A Bunch of Bullies

16.04.2018 Kurt Bracharz

Die 1937 in Prag geborene Marie Jana Korbelová hat ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Faschismus gemacht: Zehn Tage nach dem Einmarsch der Deutschen in die Tschechoslowakei floh ihre Familie 1939 nach England, kehrte 1945 zurück und emigrierte neuerlich 1948 wegen der Machtübernahme durch die Kommunisten in die USA. Dort erhielt die Korbelová 1957 die Staatsbürgerschaft.


Erst im Dezember 1996 erfuhr sie von einem Journalisten, dass 25 ihrer Familienmitglieder, darunter drei ihrer Großeltern, von den Nationalsozialisten ermordet worden waren; ihre Eltern, säkulare Juden, hatten ihr das verschwiegen. Der Anlass für das aufklärende Gespräch war, dass Josef Korbels Tochter, die mittlerweile verheiratet Madeleine Albright hieß und sich seit Jahrzehnten für die Demokratische Partei engagiert hatte, am 23. Jänner 1997 von Bill Clinton als US-Außenministerin vereidigt wurde. Als erste Frau im Außenamt blieb sie bis zum Ende von Clintons Administration 2001, was ihr wegen Irak und Kosovo bei amerikanischen Studenten und serbischen Kriegsverbrechern den Ruf einer US-Kriegsverbrecherin verschaffte.

Jetzt hat sie das Buch «Fascim. A Warning» geschrieben. Da es in den USA eine Debatte gibt, ob Trump einem neuen amerikanischen Faschismus den Weg bahnt, sagt Albright bei der Vorstellung des neuen Buches stets als erstes: «Let me make this absolutely clear: I’m not calling President Trump an fascist.» Trump sei selbst kein Faschist, er bahne aber international dem Faschismus den Weg, nämlich den Bewegungen von Erdogan, Orban, Putin, Duterte & Konsorten. Albright schreibt zwar, dass das Wort «Faschismus» wegen inflationären Gebrauchs mittlerweile seine konzise Bedeutung verloren habe, beschreibt aber in einem Interview mit «Newsweek International» doch, was sie damit meint: «Ein Faschist ist jemand, der vorgibt, für eine ganze Nation oder Gruppe zu sprechen, den die Rechte der anderen nicht im geringsten interessieren und der bereit ist, Gewalt oder was auch immer ihm nützlich erscheint, für seine Ziele einzusetzen. In short, a fascist is a bully with an army.» (Das Wort «bully» hat keine exakte Entsprechung im Deutschen; am bekanntesten ist es als Bezeichnung jener Schüler, die alle anderen in ihrer Klasse terrorisieren und mobben. Die russische Entsprechung zum bully ist «huligan», das dort nicht nur Fußballrowdies bezeichnet. Deshalb hat der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja die USA, Frankreich und Großbritannien nach ihrer Attacke auf Syrien als Hooligans bezeichnet.)

Albright nennt Duterte, Erdogan, Orban und Putin «a bunch of bullies». Trump lobe einzelne Charakterzüge dieser Personen, identifiziere sich mit ihnen und stärke ihnen dadurch den Rücken. In Polen habe er, neben dem Präsidenten Andrzej Duda stehend, nicht nur die antidemokratischen Entscheidungen der polnischen Regierung unterstützt, sondern ihnen auch noch sozusagen den US-amerikanischen Segen gegeben. Für Trump in Nordkorea sieht sie besonders schwarz, denn sie habe bei ihren Verhandlungen mit Nordkorea erfahren, wie sorgfältig man darauf vorbereitet sein müsse und wie sehr es Expertenwissen brauche, um den Hintergrund einzelner Verhandlungspunkte zu erkennen und zu wissen, was man fordern könne und was man unbedingt vermeiden müsse. Das ist nun gewiss nicht Trumps Strategie (wenn er überhaupt so etwas hat). Was Albright besonders ärgert: «Trump lässt uns wie ein Opfer aussehen, wie einen Deppen (chump). Wir sind das mächtigste Land der Welt, und seine ganze Botschaft ist Unterlegenheit (victimization). »Jeder übervorteilt uns.« Das ist lächerlich.»


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