Diagonale 2018: Starke Mischung

21.03.2018 Walter Gasperi

13.03.2018 bis 18.03.2018  

Mit der Verleihung unter anderem des Großen Diagonale-Preises für den besten Spielfilm an Christian Froschs «Murer – Anatomie eines Prozesses» und für den besten Dokumentarfilm an Nikolaus Geyrhalters «Die bauliche Maßnahme» ging das Festival des österreichischen Films am letzten Sonntag zu Ende. Die heurige Ausgabe bestach durch eine starke Mischung nicht nur von Dokumentarfilm und Spielfilm, sondern auch von Routiniers und Newcomern.


Sehr gelungen war die Programmierung der Auswahlschau des österreichischen Films. Neben Werken von renommierten Regisseuren wie Barbara Albert («Licht») oder Michael Haneke («Happy End») im Jahresrückblick, fehlten auch Österreichpremieren von jungen Regisseuren wie Katharina Mückstein oder Stefan Lukacs nicht. Ausgewogen war auch die Mischung von Dokumentar- und Spielfilmen, in beiden Bereichen konnte man spannende Entdeckungen machen.

Politisch oder sozial relevantes Kino boten nicht nur Christian Froschs «Murer – Anatomie eines Prozesses» und Nikolaus Geyrhalters «Die bauliche Maßnahme», sondern auch «Zu ebener Erde» von Birgit Bergmann, Steffi Franz und Oliver Erwani. Kommentarlos begleitet das Regietrio abwechselnd vier Obdachlose durch ihren Alltag in Wien, greift einzig durch einige Fragen aus dem Off ein. Dieser Film schaut dort hin, wo man sonst gerne wegschaut, und die Not, die sonst vielfach abstrakt bleibt, bekommt hier ein konkretes Gesicht.

Vertraut werden einem im Laufe des Films die vier Protagonisten: Über deren Biographie erfährt man zwar bestenfalls bruchstückhaft etwas, erfahrbar wird aber ihr Leben zwischen Übernachtung im Freien, Notschlafstätte, Waschsalon und Kleiderausgabe. – Anders wird man nach diesem Film - zumindest eine gewisse Zeit - auf Obdachlose blicken.

Ein beeindruckendes Porträt einer beeindruckenden Frau zeichnet dagegen Ruth Kaaserer in «Gwendolyn». Nach den Boxerinnen in «Tough Cookies» (2014) fokussiert Kaaserer mit einer Londoner Gewichtheberin wiederum auf einer Frau in einem männlich konnotierten Sport. Wie bei «Zu ebener Erde» vertraut auch hier die Regisseurin ganz auf die begleitende Beobachtung, verzichtet auf Voice-over und Interviews, sodass man erst sukzessive und nur bruchstückhaft Einblicke in die Biographie der 65-jährigen gebürtigen Österreicherin bekommt.

Unaufgeregt und ruhig, aber mit spürbarer Empathie folgt Kaaserer ihrer Protagonistin, deren graziler Körper in krassem Gegensatz zu ihrem Sport steht, durch ihren Alltag. Man sieht die Frau, die sich aufgrund einer halbseitigen Gesichtslähmung schwer mit dem Lächeln tut, mit ihrem afrikanischen Ehemann auf der Couch, mit ihrem Sohn, mit ihrer brasilianischen Enkelin oder beim Training für die anstehenden Europameisterschaften in Aserbaidschan.

Aber auch die Krebserkrankung, die im Laufe des Films eine neuerliche Operation erfordert, wird nicht ausgespart. Nichts wird besonders betont, gleichrangig stehen die Szenen und Aktivitäten nebeneinander und fügen sich zum feinfühligen und bewegenden Porträt einer Frau, die kein großes Aufhebens um sich macht, in der aber eine große Kämpferin steckt.

Vom Tier im Menschen, von der Schwierigkeit aus verinnerlichten und von der Gesellschaft vorgegebenen Geschlechterrollen auszubrechen, erzählt dagegen Katharina Mückstein in ihrem starken zweiten Spielfilm «L´animale». In präzisen Szenen zeichnet Mückstein, unterstützt von einer großartigen Sophie Stockinger in der Hauptrolle, das Bild einer Maturantin, die sich in ihrer Haut zunehmend unwohl fühlt.

Statt ein Kleid für die Matura auszusuchen, fährt sie lieber mit Jungs in einem Steinbruch mit ihrer Motocross-Maschine um die Wette. Auch der Gedanke im Herbst wie ihre Mutter Veterinärmedizin zu studieren, behagt ihr nicht. Ihre inneren Probleme verstärken sich, als ein Nachbarsjunge mehr als nur ihr Freund sein will, sie aber im Gegensatz dazu Gefühle für ein Mädchen entwickelt.

