Der Seewolf - The Sea Wolf

24.05.2018 Walter Gasperi

Michael Curtiz´ 1941 entstandene Verfilmung von Jack Londons klassischem Abenteuerroman besticht nicht nur durch kompakte Inszenierung und atmosphärische Dichte, sondern auch durch die philosophische Auseinandersetzung mit der Spezies Mensch. Bei Hamburg Enterprises ist der immer noch packende Klassiker auf DVD erschienen.


Die zumindest im deutschsprachigen Raum berühmteste Verfilmung von Jack Londons 1904 erschienenem Abenteuerroman ist wohl der Fernseh-Vierteiler von Wolfgang Staudte, in dem Raimund Harmstorf 1971 den brutalen Kapitän Wolf Larsen spielte. Während Staudte die Handlung über sechs Stunden ausbreitete – es gibt aber auch eine 90minütige Kinofassung davon -, kommt Michael Curtiz mit gut 90 Minuten aus. Die bei Hamburg Enterprises erschienene DVD enthält sowohl die 84minütige deutsche Fassung als auch die rund zwölf Minuten längere englische Originalfassung.

Mit einer Kamerafahrt durch das nebelverhangene San Francisco des Jahres 1900 wirft Curtiz den Zuschauer gleich mitten in die Handlung hinein. Auf der Flucht vor der Polizei sucht Leach (John Garfield), von dem man nie erfährt, wieso er gesucht wird, zunächst Zuflucht in einer Bar, heuert dann, um unterzutauchen, auf dem Robbenfänger Ghost an.

Während er mit einem Beiboot zum Hauptschiff gebracht wird, gehen bei einer durch den Nebel verursachten Kollision zwischen einer Fähre und einem Frachter der Schriftsteller Humphrey van Weyden (Alexander Knox) und die ebenfalls von der Polizei gesuchte Ruth (Ida Lupino) über Bord. Gerettet werden beide vom Robbenfänger Ghost. Als van Weyden erwacht, befindet er sich auf hoher See und bekommt sogleich Einblick in die brutale Herrschaft, die Kapitän Wolf Larsen (Edward G. Robinson) ausübt.

Ein sprechender Name ist dies, vertritt dieser Kapitän doch darwinistische Ideen vom Recht des Stärkeren und glaubt, dass es legitim ist mit einer Terrorherrschaft die Ordnung aufrecht zu erhalten. Im Gegensatz zu diesem Zyniker und Sadisten, der es genießt Mitglieder seiner Crew zu schikanieren und zu peinigen, erscheint van Weyden als vom Christentum geprägter Humanist, der Gedanken der Menschlichkeit und des Mitgefühls vertritt. Zwischen die Fronten gerät der Schriftsteller als ein Teil der Mannschaft gegen Larsen, der durchaus gebildet ist, und die Werke Darwins ebenso wie Miltons «Paradise Lost» liest, rebelliert.

Curtiz´ hat nach einem Drehbuch von Robert Rossen den Roman von London ungemein kompakt und dank der Kameraarbeit von Sol Polito atmosphärisch dicht adaptiert. Geschickt baut der gebürtige Ungar Spannung auf, indem er zunächst die Figuren immer wieder von der Ghost reden lässt, diese aber lange nicht zeigt.

Für Dichte sorgt auch, dass die Handlung nach dieser Exposition zur Gänze auf dem Robbenfänger spielt und sich ein Kammerspiel entwickelt, in dem mit Larsen und van Weyden nicht nur unterschiedliche Ansichten über die menschliche Spezies, sondern auch roher Naturmensch und Großstädter aufeinandertreffen. Die Erwartung von Larsen, dass auch ein Mensch wie van Weyden in Gesellschaft dieser brutalen Meute verroht und seine Menschlichkeit und Zivilisiertheit ablegt, erfüllt sich dabei aber nicht.

In der Nebelstimmung und in dem Huis clos auf See, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint, sondern auch ein Fluchtversuch letztlich in Kreisbewegung zurück zum Schiff führt, entwickelt sich eine Hoffnungslosigkeit und ein Fatalismus, der auch die beiden Ex-Häftlinge Leach und Ruth kennzeichnet. In klassischer Film noir-Dramaturgie scheint ein Neubeginn für diese beiden vom Leben gebeutelten Charaktere nicht möglich, bis sich ganz am Ende doch noch die Chance darauf zu bieten scheint.

Wie Curtiz hier in die auch dank der trefflichen Besetzung mit Edward G. Robinson, John Garfield und Ida Lupino packend erzählte Geschichte philosophische Aspekte verpackt und über die condicio humana reflektiert, macht diesen zu Unrecht wenig bekannten Film zu einem starken und vielschichtigen Vertreter des Abenteuerfilms.

An Sprachversionen bietet die bei Hamburg Enterprises erschienene DVD nur die englische sowie die kürzere deutsche Version, aber keine Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den Original-Trailer.

Trailer zu «The Seawolf»

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