Call Me By Your Name

03.04.2018 Walter Gasperi

Ein flirrender Sommer, ein Landhaus in Norditalien, ein 17-jähriger Teenager, ein amerikanischer Doktorand. Langsam entwickelt sich eine Freundschaft, aus der schließlich eine leidenschaftliche Liebe wird. – So einfach und altbekannt die Geschichte ist, so stimmig in jedem Detail, gefühlsintensiv und echt fühlt sich Luca Guadagninos vierter Spielfilm in jedem Augenblick an.


Mit dem Insert «Sommer 1983, irgendwo in Norditalien» wird die Handlung von Luca Guadagninos Verfilmung von André Acimans 2007 erschienenem Roman zeitlich und geographisch verankert. Flirrende Sommerstimmung evozieren schon die ersten Bilder von der Natur um das alte Landhaus, in dem der jüdische Archäologe Perlman (Michael Stuhlbarg) und seine Frau (Amira Casar), die als Übersetzerin arbeitet, mit ihrem 17-jährigen Sohn Elio (Timothée Chalamet) wohnen. Als Gast kommt für sechs Wochen wie jeden Sommer ein junger amerikanischer Doktorand (Armie Hammer), dem Elio sein Zimmer überlassen muss.

Mehr noch als diese Einschränkung stört den Teenager zunächst das selbstbewusste, ja arrogante Auftreten und die Lockerheit des Amerikaners. Neu ist Oliver zwar in der Gegend, kennt aber keine Hemmungen, benimmt sich am Frühstückstisch, als ob er immer schon dazugehörte, setzt sich bei einem Ausflug mit dem Fahrrad in die nahe Kleinstadt auch gleich an den Stammtisch und spielt mit den Einheimischen Karten.

Viel Zeit lässt sich Guadagnino für die Beschwörung der Sommerstimmung und des süßen Müßiggangs mit Fahrradtouren in die in der Sommerhitze stille Stadt, Klavierspiel und Lesen Elios oder Volleyballspiel im Garten, Schwimmen im Pool oder in einem See im Wald, aber auch gelehrten Gesprächen über Kunst und Literatur oder die Etymologie von «Aprikose».

Nervt Elio zunächst das Auftreten des weltoffenen Olivers, so ist er doch zunehmend auch fasziniert von dem Gast, entwickelt tiefere Gefühle. Die Eifersucht, die er empfindet als der Amerikaner, der auch seinen wohlgeformten Körper ungeniert zeigt, mit der jungen Chiara tanzt, will er sich nicht eingestehen. Um seine wahren Gefühle zu verdrängen, beginnt er eine Beziehung mit Marzia, gesteht Oliver dann aber doch seine Liebe und es beginnt eine leidenschaftliche Beziehung, die freilich mit der Abreise Olivers endet.

Leicht könnte so eine, schon x-mal erzählte Geschichte in Kitsch abgleiten. Luca Guadagnino gelingt aber es in seinem auf analogem 35mm-Material gedrehten Film, unterstützt von seinem genialen thailändischen Kameramann Sayombhu Mukdeeprom, einem Blick für Details und einem großartigen Soundtrack nicht nur die Stimmung des Sommers, sondern mehr noch die Gefühle Elios, aus dessen Perspektive konsequent erzählt wird, so authentisch und echt zu beschwören, dass man unweigerlich an die eigene Jugend erinnert wird.

Mehr noch als an den bestechenden Dialogen von James Ivory, der in den 1980er Jahren durch ebenso romantische wie ironische Liebesfilme nach E.M. Forster wie «A Room With a View» reüssierte, ist diese Intensität und Gefühlsechtheit freilich den beiden Hauptdarstellern zu verdanken, denen Guadagnino in langen Einstellungen immer wieder viel Raum lässt ihre Gefühle auszudrücken und aufzubauen. Stark ist da nicht nur Armie Hammer als lockerer und selbstbewusster US-Sunnyboy, sondern noch beeindruckender Timothée Chalamet als Elio, der spüren lässt, wie tief ihn diese erste große Liebe berührt, wie sehr sie sich in sein Leben einbrennt und nachwirkt.

Das Begehren und die Sehnsucht macht Guadagnino in den Blicken auf den jungen Körper, von dem beim Volleyballspiel oder beim Baden zwangsläufig viel sichtbar ist, fast physisch erfahrbar und feiert diese Jugend und Schönheit gerade im Bewusstsein der raschen Vergänglichkeit.

Letztere wird vor allem auch in den antiken Statuen von jungen Männern, die dem Vorspann unterlegt sind, spürbar. Immer noch begeistert später den Vater, Elio und Oliver eine antike Bronzestatue, die aus dem Gardasee geborgen wird, vermittelt auch einen befreiten Umgang mit dem Körper in der Antike, erinnert aber auch daran, dass dieses Leben längst erloschen ist, dass dem Menschen nur kurze Zeit und noch kürzere Jugendzeit gegönnt ist.

So wird dieser schwebend-leichte Film in der Sinnlichkeit, die er durch die Verknüpfung von Sommerstimmung und jugendlichen Körpern entwickelt, auch zum leidenschaftlichen und intensiven Aufruf seine Gefühle auszuleben und leidenschaftlich zu lieben, statt zu unterdrücken. Großes Gefühlskino ist das und enthält damit gleichzeitig auch den Appell an die Gesellschaft dem Individuum das Ausleben seiner Gefühle zuzugestehen.

Kein Thema ist dem Film zwar, dass es um eine schwule Liebe geht. Nie wird das angesprochen, weder Elios Bekannte noch seine weltoffene Familie, in der auch fließend zwischen Englisch, Französisch und Italienisch gewechselt wird, scheinen ein Problem damit zu haben. Sichtbar wird aber doch, dass dieses Landhaus im Norden Italiens, zumal in den frühen 1980er Jahren, ein besonderer Freiraum ist, wenn Oliver anspricht, dass er so eine Beziehung in den USA nicht ausleben könnte.

Was vom Sommer bleibt, sind schließlich, wie der Epilog, der in der winterlich verschneiten Weihnachtszeit spielt, zeigt, die Erinnerung an ein kurzes Glück und die Trauer darüber, dass es vorüber ist. Noch einmal enthält dieses vierminütige Schlussbild von Elios verweintem Gesicht freilich implizit den Aufruf zu intensivem Auskosten des Augenblicks und Ausleben der Gefühle, denn die Gefühle und das Lieben erscheinen hier als zentrale Komponente des Menschen.

Dass Guadagnino das gerade an der Jugend zeigt, ist aber auch wieder ein Aufruf an die ältere Generation, sich an diese Leidenschaftlichkeit der Jugend zu erinnern und sich darauf zu besinnen, selbst wieder lernen intensiver zu fühlen und zu lieben.

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Sa 7.4., 22 Uhr; Mo 9.4., 18 Uhr; Di 10.4., 20.30 Uhr; Mi 11.4., 18 Uhr (engl. O.m.U.)
Spielboden Dornbirn: Sa 14.4., 19.30 Uhr; Fr 20.4., 19.30 Uhr (engl. O.m.U.)
Kinok St. Gallen: Mi 11.4., 14.30 Uhr; So 29.4., 12.30 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Call Me By Your Name»

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