Hostiles - Feinde

10.04.2018 Walter Gasperi

1892 muss ein US-Captain, der die Indianer hasst, einen alten und todkranken Cheyenne-Häuptling mit dessen Familie von einem Fort in New Mexico zum Sterben in seine Heimat in Montana begleiten. In seinem meisterhaft inszenierten und intensiv gespielten elegischen Western fragt Scott Cooper nach der Rolle der Menschlichkeit in einer Welt, in der Gewalt an der Tagesordnung ist.


Mit «Crazy Heart» (2009), «Out of the Furnace» («Auge um Auge», 2013) und «Black Mass» (2015) hat sich Scott Cooper als starke Stimme des amerikanischen Kinos vorgestellt. Wie in diesen Filmen orientiert er sich auch in «Hostiles – Feinde» am klassischen Hollywood-Kino, setzt dessen oft gepflegter Romantik aber einen schonungslos realistischen Blick auf die Welt entgegen.

Idyllisch liegt zwar in der Totale, die diesen Western eröffnet, eine Farm auf einer Wiese. Während der Mann an einem Zaun arbeitet, erteilt die Frau (Rosamunde Pike) den beiden etwa sechs- und achtjährigen Töchtern Unterricht. Nur kurz währt freilich diese Ruhe, denn schon nähert sich eine Gruppe Komantschen, die den Mann und die beiden Töchter sowie das Baby tötet. Nur die Frau kann entkommen.

Erweckt die Szene den Eindruck einer indianerfeindlichen Haltung, kehrt diese die nächste Szene schon wieder um, wenn Captain Joe Blocker (Christian Bale) einen Apachen brutal foltern lässt und dessen Familie hinter dem Mann, der durch den Sand geschleift wird, ins Fort treibt.

Nicht nur packend, sondern auch hart und brutal beginnt «Hostiles» damit, denn Cooper spart Grausamkeiten wie das Skalpieren des Farmers nicht aus, zeichnet andererseits Blocker als Indianerhasser par excellence.

Die Indianerkriege sind 1892 schon vorüber, massenweise hat Blocker in diesen wohl die Ureinwohner abgeschlachtet, war auch am Massaker am Wounded Knee dabei. Fest in der Hand der Weißen ist nun das Land, auf die Reservate zurückgedrängt sind die Indianer und werden gejagt, sobald sie ausbrechen.

Menschenwürdige Behandlung gesteht Blocker ihnen nicht zu. Dem Befehl den alten und kranken Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) mit dessen Tochter, Schwiegersohn und Enkel von New Mexico in ihr rund 1600 Kilometer entferntes Heimattal in Montana zu begleiten, widersetzt er sich deshalb zunächst, muss sich dann aber seinem Vorgesetzten fügen. Sofort nach Verlassen des Forts wird er aber den Häuptling und dessen Schwiegersohn in Ketten legen.

Scheint sein Hass verständlich, als der Trupp auf die abgebrannte Farm und die Farmersfrau treffen, wird sich bald zeigen, dass die indianischen Begleiter wichtige Helfer im Kampf gegen die angreifenden Komantschen sind. Immer noch könnte man hier eine indianerfeindliche Haltung sehen, doch zunehmend korrigiert wird dieses Bild, wenn später weiße Pelzhändler die beiden Frauen des Trupps rauben und vergewaltigen, und auch die Erinnerung an die Indianerkriege bei Blocker und seinem Freund zunehmend Zweifel an der Richtigkeit ihres Verhaltens aufkommen lassen.

Langsam kommt es so zu einer Annäherung, wenn die Tochter des Häuptlings der weißen Frau ein Kleid schenkt, wenn Blockers Freund dem Häuptling Tabak gibt und ihn um Verzeihung für die Verbrechen der Weißen bittet, wenn schließlich auch Blocker dem Häuptling die Hand reicht. In einer spiegelbildlichen Szene zum Überfall am Beginn wird dieser Indianerhasser am Ende sogar die indianische Familie gegen einen weißen Landherrn, der die indianische Begräbnisstätte als seinen Besitz beansprucht, in einem blutigen Showdown verteidigen.

Ganz klassisch ist das erzählt, entwickelt aber durch die Inbrunst und den Ernst der Inszenierung Coopers und das intensive Spiel nicht nur von Christian Bale und Rosamund Pike, sondern auch der Nebendarsteller große Dichte. Wesentlich tragen dazu auch die stimmige Ausstattung, die teilweise Verwendung indianischer Sprache und die großartige Filmmusik von Max Richter bei.

Nach dem blutigen und gewalttätigen Beginn tritt diese Gewalt mit der Annäherung und mit den wiederholten Diskussionen über Menschlichkeit zunehmend in den Hintergrund. Ausgespart wird so die Vergewaltigung durch die Pelzjäger, nur im visuellen Off findet die Auseinandersetzung mit diesen statt und auch vom Kampf eines Soldaten mit einem entflohenen Häftling, den Blocker zum nächsten Fort bringen soll, sieht man nur das Resultat.

Erweitert wird mit diesem Häftling, der früher Seite an Seite mit Blocker kämpfte und von dessen Brutalität in den Indianerkriegen weiß, freilich die Diskussion um die staatlich legitimierte Gewalt. Denn dieser Gefangene kritisiert explizit, dass er wegen Mordes gehängt wird, während in den Indianerkriegen ungleich größere Gräuel erlaubt waren.

Je mehr diese Diskussionen, die nie überspannt werden, ins Zentrum rücken, desto elegischer und ruhiger wird der langsam, aber konzentriert inszenierte Film und breitet sich Trauer über die gewaltvolle Vergangenheit aus. Vorbei ist diese freilich nicht, denn Begräbnisse strukturieren quasi die Handlung. Mehr als der Action lässt Cooper diesen Szenen Raum und öffnet zunehmend den Blick in die Psyche des innerlich völlig zerrissenen Captain, der gebrochenen Frau und ihrer Wegbegleiter.

Und schließlich ist «Hostiles» mit seiner Reise quer durch die USA, in deren Verlauf entsprechend dem Vorspann-Zitat von D. H. Lawrence die harte, isolierte und stoische amerikanische Seele weich wird, auch ein Film, der auf einer großen Leinwand gesehen werden will. In großartigen Landschaftstotalen fängt nämlich die Kamera von Masanobu Takayanagi die bräunlichen Halbwüsten des Südwestens, die der kleine Trupp durchquert, ebenso ein wie später die Wälder Colorados und die Hügel Montanas und vermittelt auch intensiv das wechselnde Wetter.

Nur mit den Sonnenuntergängen und Abendstimmungen übertreibt es Cooper am Ende etwas. Und auch der Umstand, dass er »Hostiles« nicht mit dem Showdown und der Trauer über die dortigen Toten als Erinnerung an die Fortschreibung der Machtverhältnisse und den großen Genozid an den Indianern enden lässt, sondern noch ein Happy-End anfügt, stört etwas. Andererseits besiegelt dieses Ende, an dem sich ein Zug in Bewegung setzt und die Fahrt nicht nach Westen, sondern nach Osten in die Großstadt Chicago geht, endgültig das Ende einer Zeit.

Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - ab 31. Mai in den deutschen Kinos

Trailer zu «Hostiles - Feinde»

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