Les gardiennes

27.03.2018 Walter Gasperi

Nach «Von Menschen und Göttern» erweist sich Xavier Beauvois mit seinem Drama über französische Frauen, die während des Ersten Weltkriegs allein die Arbeit auf einem Bauernhof verrichten müssen, erneut als Meister eines bedächtigen und leisen, aber intensiven Kinos.


Wie aus der Zeit gefallen wirkt Xavier Beauvois´ Verfilmung von Ernest Pérochons 1924 erschienenem gleichnamigem Roman. Auf jedes Spektakel und eigenwillige Regieeinfälle verzichtet der Franzose völlig, schielt nie nach Originalität, biedert sich nie beim Publikum an. Als altmodisch und bieder könnte man «Les gardiennes» in seiner geradlinigen und auf alle Brechungen verzichtenden Erzählweise bezeichnen, doch entwickelt dieses Drama durch die Ernsthaftigkeit der Inszenierung von der ersten Einstellung an eine Spannung, die Beauvois über knapp 140 Minuten aufrecht hält.

Langsam gleitet die Kamera von Caroline Champetier über gefallene Soldaten, ehe mit dem Insert «1915» die eigentliche Handlung mit einer Frau, die ein Feld pflügt, einsetzt. Der Krieg wird im Folgenden nur noch in einem Alptraum des Soldaten Georges ein Gesicht bekommen, doch immer wird er durch Erzählungen oder die Nachricht vom Tod eines Sohnes oder Ehemannes präsent sein.

Präsent ist er aber auch durch die Abwesenheit der Männer und die Last, die damit in der französischen Provinz auf den Frauen liegt. Allein kümmert sich zunächst Hortense (Nathalie Baye) mit ihrer Tochter Solange (Laura Smet) um den Hof und die Felder, stellt aber dann auf Anraten ihres Sohnes Georges die Waise Francine (Iris Bry) als Magd ein. Rasch lernt Hortense das Geschick und den Einsatz von Francine schätzen. Bei einem Fronturlaub entwickeln sich zwischen Georges und der rothaarigen jungen Frau auch innige Gefühle, doch nicht alle sehen dieses Liebesglück gerne.

Bis ins Jahr 1920 spannt sich die Handlung, doch keine großen dramatischen Ereignisse werden geboten, sondern aufreizend viel Zeit lässt sich Beauvois für die Beschreibung der bäuerlichen Arbeit und ihren Wandel. Denn wird zu Beginn der Pflug noch von einem Pferd gezogen und der Weizen mit der Sichel geschnitten, wird bald eine mechanische Mähmaschine eingesetzt und schließlich auch ein Traktor in der Scheune der Familie stehen.

Wie in «Von Menschen und Göttern» fokussiert Beauvois auch hier auf einer relativ geschlossenen Gemeinschaft, deren Alltag und Beziehungen er ruhig und genau schildert. Erst mit dem Abschied Francines wird sich ein zweiter, freilich nicht weit entfernter Schauplatz und Erzählstrang einstellen, in dem aber auch die ländliche Arbeit eine zentrale Rolle spielt.

Bestechend lässt Beauvois durch die langsame Erzählweise den Zuschauer mit akribischer Ausstattung und mit lichtdurchfluteten Bildern der Feldarbeit, die teilweise an Gemälde von Jean-François Millet erinnern, ebenso wie mit winterlich verschneiten Szenen in diese vergangene bäuerliche Welt eintauchen. Immer wieder fährt die Kamera dazu in langen stillen Parallelfahrten die Menschen bei der Arbeit ab. Beim Schneiden des Weizens schaut man ebenso zu wie beim Hacken von Holz, beim Füttern der Schweine und Kühe, beim Ausmisten oder bei der Herstellung von Butter, dem Brennen von Schnaps bis hin zum Köhlern.

Leise kommt dieses Drama daher, auch Musik wird sehr reduziert, aber pointiert fünf Szenen akzentuierend eingesetzt. Nur Francines Antritt ihrer Stelle am Hof, die Nachricht vom Tod von Hortenses älterem Sohn, ein Ausflug von Francine und ihrem geliebten Georges sowie zwei weitere Szenen unterlegt Beauvois mit Filmmusik.

Auf schnelle Schnittfolgen verzichtet er und erzählt vorwiegend in distanzierten Einstellungen, während Großaufnahmen eher spärlich, aber wirkungsvoll eingesetzt werden. Gerade in seinem bedächtigen Erzählrhythmus, im geduldigen Blick, in der Zeit, die hier jeder Einstellung und jeder Szene gelassen wird, und natürlich durch die herausragenden Darstellerinnen gewinnt «Les gardiennes» aber Dichte und bewegende Kraft.

Während man das Grauen des Stellungskriegs in den kurzen Erzählungen der Soldaten auf Fronturlaub erahnen kann, lassen die Frauen die Schockwellen, die Ängste und die Trauer, die der Krieg ins Landesinnere trägt, spüren. Großartig ist Nathalie Baye, die zunächst als gütige Chefin erscheint, dann aber auch eine harte und ungerechte Seite an den Tag legt, die sie am Ende mit schweren Schuldgefühlen büßen wird. Schlichtweg sensationell ist aber die 26-jährige Bibliothekswissenschaftlerin Iris Bry, die in ihrer ersten Filmrolle eindrücklich die Entwicklung Francines von der stets hilfsbereiten Magd über alle Enttäuschungen hinweg zur selbstbewussten Frau vermittelt.

Kinok, St. Gallen: 28.3., 15.50 Uhr; 2.4., 11 Uhr; 4.4., 14 Uhr; 14.4., 13.20 Uhr

Trailer zu «Les gardiennes»

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