Jesus Uncrossed

02.04.2018 Kurt Bracharz

Es war einmal eine Zeit, da brachte das Fernsehen jedes Jahr in der Karwoche Buñuels in Mexiko gedrehten Film «Nazarin», an den sich heute nicht mehr viele erinnern werden. Buñuel, der als einer der ersten – vielleicht sogar wirklich als erster – den Spruch «Gottseidank bin ich Atheist» geprägt hatte, hat drei Filme über das Christentum gedreht, «Nazarin», «Viridiana» und «Die Milchstraße».


In seinem frühen surrealistischen Film «L’age d’or» kam Jesus nur in einer kurzen Szene vor: Vier Monster verlassen nach einer Lustmordorgie das Schloss des Marquis de Sade, eines von ihnen ist Jesus. Das war nur Provokation, ohne jeden theologischen Hintergrund. «Viridiana» hingegen war eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den christlichen Mythen, der Film wurde aber Jahrzehnte lang verboten wegen seiner zentralen Szene, in der Bettler, Krüppel und Obdachlose an einer langen Tafel plötzlich wie Leonardos «Letztes Abendmahl» aussehen – mit einem bösartigen Blinden als Jesus – und von einer alten Vettel «fotografiert» werden, indem sie sich mit dem Rücken zur Tafel die Röcke über den Kopf wirft. Ein Mord geschieht mittels eines aus einem Kruzifix aufspringenden Messers, das die Kritik für eine besonders boshafte Erfindung Buñuels hielt, worauf er erwiderte, solche Messer könne man in jedem spanischen Kaufhaus erwerben.

In «Die Milchstraße» reisen zwei Landstreicher durch die Geschichte des Christentums und begegnen unter anderem dem Teufel; in einer Szene wird der Papst von Arbeitern an die Wand gestellt und erschossen. «Nazarin» hingegen war der am wenigsten surrealistische Film, er zeigte das Scheitern eines Priesters, der die Nachfolge Jesu antreten will. «Er umgibt sich mit Prostituierten, Bettlern, Dieben und Zwergen, um sein karges Hab und Gut zu teilen, erntet aber nur Ärger und Verdruss. Alle weiteren von idealistischer Selbstlosigkeit geprägten Aktionen verschlimmern die Situation immer weiter, bis er schließlich von der Kirche verdammt wird.» (Moviepilot)

«Nazarin» kommt nicht mehr ins TV, weder zu Ostern noch sonst. Verhältnismäßig oft wird «Das Leben des Brian», ein amüsanter und kluger Film der Monty Python-Crew, gezeigt. Die anderen Jesusfilme – von Pasolini, Scorsese, Gibson etc. – muss man nicht unbedingt gesehen haben.

Dieses Jahr gibt es zwei neue Videoclips, einen aus der SWR-Satireshow «Bohemian Browser Ballett», in dem Jesus vom «Die Ärzte»-Schlagzeuger Bela B. als Trickbetrüger dargestellt wird, und «DJesus Uncrossed», der auf «Django Unchained» anspielt und den auferstandenen Jesus zum Schwertkämpfer macht. Das ist nicht nur nicht lustig, sondern schon eher ein bisserl blöd, und im Falle des «Bohemian Browser Ballett»-Clips auch noch steinalt: Der Karikaturist Maurice Henri hat schon vor 70 Jahren Jesus beim Vorführen von Kartentricks vor den staunenden Jüngern gezeichnet.

Man sollte allmählich auf Jesus anwenden, was er angeblich selbst gesagt hat (Mtt. 8,22, Lukas 9,60): «Lass die Toten ihre Toten begraben.»


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