Glücklich… ist, wer vergisst

21.04.2018 Bernhard Sandbichler

Aber nicht nur der österreichische Weg verheißt Glück. Japaner messen ihr Glück - 生き甲斐 [ikigai] - in Lebensjahren, Pirahã-Indianer im Amazonas lachen - und gelten als glücklichstes Volk der Welt, obwohl sie für «Glück» vermutlich kein Wort haben und früh sterben.


  • Achse 1+2+3: Diagnose+Prognose+Entwicklung
    Alle Menschen wollen glücklich sein - und das möglichst lange und schon immer. Wie das zu bewerkstelligen ist, darüber gingen und gehen die Meinungen auseinander.
     
  • Achse 4: Intelligenz
    Intelligenz Der britische Autor Andrew Jackson quittierte Ende des letzten Jahrtausends seinen Job und fuhr mit seiner Frau zwei Jahre lang um die Welt, um die ältesten Menschen zu besuchen. Die Lebensmaximen der Hundertjährigen sind, so erfährt man, verblüffend simpel. Das spanische Autorenduo Francesc Miralles und Héctor García konzentrieren sich auf das «Dorf der Hundertjährigen», Ogimi im Norden Okinawas, der japanischen Insel mit den statistisch gesehen meisten glücklichen Hundertjährigen weltweit. Wie ihre deutsche Kollegin Bettina Lemke, die in ihrem Buch Ikigai als japanisches Lebensprinzip praktisch vermittelt, bestätigen sie Jacksons Befund. Auf die Suche nach diesem Ikigai haben sich alle drei - Miralles, García und Lemke - gemacht, die einen nach außen, die andere nach innen. Ikigai schreibt sich 生き甲斐, wobei 生き [iki] «Leben» bedeutet und 甲斐 [gai] «sich lohnen». 甲 lässt sich wiederum zerlegen in 甲, das für «Rüstung», «Nummer eins» sowie «allen vorangehen (in einer Schlacht)» steht, und 斐 für «elegant». Dan Buettner, ein amerikanische Langes-gesundes-Leben-Guru, hat übrigens noch weitere, sogenannte Blue Zones of Happiness in petto (neben Okinawa die Siebenten-Tags-Adventisten-Community in Loma Linda, Kalifornien, die Nicoya Halbinsel auf Costa Rica, die griechische Insel Ikaria und die Barbagia-Region auf Sardinien), nebst Power 9®, neun Liefestyle-Tipps, und Rezepten für Lang-leben-Wollende.
     
  • Achse 5+7: Körper+Alltag
    «Stets aktiv bleiben», rät Frau Lemke, die es wissen muss, schließlich ist sie Verfasserin eines Kleinen Taschenoptimisten und Kleinen Glückberaters. «Sanfte körperliche Aktivität» fordern auch Miralles/García, widmen sich der «Ikigai-Diät» und spüren wie ihre Kollegin Stress- und Sorgenfallen und ihrer Bewältigung nach - Stichwort «Resilienz».
     
  • Achse 6+7: Psyche+Alltag
    Viktor Frankls Frage nach dem Sinn stoßen beide an, und schließlich auch das Leben in Gemeinschaft. Geselligkeit und Beistand in der Not scheint auch die lachenden Pirahã-Indianer glücklich zu machen. Wenn jemand stirbt, sind sie zwar sehr traurig, akzeptieren das aber. Daniel Everett, ehemals Missionar, verlor bei ihnen gar den Glauben an ewiges Leben: «Die Geschichten der Bibel entstanden vor 2 000 Jahren, um Menschen einer Schäferkultur die Welt zu erklären. Sie haben heute einfach keine Relevanz mehr für eine moderne, wissensbasierte Kultur. Es ist wunderbar zu denken, dass alle Probleme gelöst werden, wenn man sich niederkniet und betet, aber tatsächlich passiert das nicht. Psychologisch ist es zwar gut für uns, wenn wir beten, weil das eine Form der Meditation ist, aber es ist eine Illusion zu glauben, dass jemand hoch oben zuhört.» Er gewann die Einsicht, dass man auch anders glücklich werden kann.
     

Andrew Jackson: Das Buch des Lebens. Eine Reise zu den Ältesten der Welt. München: National Geographic im Goldmann Verlag 2002, 478 Seiten, 12 EUR

Daniel Everett: Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. München: Pantheon 2012, 416 Seiten, EUR 17,50

Bettina Lemke: Ikigai. Den Sinn des Lebens im Alltag finden. Das Praxisbuch. München: dtv premium 2017, 160 Seiten, EUR 15,40

Francesc Miralles, Héctor García: Ikigai. Gesund und glücklich hundert werden. Aus dem Spanischen übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle. Berlin: Allegria 2018, 224 Seiten, EUR 17,50

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