «Stern» druckte den Facebook-Eintrag eines Lehrers ab, der von einem seiner Schüler auf den Skandal angesprochen worden war und daraufhin eine Schulstunde auf das Thema verwendete. Er schrieb «Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen» auf die Tafel und wartete ab, was geschehen würde. Ein Mädchen meldete sich schließlich mit der Frage, ob sie das abschreiben sollten. Er sagte, nein, das sollten sie nicht, und was ihnen dazu einfalle. Den SchülerInnen, deren Alter leider nirgends angegeben ist, fiel ein: «Das ist aus 0815», «Ja, Mann! Farid und Kollegah, die sind krass!» «Voll die Maschinen!», «Was soll das sein, ein definierter Körper?», «Was sind Auschwitzinsassen?» Danach, laut Lehrer, «ratloses Schweigen». Er klärte die Klasse natürlich auf, und alles war gut, jedenfalls für 8.000 Personen, denen das gefiel.

Merkel hat in einem Interview für den israelischen Fernsehsender Channel 10 News von einer «anderen Art von Antisemitismus» gesprochen, die durch Flüchtlinge oder «Menschen arabischen Ursprungs» nach Deutschland gekommen sei. Das sind für die deutsche Kanzlerin ungewöhnlich klare Worte, vor allem, dass sie auch anfügte, Antisemitismus habe es leider auch schon vor der Ankunft der vielen Flüchtlinge in Deutschland gegeben, kein jüdischer Kindergarten, keine Schule, keine Synagoge könnten ohne Polizeischutz sein.

Was sie nicht sagte, wahrscheinlich, weil niemand es weiß: Was der deutsche Antisemitismusbeauftragte Felix Klein gegen die Zunahme antisemitischer Vorfälle ausrichten kann. Laut Statistik der Berliner RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) waren es im vergangenen Jahr 18 Angriffe, 23 Bedrohungen, 42 Sachbeschädigungen, 679 Fälle verletzenden Verhaltens und 185 Fälle von Massenpropaganda. Das sind noch keine französischen Zustände, aber was noch nicht ist, kann durchaus noch werden.


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