Endlich mehr Sicherheit!

19.03.2018 Kurt Bracharz

Vor ein paar Tagen fuhr ich wie so oft nach Lindau und zwar, wie so oft in letzter Zeit, wegen Bauarbeiten per Schienenersatzverkehr, also mit einem Bus. Der wurde bisher immer durchgewinkt bzw. gar nicht beachtet. Diesmal hielt er an, zwei deutsche Grenzwachbeamte stiegen zu, der eine blieb an der Vordertür, der andere ging durch den Bus und musterte die Fahrgäste – hauptsächtlich Pensionisten, die eigentlich in den Lindaupark wollten. Da weder Schwarze noch Roma noch Schwaben in Islamistenkluft im Bus waren, zogen sich die Grenzer wieder zurück. Dass Söder sein häßliches Gesicht (das man ihm nicht vorwerfen kann, er hat ja kein anderes) so schnell zeigen würde, hatte ich nicht gedacht (dieser Grenzübergang ist auf bayrischem Boden).


Einen Tag später stehe ich im Regionalexpress nach Feldkirch inmitten einer Traube halbwüchsiger Schüler. Die Belegung der Wagen geht schon in Richtung indischer Vorortezug, trotzdem wühlen sich Beamte durchs Gedränge. Zuerst ein Zugsbegleiter, der die Ausweise der Schüler überprüft (es ist Schultag, und alle Schüler haben einen Ausweis, das ist also reine Show), und hinter ihm – ich traue meinen Augen nicht, es ist doch ein ganz normaler Wochentag in Vorarlberg – zwei Polizisten mit Smartphone und Laptop, die tatsächlich auch Ausweise von diesen Berufs- oder Gewerbeschülern sehen wollen. Der neben mir stehende Junge ist gebürtiger Kroate, was den Polizisten zu einem launigen Kommentar darüber veranlasst, dass die Kroaten jetzt auch schon überall anzutreffen seien. Der Schüler findet das eh lustig und meint, sogar in Mexiko gibt’s welche. In Serbien würde mich mehr wundern, aber ich sage natürlich nichts. Ich werde dieses Mal nicht kontrolliert, vor zwei oder drei Jahren, also unter einem anderen Innenminister, stieg einmal eine ganz Romagruppe in den Wagen hinter dem meinen, und zwei am Bahnsteig stehende Polizisten stiegen daraufhin bei mir ein und kontrollierten meinen Ausweis.

Das ist also die von den Völkischen versprochene Präsenz der Sicherheitskräfte im Alltag, die das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung erhöhen soll. In der Zeitung lese ich, dass die Aufnahmekriterien in den Polizeidienst gemildert werden sollen, damit man mehr von den zahlreich vorhandenen, aber teilweise recht unbedarften Bewerbern annehmen kann. Auch Tätowierungen am Unterarm oder hinter dem Ohr sind jetzt kein Hinderungsgrund mehr, sofern «die Darstellung nicht problematisch» ist (sagte der Innenminister in Wels beim Startschuss zur Rekrutierungsoffensive). Was mag als «problematisch» gelten? Zahlen wie 18 oder 88 werden von vielen Leuten für das Alter oder den Intelligenzquotienten des Trägers gehalten, wäre es also ein Problem, sie auf den Fingern oder hinterm Ohr zu haben? Könnte vielleicht das Innenministerium in besonderen Fällen die Tattoo-Entfernung bezahlen, wenn man dadurch wertvolle Kräfte für den Polizeidienst gewinnen könnte? Wird man in absehbarer Zeit im Regionalzug regelmäßig von lese- und schreibschwachen, aber elektronisch gut bestückten Tätowierten zur Ausweisleistung aufgefordert werden? Wir werden sehen. Mir gibt das alles jedenfalls mehr Sicherheit zum weiteren Vertreten meiner Meinung, die allgemeine gesellschaftliche Marschrichtung sei «den Bach hinunter».


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