Den Rahmen der Coming-of-Age-Geschichte weitet Mückstein, indem sie in einem parallelen Erzählstrang von ähnlichen Problemen der Eltern erzählt, denn wie der Neubau der Familie ist eben das Leben auch nie fertig, sondern ständig im Fluss. Die Lage dieses Hauses am Rande des Walds, an der Grenze zwischen Zivilisation und Natur kann man dabei auch als Bild für das Spannungsfeld des Menschen zwischen Begehren, das oft als animalisch abgekanzelt wird, und gesellschaftlichen Normen lesen.

Zahlreiche Symbole für diese Befindlichkeit des Menschen von den immer wieder vorkommenden Tieren bis zu den Protektoren, die die Protagonistin bei ihren Motocross-Fahrten trägt, lassen sich im Film finden, doch werden diese werden nicht überstrapaziert, sondern ergeben sich ganz selbstverständlich aus der realistisch erzählten Handlung.

Die Parallelität der Teenager- und Elterngeschichte wirkt zwar etwas konstruiert, doch die stringente Entwicklung der Handlung und hervorragende Darsteller lassen darüber ebenso hinwegsehen, wie ein großartiger Moment, in dem der Film mit dem Realismus komplett bricht und alle Protagonisten in großer Parallelmontage eine Zeile aus Franco Battiatos Song «L´animale» mitsingen und damit ihre Gefühle ausdrücken.

Auf eine Männergesellschaft fokussiert dagegen Stefan A. Lukacs in dem mit dem Publikumspreis ausgezeichneten «Cops». Authentisch und atmosphärisch dicht fängt Lukacs den Körper- und Männlichkeitskult ein, der in der Wiener Polizei-Spezialeinheit WEGA herrscht. Als Familie versteht man sich, verbringt auch außerhalb der Arbeit Zeit miteinander und will auf keinen Fall eine Schwäche zeigen.

So setzt auch der junge Chris nach einem tödlich endenden Einsatz der Schusswaffe seine Arbeit scheinbar ungerührt fort, doch die Erinnerung bricht immer wieder in Flashbacks herein. Das ist nicht nur eine packende Innensicht der WEGA, sondern besticht auch durch starke Darsteller, kraftvolle Inszenierung und die Vielschichtigkeit, die der Film im Blick auf die Polizeiarbeit und deren Belastungen an den Tag legt. Denn Lukacs zeigt nicht nur «Reserve Rambos», die sich wegen der «Action» zur WEGA gemeldet haben, sondern auch einen Polizisten, der in der Arbeit ausbrannte, oder eine Polizistin, die bei ihrem Einsatz schon im Stile einer Sozialarbeiterin agiert.

Schwerere Kost bietet Ludwig Wüsts «Aufbruch». Wüst kommt mit einem Mann (Ludwig Wüst) und einer Frau (Claudia Martini), einem gelben Mopedauto und dem ländlichen Burgenland als Hintergrund aus. Der Mann hat seine Freundin verlassen, die Frau scheint ihr bisheriges Leben hinter sich gelassen zu haben. Kaum etwas erfährt man über diese Figuren, der Dialog ist auf ein Minimum reduziert.

Zufällig begegnen sie sich und der Mann nimmt die Frau in seinem gelben Mopedauto mit. Sie stoppen bei einer Werkstatt, in der er ein Kreuz fertigstellt, dann in ihrem früheren Wohnhaus, das zum Abbruch bereit steht. Als das Mopedauto den Geist aufgeht, setzen sie den Weg zunächst zu Fuß, dann mit einem Ruderboot auf einem Fluss fort.

Geduld fordern die endlos langen Einstellungen, in denen kaum etwas passiert. Andererseits lässt oder schenkt dieses minimalistische Kino der Entschleunigung dem Zuschauer aber auch Zeit sich in den Bildern umzusehen, auf kleine Gesten sowie Handgriffe zu achten und macht in der Langsamkeit Trauer, Schmerz und Verzweiflung, aber auch die langsame Annäherung und wachsende Vertrautheit der Protagonisten erfahrbar.

Großes Vergnügen bereitet schließlich Bernhard Wengers mit dem Kurzfilmpreis ausgezeichneter 20-minütiger Spielfilm «Entschuldigung, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin». Wenger erzählt darin von einem jungen Schweden, der, nach einem Streit mit der Freundin, selbst die Räumlichkeiten eines Wellnesshotels erkundet und dabei unterschiedliche Bekanntschaften macht. Nicht nur das Setting erinnert an Paolo Sorrentinos «Youth», sondern auch der Blick, in dem die Räumlichkeiten und Handlungen skurril wirken, aber Wengers Film überzeugt auch durch den trockenen Erzählton und den sorgfältigen Aufbau, sodass man schon jetzt auf weitere Arbeiten dieses Newcomers gespannt sein darf.

  • Gwendolyn; © Serafin Spitzer
  • L'Animale; © NGF / La Banda
  • Cops; © Andreas Thalhammer und Xiaosu Han
  • Aufbruch; © Klemens Koscher / AAC
  • Entschuldigung, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin; © Bernhard Wenger

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