Su-Mei Tse. Nested

05.05.2018

05.05.2018 bis 12.08.2018  Aargauer Kunsthaus

Das Aargauer Kunsthaus präsentiert in einer Einzelausstellung das breite Schaffen der luxemburgischen Künstlerin Su-Mei Tse. Ihre Objektkunst, Foto- und Videoarbeiten sind durchdrungen von der Auseinandersetzung mit Zeit, Identität, Erinnerung, Musik und Sprache. Im Zentrum dieser Schau stehen neue Arbeiten, welche nach Aufenthalten der Künstlerin in Italien und Japan entstanden sind. Medien wie Fotografie, Video und Objektkunst bilden den Schwerpunkt des konzeptuellen Schaffens von Su-Mei Tse. Darin artikuliert sie Übergänge zwischen unterschiedlich gelagerten Bereichen: Klang und Bild, Musik und Raum, Natur und Kultur, geistiger Raum und sinnliche Erfahrung.


Su-Mei Tse war im Rahmen der Gruppenausstellung «Rhythm in it» (2013) mit einer poetischen Neonarbeit bereits im Aargauer Kunsthaus präsent. Die erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz «Nested» präsentiert die Früchte ihrer künstlerischen Tätigkeit. Nach Aufenthalten in Ländern wie Italien und Japan sind neue Arbeiten entstanden, die speziell für diese Schau umgesetzt wurden und ihr Gravitationszentrum bilden. In den Ausstellungsräumen treten Musik, Geräusche und Stille in ein einzigartiges Wechselspiel und in ihnen scheint die Zeit in einem veränderten Rhythmus zu vergehen.

Su-Mei Tse entwickelt mit «Nested» für das Aargauer Kunsthaus eine eigene Narration, in der die neuen Werke und ortspezifischen Installationen mit ausgewählten älteren Arbeiten kombiniert werden. Innerhalb des Ensembles zeichnen sich neue künstlerische Fragestellungen ab, Fragen nach dem Kontemplativen, nach unseren Beziehungen zur Welt der Pflanzen und derjenigen der Mineralien oder nach der Möglichkeit eines feinfühligen Verhältnisses zur Vergangenheit. Mit all diesen ineinander verflochtenen Themen ist die Ausstellung einem Notizbuch ähnlich angelegt. In einer Form also, die alltägliche, visuelle oder klangliche Impressionen oder Erinnerungen in sich versammelt, diese auf subjektiv-intuitive Art vermischt und ein Netz aus echohaften Bezügen und Entsprechungen knüpft.

So sind in den Nischen der ausstellungstitelgebenden Serie «Nested» (2017), einem Ensemble gefundener Kalksteinskulpturen, unterschiedliche farbige Gesteinskugeln «eingebettet». Diese Skulpturen symbolisieren für die Künstlerin das fragile Gleichgewicht von Halten und Gehaltenwerden. Auf spielerische und poetische Weise erinnern die farbigen Kugeln gleichermassen an Murmeln wie an Planeten einer kosmischen Ordnung. Auch andere Werke in der Ausstellung bezeugen Su-Mei Tses Interesse an der mineralischen Welt und ihrer ursprünglichen Schönheit. Die aufwendige Installation Stone Collection (2017) bezieht ihre Inspiration aus der chinesischen Tradition der «Gelehrtensteine». Für jeden der sorgsam ausgewählten, aus unterschiedlichen Regionen stammenden Steine hat die Künstlerin einen einzigartigen, dem Wesen des Steines entsprechenden Sockel geschaffen. In ihnen werden Makrokosmos und Mikrokosmos Eins: Landschaften, Berge, Grotten, Wolken oder Wellen zeichnen sich auf ihrer Oberfläche ab. Diese Werke laden zu einer kontemplativen Betrachtung ein.

Ein in Bronze gegossener, entwurzelter Baum (Trees and Roots, 2011), ein frischer Granatapfel (A Whole Universe (Pomegranate), 2017) oder eine sich im See spiegelnden Landschaft (Reflection, 2017) begegnen uns in der Ausstellung. Diese Skulpturen und Fotografien kreisen motivisch um die Welt der Pflanzen, aber ihrem Kern liegen Fragen nach dem «In-der-Welt-Sein» und der menschlichen Existenz zugrunde. Das Individuum und seine Einzigartigkeit sind auch in der Installation Das ich in jeder Kartoffel (2006-2011) eingeschrieben. Jeder der 15 Keramikkartoffeln hat ihre ureigene Form, und die zarten Keime weisen auf die unbändige Kraft des Lebens hin, das in jedem Wesen steckt. Su-Mei Tse gelingt es, diese weitreichenden philosophischen Reflexionen aus einem, fest im Alltag verankerten Blickwinkel zu artikulieren und mit einem feinen, humorvollen Augenzwinkern zu begleiten. Sie spürt die Poesie des Alltäglichen auf und macht sie in ihren Arbeiten sichtbar.

