Cannes 2018: Runderneuerung an der Côte d'Azur

06.05.2018 Walter Gasperi

08.05.2018 bis 19.05.2018  

Weniger große Namen als in den letzten Jahren finden sich im Line-up des 71. Filmfestivals von Cannes (8. bis 19. Mai 2018). Auch aufgrund des Konflikts mit Netflix musste der künstlerische Leiter Thierry Frémaux wohl auf die eine oder andere Produktion verzichten. Dafür ist die Anzahl vielversprechender jüngerer Regisseure überraschend groß.


Weil Frémaux sich geweigert hat, Filme von Netflix, die nie ins Kino kommen, in den Wettbewerb aufzunehmen, zog die Streamingplattform selbst von vornherein potentielle Produktionen vom Festival zurück. Doch nicht nur die von Netflix produzierten neuen Filme von Alfonso Cuaron oder Paul Greengrass fehlen im Line-up, sondern auch überraschend viele andere Filme von bekannten Regisseuren, mit deren Weltpremiere man an der Côte d´Azur spekulierte. Der Bogen spannt sich von Terrence Malicks «Radegund» (über den Kriegsdienstverweigerer Jägerstätter) und Mike Leighs «Peterloo» bis zu Paolo Sorrentinis Berlusconi-Film «Loro» und Steve McQueens «Widows».

Nachnominiert wurden aber immerhin nach der offiziellen Programm-Pressekonferenz Mitte April noch der neue Film des türkischen Palmen-Gewinners Nuri Bilge Ceylan («The Wild Pear Tree») und Terry Gilliams «The Man Who Killed Don Quixote», der 18 Jahre nach Start der Produktion nun doch noch fertiggestellt wurde. Nachnominiert wurde aber auch Lars von Triers Serienkillerfilm «The House that Jack Built», mit dem der Däne sieben Jahre nach seinem Rauswurf aufgrund seines Hitler-Kommentars außer Wettbewerb an die Côte d´Azur zurückkehren darf.

Eröffnet wird das heurige Festival mit dem ersten spanischsprachigen Film des Iraners Ashgar Farhadi. Mit dem mit Penélope Cruz, Javier Bardem und Ricardo Darín hochkarätig besetzten Psychothriller «Todos lo saben – Everybody Knows» wird das Festival auch erstmals seit 2004 , seit Pedro Almodovars «La mala educacion» nicht mit einem englisch- oder französischsprachigen Film gestartet.

Der einzige echte Altmeister im Palmenrennen ist bislang der legendäre Jean-Luc Godard, der mit «Le livre d´image» eingeladen wurde. Bewährte Größen sind daneben der Amerikaner Spike Lee, der in «Blackklansman» von einem afroamerikanischen Polizisten erzählt, der in den Kukluxclan eingeschleust wird, der offiziell mit Berufsverbot und Hausarrest belegte Iraner Jafar Panahi («3 Faces»), der Japaner Hirokazu Kore-Eda («Shoplifters») und der Chinese Jia Zhang-Ke («Ash Is Purest White»).

Das starke asiatische Aufgebot wird komplettiert durch den Südkoreaner Lee Chang-Dong («Burning»), während aus den USA neben Lee bislang nur David Robert Mitchell, der mit dem Horrorfilm «It Follows» auf sich aufmerksam machte, eingeladen wurde. Mit seinem dritten Spielfilm «Under the Silver Lake» legt der 44-jährige Amerikaner nun einen Neo-Noir-Thriller vor.

Zu den vielversprechenden jüngeren Regisseurinnen zählt auch Alice Rohrwacher, die mit «Lazzaro Felice» neben Matteo Garrones «Dogman» für Italien in Konkurrenz um die begehrte Goldene Palme geht. Neben Rohrwacher finden sich mit der Französin Eva Husson («Les filles du soleil») und der Libanesin Nadine Labaki («Capernaum») immerhin zwei weitere Regisseurin im Wettbewerb des oft als extrem männerlastig kritisierten Filmfestivals.

Wie gewohnt stark vertreten ist das Gastgeberland, aus dem neben Godard und Husson auch Christophe Honroré mit «Sorry Angel» und der zuletzt mit jedem Film überraschende und überzeugende Stéphane Brizé mit «En Guerre - At War» eingeladen wurde. Während nicht nur Lateinamerika und Afrika, sondern auch Großbritannien und Nordeuropa im Wettbewerb – zumindest bislang – komplett fehlen, ist Osteuropa zumindest mit den neuen Filmen des «Ida»-Regisseurs Pawel Pawlikoski («Zimna Wojna - Cold War») und von Kirill Serebrennikovs („L´été“) vertreten.

Auch die deutschsprachigen Länder fehlen in dieser Hauptsektion völlig und sind einzig mit Ulrich Köhlers «In meinem Zimmer» in der Reihe Un certain regard und einem Special Screening von Wim Wenders´ Dokumentarfilm über Papst Franziskus («Pope Francis: A Man of His Word») präsent.

Außer Wettbewerb darf freilich an der Côte d´Azur auch das große Spektakel nicht fehlen, das sicher mit der Weltpremiere von Ron Howards «Solo: A Star Wars Story» geboten wird.

Mehr als nur sehen lassen kann sich aber wie gewohnt auch das Programm der Nebensektionen, laufen doch in der Quinzaine des realisateurs immerhin neue Filme beispielsweies von Debra Granik («Leave no Trace»), Gaspar Noé («Climax») oder den «Der Schamane und die Schlange»-Machern Ciro Guerra & Cristina Gallego («Pájaros de verano - Birds of Passage»).

  • Todos lo saben - Everybody Knows (Ashgar Farhadi)
  • Blackklansman (Spike Lee)
  • Shoplifters (Hirokazu Kore-eda)
  • Lazzaro Felice (Alice Rohrwacher)
  • En Guerre - At War (Stéphane Brizé)
  • Zimna Wojna - Cold War (Pawel Pawlikowski)
  • Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes (Wim Wenders)

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