Westfront 1918

17.05.2018 Walter Gasperi

Auch fast 90 Jahre nach seiner Entstehung erschüttert Georg Wilhelm Pabsts 1930 entstandener Antikriegsfilm durch seinen Realismus. Nichts Heroisches gibt es hier, sondern nur das sich sukzessive steigernde Grauen und auch die Folgen des Krieges für die Zivilbevölkerung in Deutschland spart Pabst nicht aus. Bei Atlas Film ist der Klassiker in einem Mediabook auf DVD und Blu-Ray erschienen.


Mit seinem ersten Tonfilm knüpfte Georg Wilhelm Pabst stilistisch an sein Stummfilmdrama «Die freudlose Gasse» (1925) an. Noch schonungsloser und ungeschminkter als bei Lewis Milestones fast gleichzeitig entstandenem, ungleich bekannterem «All Quiet on the Western Front» (1930) ist hier der Blick auf die Realität. Im Zentrum stehen die kleinen Leute. Die Hintergründe interessieren Pabst nicht, er fokussiert nach dem Roman «Vier von der Infanterie» von Ernst Johannsen ganz auf dem Alltag von vier einfachen Soldaten an der Westfront.

Nur einer der vier Protagonisten erhält einen Namen – Karl -, die anderen werden nur als «Der Student», «Der Bayer», «Der Leutnant» bezeichnet. Bewusst auf Typen bleiben sie damit reduziert, machen deutlich, dass in ihrem Schicksal von dem zahlloser Soldaten erzählt wird.

Auch die Erzählweise zielt darauf ab am Konkreten ein exemplarisches Bild des Krieges zu zeichnen. Pabst entwickelt nämlich keine zwingende Dramaturgie, reiht vielmehr prägnante exemplarische Szenen, die vielfach durch Schwarzblende voneinander getrennt werden, aneinander.

Geradezu locker beginnt es so noch mit einer Szene in einem französischen Bauernhof, in dem sich eine Beziehung zwischen dem Studenten und der Tochter des Bauern entwickelt, doch bald werden die Soldaten wieder zum Einsatz an die vorderste Front gerufen.

Beklemmend evoziert Pabst hier die klaustrophobische Enge und den Schmutz im Schützengraben, wenn der Bayer und Karl verschüttet werden. Durch falsche Berechnung wird die Fronteinheit eine Zeit lang sogar von der eigenen Artillerie beschossen. Immer wieder hört und sieht man Granaten einschlagen, nie setzt in diesem frühen Tonfilm das Geschützfeuer völlig aus.

In bizarrem Kontrast zu diesem Alltag im Schützengraben steht ein Fronttheater in einem Zelt, für dessen Slapstick- und Musiknummern sich Pabst geradezu aufreizend viel Zeit nimmt. An die zahllosen Toten erinnert dagegen wiederum eine beiläufige Szene, in der der Student an einer Feldschreinerei vorbeikommt, in der am Fließband Holzkreuze produziert werden.

Mit einem Heimaturlaub Karls blickt Pabst auch auf die Situation in deutschen Städten. Auch hier sieht man nur Leidende. In einer langen Schlange steht Karls Mutter um Lebensmittel an. Selbst als sie ihren Sohn kommen sieht, kann sie den Platz in der Reihe nicht aufgeben, bekommt aber letztlich doch keine Verpflegung, weil der Laden ausverkauft ist, ehe sie drankommt.

Karl wiederum ertappt seine Frau mit einem anderen Mann im Bett. Der Heimaturlaub wird für ihn zur Tortur, ohne sich mit der Frau, die offensichtlich die Not in die Affäre mit dem Metzgergesellen getrieben hat, versöhnt zu haben, kehrt er schließlich an die Front zurück.

Sukzessive steigert Pabst das Grauen des Stellungskrieges, intensiviert am Ende das Artilleriesperrfeuer und lässt die Franzosen, die von Panzern unterstützt werden, ins Maschinengewehrfeuer der Deutschen rennen, zeigt aber auch, wie die deutschen Soldaten durch Granaten und Schüsse sterben. Wahnsinnig steht schließlich in einer der berühmtesten Einstellung des Films der Leutnant in einem Leichenberg, salutiert und schreit «Zu Befehl, eure Majestät».

Zu Ende ist «Westfront 1918» damit nicht, sondern mit einer Lazarettszene wird ein weiterer Aspekt des Grauens in Erinnerung gerufen. «Hurra» schreit hier der wahnsinnige Leutnant immer wieder, während sich völlig überlastete Ärzte und Pflegepersonal um Blinde und Beinlose kümmern und die Verwundeten wie die Fliegen dahinsterben.

Der Glaube Pabsts an die Versöhnung der einfachen Menschen über nationale Feindbilder hinweg kommt zum Ausdruck, wenn, wenn ein verwundeter Franzose einem toten Deutschen die Hand reicht und erklärt «Nicht Feinde, sondern Kameraden», gleichzeitig hört man aber das Artilleriefeuer auch zum Insert «Ende», das bezeichnenderweise mit einem Fragezeichen versehen ist. - 1930 war «Westfront 1918» auch eine unübersehbare Warnung vor neuen militaristischen und kriegstreiberischen Tendenzen.

Fern ist diesem Film jeder Heroismus und alles Verklärende, das in Antikriegsfilmen oft mitschwingt. Nicht zuletzt deswegen wurde er von den Nationalsozialisten 1933 verboten. Gerade im distanziert-schonungslosen Blick und in den prägnanten exemplarischen Szenen entwickelt dieser zeitlose Klassiker seine erschütternde Kraft.

An Sprachversionen verfügt das bei Atlas Film erschienene Mediabook, das den Film als DVD und Blu-ray enthält, die deutsche Originalfassung sowie englische und französische Untertitel. Während die Bildqualität trotz des Alters des Films besticht, ist der Ton teilweise schwer verständlich. An Extras verfügt das Mediabook über ein ausführliches Booklet, das neben einem zeitgenössischen Filmheft, Pressestimmen und einem Auszug aus der NS-Zensurentscheidung auch Beiträge zur Restaurierung des Films und zur Rezeptionsgeschichte enthält.



Trailer zu «Westfront 1918»

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