A Quiet Place

17.04.2018 Walter Gasperi

Monster, die auf jedes Geräusch reagieren, machen die Erde unsicher, Sicherheit bietet nur absolute Lautlosigkeit. – So simpel die Prämisse ist, so packend und beklemmend erzählt John Krasinski in seinem kompakten kleinen Horrorfilm vom Überlebenskampf einer Familie in einer postapokalyptischen Welt.


Ohne Exposition setzt «A Quiet Place» mit Bildern einer verlassenen und halbverfallenen herbstlichen Kleinstadt ein. Lautlos schleichen drei Kinder und zwei Erwachsene barfuß durch einen desolaten Supermarkt. Jedes Geräusch versucht man peinlichst zu vermeiden, verständigt sich nur mit Zeichensprache. Gegen den Willen des Vaters (John Krasinki) nimmt die taube Tochter für ihren kleinen Bruder ein Spielzeug-Space-Shuttle mit Batterien mit.

Mit Rucksäcken trampt man über die Bahngleise, als plötzlich das Spielzeug zu surren beginnt. Kurz blickt die Familie geschockt auf den einige Meter weiter hinten folgenden Jungen, schon rast ein Monster herbei und zerfetzt ihn.

Eingestimmt wird der Zuschauer mit diesem brillanten Auftakt, nach dem erst der Titel folgt, auf die folgenden knapp 90 Minuten. Rund ein Jahr wird mit einem Schnitt übersprungen, in einer Farm hat sich die Familie inzwischen eingerichtet und lebt dort autark. Auf Erklärungen verzichtet John Krasinki, der an der Seite seiner realen Ehefrau Emily Blunt als Mutter auch die Hauptrolle des Vaters spielt. Nur in wenigen Blicken auf Zeitungsausschnitte vermittelt er bruchstückhaft Kenntnis von der Weltherrschaft dieser Monster, deren Herkunft offen bleibt, und der absoluten Stille als einzigem Schutz vor ihnen. Denn diese Ungeheuer, die man zunächst nur ansatzweise, mit Fortdauer des Films aber klarer zu Gesicht bekommt, haben zwar keine Augen, aber dafür einen umso ausgeprägteren Hörsinn.

Es gibt kein Vorher, sondern nur das Hier und Jetzt des Geschehens, nichts erfährt man über die Vorgeschichte der Familie. Ganz auf deren Perspektive schwört Krasinki den Zuschauer ein, nimmt ihn mit seinen vier Protagonisten in Geiselhaft. Hautnah lässt er ihn so deren Anspannung und Beklemmung mitfühlen. Auf blutige Szenen und große Action kann er getrost verzichtet, er erzeugt Spannung durch eine atemberaubend dichte Atmosphäre und die permanente Angst vor dem kleinsten Geräusch und einem daraus resultierenden Angriff.

Klein gehalten ist die Handlung mit der Beschränkung auf eine Familie – Krasinski kommt mit fünf Schauspielern aus -, hat fast den Charakter eines Kammerspiels, aber gerade durch diese Fokussierung generiert der Film Spannung. Hier gibt es keine Schnörkel, keine Nebenhandlung, auch keine moderne Technik wie Handys oder Laptop, sondern nur den permanenten Überlebenskampf.

Souverän baut der 38-jährige US-Regisseur dabei immer neue Gefahrenmomente ein, macht fast physisch den Schmerz eines Tritts auf einen Nagel und der Notwendigkeit dennoch sich jeden Laut zu verbeissen erfahrbar und wird natürlich auch die nahende Geburt eines Babys für eine nervenzerrende Szene nützen.

Beeindruckend ist dabei freilich auch, wie Krasinski beinahe ohne Dialog auskommt und die Protagonisten sehr reduziert in Gebärdensprache kommunizieren lässt. Beklemmende Spannung baut er dabei nicht nur durch ein großartiges Sound-Design, das auch auf Momente der Stille nicht vergisst, sondern auch durch den überlegten Einsatz der Parallelmontage auf.

Über den Überlebenskampf hinaus ist «A Quiet Place» im Kern aber ein Film über eine Familie und das, was Familie ausmacht. Denn da geht es einerseits um den Zusammenhalt in einer Extremsituation, andererseits auch um die Spannungen zwischen der Tochter, die von Schuldgefühlen geplagt wird und sich nicht geliebt glaubt, und dem Vater, sowie um den ängstlichen Sohn, der in die Selbstständigkeit geführt werden muss, aber auch um die Aufgaben von Vater und Mutter, die sich für ihre Kinder bis zum Letzten einsetzen und alles für sie geben.

Während andere Filme dabei meist in einen großen Showdown münden, bleibt Krasinski bis zum Ende bei seiner Familie und lässt seinen dritten Spielfilm mit einem markanten Schlussbild, das hängen bleibt, so abrupt enden, wie er begonnen hat. Man muss eben nicht alles zeigen, auch die Monster nicht allzu breit ins Bild rücken, sondern vor allem effektiv und stringent erzählen. Das sind die Tugenden, mit denen dieser kleine fiese und wunderbar kompakte Horrorfilm für knapp 90 Minuten für nervenzerrende Spannung sorgt.

Läuft derzeit in den Kinos

Trailer zu «A Quiet Place»

weiterführende Links:

A Quiet Place

weiterführende Links:

A Quiet Place

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.