Matrix vs. GIS

26.03.2018 Kurt Bracharz

Am 14. April findet im Saal des Gasthofs zur Alten Post in D-94209 Regen ein Kongress mit dem Titel «Geheimes Wissen» statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 60 Euro, Veranstalter ist der Osiris-Verlag, die Teilnehmeranzahl ist begrenzt. Welche Geheimnisse werden hier entschleiert werden? Es scheint sich um Werbung für Bücher des genannten Verlags zu handeln, die Referenten halten Vorträge über den Inhalt ihrer Publikationen. Frank Jakob spricht über seinen Film «Packing for Mars», in dem er aufdeckt, dass eine «Elite-Gruppe» heimlich an einer Überlebenskolonie auf dem Mars arbeitet. Der Kongressprospekt fragt: «Gibt es eine Elite, die über altes Geheimwissen verfügt und um die wahren Ursprünge der Menschheit weiß? Die Wahrheit ist verrückter als Fiktion, genauso wie diese Reise der Entfaltung.»


Nach der Mittagspause spricht Hans-Georg Koch über die «Meister der Matrix». Untertitel: «Wie sich das, woran Du glaubst, auf Dein Schicksal auswirkt.» Kochs Ratschlag: «Mache das Beste aus Dir und Deinem Leben. So wirst Du zum Meister des alles umfassenden Informationsfeldes unserer Welt, welches man heute allgemein als »Die Matrix« bezeichnet.» (Über die Matrix gibt es schon vorher, nämlich am 31. März, einen Vortrag von Peter Denk, der darauf hinweist, dass schon die hinduistische Maya ein ähnliches Konzept wie die Matrix in den bekannten Filmen ist. «Das größte Geheimnis ist aber, wer diese Matrix eigentlich programmiert.» Koch verrät es am Samstag, wir hoffen, dass es nicht wieder die Weisen von Zion sind. 2017 wurde übrigens in der Matrix ein «Hebel» umgelegt, der die Zeitlinie mehrfach verändert hat. Darüber will man natürlich Bescheid wissen.

Nach der nachmittäglichen Pause steht «Illusion Tod» auf dem Programm, Johann Nepomuk Maier kolportiert «unveröffentlichte Forschungsergebnisse und sensationelle Fakten» zum Tod, die klar machen, dass es für das Ich-Bewusstsein nach dem Tod weiter geht, und wie! Für das Leben vor dem Tod gibt im vierten und letzten Vortrag Andreas Ludwig Kalcker in «Gesundheit verboten» sein Wissen über den von ihm gefundenen kleinsten gemeinsamen Nenner aller Krankheiten preis, das Lösungen anbietet, wo es bisher keine gab.

Auf dem Büchertisch wird noch mehr aus dem Osiris-Verlag liegen: L. Kins «Gott & Co» («In den oft verwirrenden Gewässern des New Age steht »Gott & Co« fest wie ein Leuchtturm und bietet denen einen Orientierungspunkt, die vielleicht vom Kurs abgekommen sind»), «Der Tod. Ein neuer Anfang?» von Erlendur Haraldsson und Karlis Osis, und natürlich die unvermeidliche «Verschlusssache Philadelphia Experiment» von Oliver Gerschitz, die beschreibt, wie Einstein und Tesla ein US-Kriegsschiff verschwinden und wieder auftauchen ließen. Gerschitz hat herausgebracht, dass bestimmte Gruppierungen im Deutschland der 1920er Jahre die vierte Dimension manipulierten, um Verbindung zu außerirdischen Kräften herzustellen. Das Philadelphia-Experiment verursachte einen Riss in der Raum-Zeit, durch den jetzt möglicherweise Alien-Invasoren eindringen.

So weit, so gut. Es ist nicht uninteressant zu sehen, welche weiteren Themen ein Verlag im Programm hat, der offensichtlich mit Lesern rechnet, die alles glauben, was gedruckt werden kann. Bei Osiris sind es die Abschaffung des Bargelds (Erich Hambach: «Scheiden tut weh», Arbeitstitel: «Bargeldlos zum gechipten Kontosklaven»), die Investition in Edelmetalle (Hans J. Bocker: «Gold! Silber! Jetzt!») und der Widerstand gegen den Rundfunkbeitrag (Marco Fredrich: «Raus aus dem Zwangs-TV»). Es erstaunt ein wenig, dass Menschen, die sich frei in der Matrix – ja, in der aus den Filmen – bewegen, lebenslang gesund bleiben und dem Tod ins Gesicht spucken können, einen Ratgeber für eine «erfolgreiche Gegenwehr» gegen die GIS brauchen. Und das, wo die «Freie Energie für alle!» vor der Tür steht, weil das Fachbuch «Energie Revolution» von Heinrich Schmid neben detaillierten physikalischen und technischen Erklärungen auch eine vollständige Bauanleitung für den ersten Energiekonverter der Welt gibt.

Falls Sie sich fragen, wer der Erfinder dieser revolutionären Maschine sein mag, gibt die Webseite des Verlags Auskunft: «Fachlehrer für Metall und Kfz, Kraftfahrzeugmeister, Erfinder mit 134 Patenten und Gebrauchsmustern. Zu seinen Erfindungen gehören unter anderem der Stickstoffmotor, eine Meerwasser-Entsalzungsanlage und der Energiekonverter. Heinrich Schmid ist seit über 35 Jahren Ehemann (mit ein und derselben Frau) und Familienvater. Er ist Wünschelrutengänger und auf das Aufspüren krankmachender Störfelder spezialisiert. Sein Hobby ist Fliegenfischen.» Wenn Sie die Wundermaschine haben wollen, müssen Sie 29,95 Euro für das Buch berappen, aber die sollten sich schnell amortisieren.


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