Su-Mei Tse will mit der Kunst eine Sprache erschaffen, die verbindet anstatt zu trennen. Eine Sprache, die nicht nur einer, sondern mehreren Kulturen Ausdruck verleiht und damit exemplarisch für das Unbegrenzte und Bewegte steht. Die Skulptur «Many Spoken Words» (2009/2018) ist in seiner überraschenden Kombination der verwendeten Mittel Quelle für vielzählige Assoziationen. Schwarze Tinte sprudelt, fliesst und tropft aus einem pseudobarocken Gartenbrunnen und versinnbildlicht «den Prozess der Sprache, von der ursprünglichen Idee über das gesprochene hin zum geschriebenen Wort» (Su-Mei Tse). Die Installation ist eine Hommage an die Literatur, spielt an auf das Potential von Worten und auf den sich stets erneuernden Fluss des Schöpferischen.

Das Video «Pays de Neige» (2015), das während eines Stipendienaufenthalts in der Villa Medici in Rom entstand, zeigt die Künstlerin bei einem Ritual der Auslöschung. Im Licht der kahlen Wintersonne ebnet die Künstlerin den Kieselsteinweg vor der historisch bedeutsamen Villa mit einem Rechen, den sie hinter sich her zieht. Sie verwischt so auf symbolische Weise die Spuren ihrer Vorgänger und «bereitet die Leinwand vor», um ihrer eigenen Kreativität Raum zum Atmen zu verschaffen und ihre eigene Stimme wieder zu finden. Der in dem Video enthaltene Zen-Geist ist zwar eindeutig erkennbar, die Künstlerin entzieht sich aber bewusst einer typischen geografischen Verortung. Dank ihrer eurasischen Ursprünge trägt sie zwei Kulturen in sich. Diese verfremdet sie fortwährend, um sie von den damit verbundenen Klischees zu lösen.

Es überrascht kaum, dass die Musik im Werk der ausgebildeten Cellistin eine zentrale Rolle spielt. Dabei ist sie für Su-Mei Tse weniger blosses Thema als vielmehr evokative Kraft, die sie wie eine Lupe nutzt, durch die hindurch blickend sie die Welt begreifen kann. Die Musik steht im Zentrum einer Reihe von Werken, wie die Videoarbeit «Mistelpartition» (2006). Aber auch die Abwesenheit von Geräuschen, die Stille, nimmt in ihrem Schaffen eine unabdingbare Bedeutung ein. In White Noise (2009) dreht sich auf dem Plattenspieler kontinuierlich eine Vinylplatte, deren Rillen mit kleinen weissen Kugeln bestückt sind. Das «Weisse Rauschen» bezieht sich auf ein akustisches Phänomen, bei dem sich alle hörbaren Frequenzen so vermischen, dass sie durch gegenseitige Neutralisierung eine Art «klangliche Stille» bilden. Die Arbeit stellt für Su-Mei Tse eine visuelle Übersetzung des Knisterns dar, den Moment kurz vor dem Einsetzen der Musik, als gehe es darum, «der Stille Lautstärke zu geben». Sie ermöglicht darin dem Betrachter einen Moment des Innehaltens.


Su-Mei Tse. Nested
5. Mai bis 12. August 2018

Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz
CH-5001 Aarau
T: 0041 (0)62 83523-30
F: 0041 (0)62 83523-29
W: http://www.aargauerkunsthaus.ch


Öffnungszeiten

Di bis So 10 - 17 Uhr
Donnerstag 10 - 20 Uhr
Montag geschlossen

 


  • Su-Mei Tse: Gewisse Rahmenbedingungen 3 (A Certain Frame Work 3 – Villa Farnesina), 2015 – 2017. Videostill; © Su-Mei Tse
  • Su-Mei Tse: Nested #6, 2017. Kalkstein, Mineralien, Marmorkugeln; Courtesy Edouard Malingue Gallery, Hong Kong. Foto: Rémi Villaggi / Mudam Luxembourg
  • Su-Mei Tse: The Pond (Detail), 2015. In Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus Inkjetprints. Glasplatten; Courtesy Peter Blum Gallery, New York, Galerie Tschudi, Zuoz und Edouard Malingue Gallery, Hong Kong
  • Su-Mei Tse: Many Spoken Words (Detail), 2009. In Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus. Stein, Eisen, Tinte; Sammlung Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean. Foto: Jean-Lou Majerus
  • Su-Mei Tse: Light, 2014. Video, 12 min, looped; Courtesy Galerie Tschudi, Zuoz
Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz
CH-5001 Aarau
T: 0041 (0)62 83523-30
F: 0041 (0)62 83523-29
W: http://www.aargauerkunsthaus.ch


Öffnungszeiten

Di bis So 10 - 17 Uhr
Donnerstag 10 - 20 Uhr
Montag geschlossen

 


artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.